Über mangelnde weibliche Vielfalt kann sich Sven Schwalm sicher nicht beklagen: Durchschnittlich zweimal pro Woche steht ihm ein neues Mädchen ins Haus. Die wenigsten freilich stelzen auf Highheals, mit Minirock und wehender Mähne herein. Stattdessen ist der Auftritt meist eher low profile: Parka, Kaputzensweatshirt, Boots. Schließlich geht es in den nächsten Stunden vor allem ums Ausziehen. Sven ist Fotograf. Erotik-Fotograf, genauer gesagt.

„Ich bin immer ganz gespannt darauf, wer da zur Tür reinkommt“, sagt er. „Ob süß, herb, verträumt oder sexy: Es ist jedes Mal ein besonderer Moment, wenn das Model erscheint“, sagt Sven. Sie sind allesamt immer sehenswert“, sagt er im Brustton der Überzeugung.  Ohnehin zählt in den nächsten vier bis sechs Stunden vor allem, ob die Chemie stimmt, sich schnell die wichtige, von Vertrauen und Darstellungslust geprägte Konzentration aufbaut. Oder anders gesagt: Wird jene Magie, diese ganz besondere Spannung zwischen Modell und Fotograf entstehen, wo die Gedanken zweier Menschen hin und her fliegen, der Auslöser der Kamera im Rhythmus fließender Bewegungen herausdestilliert, was überzeugend schön und unwiederbringlich seinen Ankerpunkt in sinnlicher Bildpoesie finden soll?

Sven Schwalm, gebürtiger Hesse, 38 Jahre alt, als Fotograf ursprünglich Autodidakt, sieht die Sache eher locker. Sein Briefing an die Mädchen: „Bring einfach was Hübsches zum Ausziehen mit“.  Eine große Kulisse braucht er nicht. Keine Windmaschine, keine Aufbauten, keine Hohlkehle, keine Heerscharen von Assistenten und Stylisten. Ein Haare & Makeup-Artist kommt auch eher selten vor. „Für das, was ich mache, sind Studios zu leer und unpersönlich“, sagt Sven. „Eigentlich brauche ich nur eine Ecke mit Fenster und Stuhl, wo ich fotografieren kann. Häufig finden die Shootings in seiner geräumigen Altbauwohnung in Hamburg Altona statt, gelegentlich aber auch in den Wohnungen seines weit verzweigten Freundeskreises. „Ich mag das Gelebte, Authentische“, sagt Sven.

Irgendeine Küche, ein alter Sessel, abgetretene Holzdielen, eine fadenscheinige Decke, eine alte Schaukel oder ein Bootssteg im Schilf werden zu jenen hintergründigen Kulissen, die den Fotos unaufdringlich Atmosphäre verleihen. Wichtig ist eher, wie die Kamera über die Haut der Mädchen wandert. Mal sind es ein paar feine blonde Härchen auf den Oberschenkeln, die vor dem Hintergrund einer unaufgeräumten Spüle im Gegenlicht glitzern, mal Schattenstreifen auf einer roh gekalkten Wand, die einem Foto den besonderen Kick geben. Sommersprossen, ein alter Bauerntisch,  die verknautsche Packung Zigaretten, die scheinbar unachtsam neben der Matratze auf dem Fußboden liegt, Retromöbel, ein Bücherstapel und ein halb getrunkenes Glas latte macchiato reichen Sven Schwalm, um die Phantasie des Betrachters abzuholen und mitzunehmen auf eine Phantasiereise in die Welt weiblicher Schönheit und Verführung. Aufgestylte Hotelsuiten oder Luxusyachten braucht es für die den poetischen Momenten des Lebens entliehene Bilder nicht.

Schon mit 15 Jahren wusste Sven, dass er einmal Fotograf werden wollte.  Anfangs fotografierte er Musiker, Künstler, Mode, hat Plattencover gemacht. „Doch irgendwas hat mir damals gefehlt“, sagt Sven. „Zur Aktfotografie bin ich erst später über den Umweg der Portraitfotografie gekommen“.

Wie viele seine Kollegen hat er sich anfangs schwer getan mit der digitalen Fotografie. „Es war schon irgendwie komisch, aus synthetischen Daten Bilder zu machen“, sagt er. Doch heute sei er froh, dass er auf die aufwändige Labor- und Nacharbeit der analogen Fotografie verzichten könne.

