Seine Karriere als Künstler läuft seit nicht mal drei Jahren, und schon hat Vitor Rolim die Wände des Google-Büros in São Paulo gestaltet, für Marc Jacobs ein Schaufenster-Konzept entwickelt, sowie Räumlichkeiten verschiedener grosser Unternehmen dekoriert – darunter die Bank HSBC, die Telefongesellschaft VIVO oder die Möbelkette Etna.

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Kaum hatte er der Werbebranche den Rücken gekehrt, um sich fortan als Künstler zu betätigen, ging alles sehr schnell. „Es war irgendwie ein Witz: eigentlich wollte ich nur für ein paar Monate Abstand gewinnen von meinem Job“, erzählt Rolim. „Ich hatte ein bißchen Geld gespart, also beschloss ich, Bilder zu malen und zu verkaufen, um zu sehen, was so geht. Ehe ich mich versah, wurde ich von Google engagiert“, erzählt er mit der Unbekümmertheit des Abenteurers, der sich zu jeder Zeit auf seine Instinkte verlassen kann.

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Sein kreatives Talent war Vitor Rolim in die Wiege gelegt. Er wuchs inmitten der Zeichnungen seines Vaters auf, ein Maschinenbauingenieur, die eine Karriere als Industrie-Designer gemacht hat und seinen Sohn immer beeinflusst und ermutigt hat. „Ich erinnere mich an die riesigen Entwürfe, die überall im Haus heumlagen.“ Später, als Jugendlicher, hatte er viel Freude am Kunstunterricht und es war nur eine Frage der Zeit bis er anfing zu malen. „Nachdem ich als 24jähriger mein erstes Bild verkauft habe, gab es kein Zurück mehr.“

 

Die Gemälde und Wandmalereien vom Vitor wirken aus der Ferne recht chaotisch, aber beim genauen Hinsehen erkennt man die Fülle an Details, Informationen und künstlerischen Referenzpunkten. „Ich stelle mir vor, wie Albert Einstein, zum Beispiel, oder Jimi Hendrix, Steve Jobs, Thomas Edison gemalt hätten… All diese Männer haben gelebt, um das Chaos zu organisieren und genau das tue ich auch“, erklärt er.

Und genau so sieht sich Vitor: Als Organisator des Chaos, als jemand, der durch seine schöpferische Arbeite die Flut an visuellen und akustischen Informationen,  die sich täglich über die Menschen ergiesst, einordnet und in Beziehungen setzt: „Alles ist irgendwie miteinander verbunden, erfüllt irgendeine Funktion in einer undurchschaubaren urbanen Maschinerie“, sagt er. „Meine Kunst spielt mit dem kollektiven Unbewussten von São Paulo. Meine Kunden sind Menschen, die mit gleichen Dingen wie ich aufwuchsen: Cartoon Network. Sie leben schnell und hart, wissen aber auch zu genießen“.

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Geboren an der Küste, in der Hafenstadt Santos, bewegt sich Vitor noch heute durch São Paulo mit den staunenden Augen eines Kindes.

Skizzen fertigt er in der Regel nicht an. Die ursprüngliche Idee von dem, was er malen will, existiert nur in seinem Kopf, alles ist Improvisation. Von anderen reinreden läßt sich Vitor Rolim schon gar nicht. Kreative Freiheit steht für ihn an erster Stelle. „Ich male, was ich will, das mache ich meinen Kunden gleich zu Anfang klar“. Und immer alles schwarz auf weiß. „Mein Leben war schon immer sehr schwarz und weiß, sehr praktisch, kein Bullshit“.

Obwohl sich seine Kunst als ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Chaos versteht, erkennt man einen klaren roten Faden. „Alle meine Werke zusammen erzählen mehr oder weniger die gleiche Sache. Sie sind miteinander verbunden und bilden sozusagen ein einziges riesiges Wandbild, um Menschen zu inspirieren. Die Aufgabe meiner Bilder ist es nicht, den Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen oder politische Mißstände anzuprangern, sondern sie sollen Leute zum Lachen bringen nach einem anstrengenden Arbeitstag“.

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Trotz aller Verspieltheit hat der 30 Jahre alte Künstler einen gesunden Instinkt für die geschäftliche Seite. Vor kurzem gründete er sogar eine Firma zur Vermarktung seiner Arbeiten. Beispielsweise startete in diesem Monat der Verkauf von Schulprodukten mit seinen Zeichnungen: Es gibt Rolin-Rucksäcke, Federmäppchen und Hefte. „Ich mag diese Form der Multiplikation“, lacht er.  „Ein Bild ist nur ein Bild. Für meine Zukunft stelle ich mir etwas anders vor. Mehr Mauricio de Sousa, mehr Walt Disney, meine Kunst soll die Menschen in vielerlei Hinsicht erreichen“. Und damit nicht genug: „Irgendwann möche ich noch meinen eigenen Zeichentrickfilm haben, eine Ausstellung in Asien machen und ein Bild im Weltraum zeichnen“. Warum auch nicht?

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