Er sieht aus wie ein Abenteurer auf der Durchreise, so wie er da steht in seiner Altbauwohnung am Prenzlauer Berg. Barfuß, mit der Zigarette in der Hand, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen. Jo Schwab, 42 Jahre alt und in Rom aufgewachsen, ist jener Typ von Mensch, der immer wieder aufs Neue an sich wachsen will und dafür sein künstlerisches Ortungssystem auf die hintergründigen, verborgenen Reize eingestellt hat.  Er will bei seiner Spurensuche tiefer dringen als die anderen und hat damit ein Auge für besondere Menschen entwickelt, was ihn zu einem der wichtigsten Talente der Berliner Fotografen-Szene macht.

Der Fotograf Jo Schwab

Kein Gesicht, kein Schicksal ist Jo Schwab fremd. Als Sohn eines Psychiatrie-Professors mit eigenem Sanatorium war er schon ganz früh dran am Irrwitz und an der Vielfältigkeit menschlicher Geheimnisse. Doch spätestens nach seinem Zivildienst in Köln als Betreuer von Schwerbehindern war ihm klar, dass er zwar die Nähe suchte zu den Narben des Lebens, aber auch gleichzeitig den Abstand des Chronisten brauchte. Die Entscheidung für die Fotografie als Beruf war daher nur folgerichtig: Ein unmittelbares Medium, das den nötigen Abstand bot durch das Gehäuse und das Objektiv.

Jo wollte eigentlich nach Berlin und an die HDK  und dort die Fotografie als reines Kunststudium lernen.  Doch dann machte er eine solide, praktisch orientierte Ausbildung an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München, an der auch Jürgen Teller studiert hatte. „Ich bekam dort eine sehr gute klassische Ausbildung“, sagt Jo: „Dunkelkammer, Grossbild, das gesamte Spektrum“. Doch schnell wurde es ihm in München zu eng; für die Jahre als Assistent wollte er hinaus in die Welt und zog 1995 nach London. Zwei Jahre hielt er durch, dann ging es zurück Deutschland. „London ist sehr teuer. Die Verdienstmöglichkeiten waren dort zu schlecht um mich über Wasser halten zu können“. Da aber Jo nicht wirklich wusste, welche Stadt jetzt passend war, landete er notgedrungen dann doch wieder in München. „Eigentlich ist das für junge Fotografen kein schlechter Ort“, sagt Jo.  „In München gibt es viele Verlage und Redaktionen“. Und so ging es dann auch relativ schnell los mit den ersten Jobs.  Jo durfte für das „Jetzt-Magazin“ der Süddeutschen Zeitung fotografieren.  Es seien viele Reportagen und Portraits entstanden, auf die er noch heute stolz sei. Und: Das „Jetzt-Magazin“ war für ihn der Türöffner ins SZ-Magazin. „Man konnte dort größere schönere Geschichten machen, erinnert sich Jo. Wiederum lag der Schwerpunkt auf Reportagen und Portraits, oft auch in Schwarzweiß.
Bald hatten ihn auch die Fotoredaktionen großer Frauenzeitschriften entdeckt:  Cosmopolitan, Marie Claire, Allegra. Und es gab erste, lukrative Aufträge aus der Werbung.

Doch 2000 hatte Jo das Bedürfnis, auszubrechen. Er wollte raus aus dem Biergartenklüngel Münchens, brauchte künstlerisch einen neuen Kick. Berlin.  So wie viele Kreative erhoffte auch er sich von der ehemaligen Mauer-Stadt Reibungsflächen, Impulse, einen anderen mentalen und visuellen Horizont.  „Allerdings mit den großen Nachteil, dass ich die alten Kunden nicht mehr hatte. In Berlin war ich plötzlich vom Radar verschwunden“, sagt Jo. „Die ersten beiden Jahre waren wirklich hart.  Mich plagte ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass ich mich so ins Aus geschossen hatte“.  Am Ende stellte sich der Umzug dennoch als gute Sache heraus. Jo machte einfach weiter, wühlte sich in die neue Szene hinein, blühte künstlerisch auf mit freien Arbeiten.  Für den Lebensunterhalt akquirierte er Katalog-Jobs.