Die Lehr- und Wanderjahre führten Sven zwischen 1993 und 1995 studierender weise an die Akademie für Kommunikation, Jahre als Assistent bei namhaften Fotografen wie Carsten Witte oder Andreas Münchbach schlossen sich an.

Sein derzeit wichtigstes Projekt ist die Online-Galerie „NuJolie“ (www.nujolie.com). Hunderte von erstklassigen Fotografien können hier entdeckt, gegen eine kleine Gebühr als Serie heruntergeladen oder als wertvolle Prints bestellt werden. Das Angebot an Bildern stammt von einem ständig wachsendem Netzwerk von Fotografen und Fotografinnen, die hier ihre sinnlich erotischen Arbeiten einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Wöchentlich gibt es updates.

Das gemeinschaftlich verfolgte Ziel dabei sei es, „der erotischen Fotografie die Würde und die Schönheit zurückzugeben, die sie im Zeitalter von Digitalkameras und Internet zunehmend verloren“ habe. Dabei, so heißt es, liege „der Fokus darauf, die persönliche Ausstrahlung und die natürliche Schönheit der Modelle zu transportieren ohne aufdringlich zu wirken“.

Mittlerweile gehören sechs feste Fotografen zu dem Netzwerk (neben Sven Juri aus Berlin, der eigentlich im Filmbusiness ist, Christoph Meyer Eisenarm, Sandra Ludewig, Tobias Lang, und Philippe Matisse); dazu 2 bis 3 Freie, die ab und zu etwas beisteuern. Alle mögen sich, alle stehen in enger Kommunikation zueinander. Insgesamt 85 Modelle haben bereits mitgemacht. Manche Mädchen haben schon mehrfach für nuJolie posiert. Das Geschäftsmodell ist simpel: Die Mädchen erhalten zwar kein Honorar, sind aber substanziell am Umsatz mit Downloads oder verkauften Prints beteiligt.

In der Regel entstehen die Serien im Teamwork aus Modell und Fotograf. „Normalerweise“, sagt Sven, „braucht man erst mal eine Stunde, um sich kennenzulernen, miteinander warm zu werden, sich auf eine Idee zu einigen“. Dann wird 4 bis 5 Stunden lang fotografiert. In 90 Prozent der Fälle sind Mädchen und Fotograf in dieser Zeit allein miteinander. Musik spielt als Stimulans eine wichtige Rolle. „Die Mädels müssen viel Vertrauen haben“, räumt Sven ein, „da sich auf diesem Sektor viele schwarze Schafe tummeln“. Mit Pornografie, sagt Sven klipp und klar, wolle man nichts zu tun haben.

Nach dem Shooting schauen sich Fotograf und Modell gemeinsam die Aufnahmen an. „Wenn ein Mädchen das Gefühl hat, dass das eine oder andere Bild zu weit geht, nehmen wir es raus“, erklärt Sven.

Sven Schwalm bei der Arbeit

Fast immer freilich seien die Mädchen begeistert von den Ergebnissen, und oft komme es vor, dass sie einige der Bilder als Abzüge auch für sich haben wollten.

Regelmäßig werden Serien und Motive auch in großen Magazinen wie etwa Men´s Health veröffentlicht. Um die Vermarktung der Werke noch stärker zu professionalisieren, will Sven Schwalm noch in diesem Jahr eine eigene Bildagentur gründen. Besonders aber freut er sich auf ein Buchprojekt mit tollem Papier und hochwertigem Druck, das Ende des Jahres herauskommen soll als Querschnitt der besten nuJolie-Arbeiten.

Sven Schwalm


Eine feste Freundin hat er derzeit übrigens nicht, verrät er zum Ende des Interviews mit TRIP. „Auch wenn man beim Fotografieren ab einem bestimmten Moment gar nicht mehr mitbekommt, dass die Mädchen eigentlich nackt sind“, schmunzelt Sven, sei der Eifersuchtsfaktor bei dieser Art von Arbeit offenbar groß. „Selbst die coolsten Frauen fangen immer irgendwann an, sich mit dem Models auf den Fotos zu vergleichen.“

Dabei gilt besonders auch bei der erotischen Fotografie: Niemand ist perfekt. „Mit der Kamera“, sagt Sven, „hat man immer die Möglichkeit, Stärken zu betonen und Schwächen zu kaschieren. Schon während der Aufnahme achte er instinktiv darauf, durch das richtige Licht und die richtige Position die Vorzüge herauszuarbeiten. Ist das nicht schön?

Mehr Infos unter: www.nujolie.com

 

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