Irgendwann ging es los mit diesen ganz besonderen Portraits,  die heute seine Handschrift prägen und für den Betrachter eine fast magische Kraft entwickeln. Die Aufnahmen wirken wie eine Verdichtung des Lebens, sozusagen wie das Destillat eines einzigartigen Schicksals, das seine Spuren unauslöschlich hinein geschrieben hat in Augen, Wundwinkel, Mimik und Haltung.  Die Nacktheit seiner Protagonisten spielt dabei eine besondere Rolle: Das Gesicht erklärt sich aus dem Körper, und der Körper verrät das, was der Mensch seinem Leben abverlangte.

„Es sind Portraits von Menschen, die zufälligerweise nichts anhaben“, sagt Jo: „Der Akt ist entstanden als Mittel des Weglassens“. Nacktheit sei nicht das zentrale Thema. Von der Anfangsidee her wollte er aufzeigen, dass menschliche Schönheit viel mit einem gewissen Bewusstsein zu tun hat. Häufig hätten die Menschen gar kein Gespür für ihr Aussehen und die tieferen Schichten dessen, was Körper und Gesicht für den genauen Beobachter an Wundern bereithält.
„Wenn man beruflich mit den typischen Models zusammenarbeitet, stellt man fest, dass diese Menschen oft den Nachteil haben, dass sie ständig feedback bekommen auf ihre Schönheit. Sie werden dadurch eitel und setzen ihre  körperlichen Vorzüge gezielt ein. Dadurch geht das Natürliche verloren“, erklärt Jo.  „Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ebenfalls schön sind, aber nicht die geringste Ahnung davon haben“.
Dies sei eine Art von Jungfräulichkeit oder Unschuld, die ihn als Fotograf sehr reize.  Die Unbewusstheit zu entdecken und durch die Arbeit mit der Kamera in einem Foto freizulegen, mache den großen Reiz dieses Projektes aus. „ Es ist mir wichtig, dass ich diese Leute nicht kenne. Die Kunst liegt nicht darin,  irgendein Licht zu setzen oder die Kamera zu bedienen, sondern allein in der Frage: wie kriege ich jemanden, denn nicht kenne dazu, dass er mir seine Seele öffnet und mir genau das gibt, was ich will.“

Die Shooting-Termine sind relativ kurz, nicht länger als 2 Stunden.  Jo arbeitet ohne Assistenten und Visagisten.  Die Aufnahmen entstehen in seinem kleinen Studio, das er sich in einem der Räume seiner Berliner Altbau-Wohnung eingerichtet hat.

Scheu, auf fremde Menschen zuzugehen hat er längst nicht mehr. „Wenn mich jemand interessiert, dann frage ich. Meistens zeige ich auch mal die Arbeiten, die ich  vorher gemacht habe.“
Nach welchen Kriterien sucht er seine Protagonisten aus?  Jo überlegt lange, weiß keine wirkliche Antwort. Es ist wohl ein primär unterbewusster Prozess, der ihn in wenigen Sekunden sicher macht, wen er fotografieren möchte und wen nicht. „Ich sehe jeden Tag sehr viele Menschen und sortiere dann sehr schnell ein.  Um vordergründige Erotik gehe es dabei nicht.  „Es muss irgend etwas in mir passieren, eine Art Projektionsfläche entstehen“, sagt Jo.
Bevor er die Kamera heraushole, beginne das Wichtigste: Vertrauen aufbauen.  „Die Person vor der Kamera muss das Gefühl bekommen, dass ich behutsam damit umgehe, was ich gezeigt bekomme“, sagt Jo. „Man kann sich auch im Gesicht nackig machen. Wenn die Bilder fertig sind, kucke ich mir die Sache genau an. Der Fokus liegt immer auf dem Gesicht.“

Und tatsächlich schafft es Jo, mit seiner Art der Fotografie zwischen Bild und Betrachter eine von Respekt bestimmte Verknüpfung herzustellen. “Man traut sich vielleicht gar nicht, auf die Brüste zu schauen, verhält sich, als hätte man kein Bild, sondern eine wirkliche Person gegenüber“, beschreibt Jo den Effekt seiner Fotos.  „Ich möchte aber auch vermeiden, den Betrachter zu schnell auf eine bestimmte Spur zu bringen. Ich mag Bilder, die ganz einfach sind und mich gleichzeitig zum Denken bringen ohne dass der Weg dahin vorgegeben ist.

Über solche Verknüpfungen denkt Jo viel nach.  Er sei sich im Klaren darüber dass Fotografie dem Wesen nach etwas Oberflächliches habe.  Trotzdem habe sie die Kraft, eine tiefere Aussage zu treffen.  „Es geht um die Frage: Wie funktioniert Wahrnehmung? Welche Assoziationen oder Emotionen entwickeln wir, wenn wir etwas sehen? Gerade als Fotograf muss man aufpassen, dass man nicht Opfer seiner eigenen Vorlagen wird“, sagt Schwab. Es gäbe Milliarden von Bildern und im Prinzip hätte man deshalb schon alles irgendwie gesehen. Das sei der Grund für ihn, sich bei jeder neuen Aufnahme zu fragen, wie das Foto geschaffen sein müsse, damit es auch über den Moment hinaus funktioniert.
Ein Brandzeichen setzen im Gedächtnis der Betrachter – das ist sein Anspruch. „Vor Jahren habe ich mal ein hässliches Schwarzweiss-Foto gemacht von einem Schwanz mit einer tätowierten Rose und das dann in meine Mappe getan“, erzählt Jo. „Dieses Bild war redaktionell natürlich nicht nutzbar“,  so Jo weiter.  „Aber es hat sich bei den Leuten im Kopf festgesetzt. Noch Jahre später riefen Bildredakteure  bei mir an nach dem Motto: warst du nicht der Fotograf mit dem tätowierten Schwanzbild?“

Machte Jo die Akt-Portraits eher für sich,  hat sich seit zwei, drei Jahren eine erstaunliche Resonanz entwickelt mit Ausstellungen und Magazin-Veröffentlichungen. Auch in der Galerie „Fotografenwerk“ in Düsseldorf sei er jetzt vertreten. Und es beginnt sich auch wirtschaftlich zu lohnen: „Ich verdiene derzeit mehr Geld damit, in dem ich von diesen Aufnahmen hochwertige Prints an Sammler verkaufe,  als mit Veröffentlichungen“.
Seine Kunden sind international. Die meisten Bilder verkaufe er nach Amerika und Frankreich. Deutschland sei für ihn als Markt eher klein. „Das ist der Vorteil des Internets“, sagt Jo.  „Denn durch das Netz hat man die Chance, sich einem internationalen Publikum zu zeigen“.

Wenn interessante redaktionelle oder werbliche Aufträge kommen, mache er das natürlich, sein Fokus liege aber auf den künstlerischen Arbeiten. Doch gerade dort sei die Luft dünn:  „Vor einem halben Jahr hat mir ein Amerikaner geschrieben, ich solle mal meine Comfort-Zone verlassen“. Das hat Jo sehr getroffen.  Er weiß, dass der Tag immer näher rückt an dem er etwas Neues ausprobieren und entwickeln muss.
„Ich hab regelmäßig meine Phase, wo ich sage, jetzt muss ich mal was anderes machen.  Ich war zuletzt viel auf Reisen. In Tokyo. Ohne Ziel, ohne konkretes Motiv. Ich wollte mir die Freiheit gönnen, einfach mal zu schauen, was ich spannend finde“.

Jo streunte in Tokyo stundenlang durch die Straßen, füllte sein inneres Skizzenbuch auf mit Fragmenten, Motiven, visuellem Treibgut. Doch die neuen Bilder stimmen für ihn noch nicht. Demnächst will er auf den Balkan, nach Rumänien, Bulgarien, Albanien. Vielleicht auch weiter nach Russland. Für privaten Ausgleich sorgen seine Frau Minon, mit der er seit vier Jahren glücklich verheiratet ist, und die beiden Katzen. Wenn er nicht fotografiert, steht er gern zur Entspannung am Herd. „Ich liebe die italienische Küche“, sagt er. Zur Zeit aber beschäftigt er sich intensiv mit der Frage, wie man eigentlich eine perfekte japanische Nudelsuppe hinbekommt.  „Ich mache regelrecht eine Wissenschaft draus“, lacht er:  „Es geht um das Dashi, ein Fischsud aus einer bestimmen Alge und getrockneten Bonito-Flocken. Dashi ist die Basis“.  Ein weiteres Ziel für ihn ist es, endlich vom Rauchen loszukommen: „Mein Vater ist sehr früh an Lungenkrebs gestorben, das war schrecklich“.  Obwohl er sonst sehr bewusst lebe und in Berlin fast nur mit dem Fahrrad unterwegs ist,  sei ihm das Qualmen nicht auszutreiben. „Aber ich habe den Schwur geleistet: wenn wir ein Kind kriegen, höre ich definitiv auf“.

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