Rund 6000 Menschen in der Studiostadt Jacarepaguá bei Rio de Janeiro haben nur ein Ziel: Straßenfeger zu produzieren. Das machen sie auf einem von Regenwald eingesäumten Gelände mit eigenem Stromkraftwerk, eigener Wasserquellen, eigenen Recycling-Anlagen, Banken, Restaurants und Arztpraxen. Insgesamt ist das Grundstück 1,65 Millionen Quadratmeter groß. Es beherbergt 6 Studios mit modernster TV-Technik und Freiflächen, auf dem sämtliche notwendigen Außenkulissen aufgebaut sind. Dazu eine steinerne Kirche mit drei verschiedenen Fassaden, je nach benötigter Stilepoche. 100 Regisseure und 600 Schauspieler dienen hier, in der Telenovela-Fabrik von Rede-Globo. Der brasilianische Medienkonzern hat faktisch das Monopol auf Seifenopern.

Kostüm-Fundus bei Globo: Hüte aus allen Epochen

Zu den Hits gehört der Schmachtfetzen „Duas Caras“ (zwei Gesichter), angesiedelt in der Lebenswelt  einer Favela, den Armenvierteln des Landes. Die dramaturgischen Zutaten: weiße kultivierte Frau liebt farbigen armen Mann, dazu als Einsprengsel korrupte Politik, Kampf gegen Prostitution, Homosexualität, Bisexualität, Alkoholsucht, Diskriminierung, Scheidung, Spiritualität und Menschen zwiespältigen Charakters. Kabale und Liebe eben.

Aussendrehs sind zu gefährlich. Deshalb baute man auf dem Studiogelände von Globo gleich eine ganze Favela nach

Dreharbeiten draußen „vor Ort“ im echten Leben gibt es nicht: „Zu gefährlich, zu aufwändig“, sagt Guilherme Bokel,  International Production Director bei Globo. Ist auch nicht nötig. Die Fernsehmacher haben sich die benötigte Favela selbst hingestellt auf ihr Gelände, mit allem Pipapo. Abenteuerlich verlegte Stromleitungen, Straßendreck, Zementsäcke, roh gemauerte Backsteinbehausungen – alles ist da, alles sieht genau so aus wie in jenen echten Favelas, die sich geschwulstartig hochziehen an den Hügeln nahe der Copacabana, 40 Kilometer entfernt von hier. Eine auf menschliche Archetypen verdichtete Phantasiewelt, herausgebrochen aus der Lebenswirklichkeit – das ist eines der Erfolgsgeheimnisse von Rede Globo.

Nicht ohne Grund hat die Firma zur besten Sendezeit 68 Prozent Marktanteil. Täglich sind vier Telenovelas zu sehen: um 17.33 Uhr, 18.05 Uhr, 19.15 Uhr und zur Primetime um 20.55 die große Telenovela. Sich während einer der Folgen mit einem Brasilianer zu verabreden, kann schwer werden.

Mit dem Elektroauto geht es hinüber zum Außengelände. Dreharbeiten finden hier an sechs Tagen in der Woche statt, jeweils von 14 bis 21 Uhr, straff durchorganisiert. Kurze Probe, Dreh, nächste Einstellung. Fließbandarbeit. Die meisten Schauspieler sind fest angestellt. Publikumslieblinge verdienen bis zu 20.000 Dollar im Monat, ein Vermögen, nicht nur für brasilianische Verhältnisse. Nur Top-Fußballer bewegen sich in einer ähnlichen Liga. Globo ist der begehrteste Arbeitgeber des Landes – wer es hier zu einem Job bringt, hat es geschafft. Ob als Darsteller oder Kulissenschieber. Auf 20 offene Stellen bewerben sich Abertausende.

Kulissenzauber: Jede notwendige Leenssituation wird auf dem Studiogelände nachgebaut.

„Klar geht es in unseren Produktionen immer wieder um das Cinderella-Motiv“, sagt Bokel. Die großen sozialen Unterschiede im Land bringen viele Aschenputtel hervor. Für Frauen aus armen Verhältnissen ist es schwer, aufzusteigen. Ein junger schöner Körper gilt als Währung in der Macho-Gesellschaft. „Die Wünsche und Hoffnungen nach einem besseren Sozialstatus sind Leitmotive in unseren Geschichten“, sagt Bokels Kollege Flávio Garcia da Rocha. Als Content Director ist er stark in die Entwicklung der Stoffe involviert.  „Brasilianische Frauen bewegen sich besonders auf dem Land stark in tradierten Rollenmustern“, erklärt er, „aber sie begehren zunehmend dagegen auf“.

Innendreh: Wie am Fliessband werden die Szenen in den notwendigen Innenkulissen in riesigen Studios aufgenommen.

Die Telenovelas spiegeln das emanzipatorische Feuer wider, wollen Mut machen. Aber das allein erklärt nicht ihren Erfolg. Die Geschichten sind immer mehrdimensional angelegt. Es gibt stets eine Reihe von Erzählsträngen, die parallel laufen. „Wichtig ist für uns, dass die handelnden Personen möglichst allen Zuschauern aus unterschiedlichsten Einkommensschichten und Altersgruppen Identifikationsmöglichkeiten bieten“, sagt Rocha. Jede Telenovela wird durch intensive Marktforschung begleitet. „Wenn wir merken, dass eine Nebengeschichte besser ankommt als die eigentliche Hauptgeschichte, passen wir die Drehbücher sofort an“, ergänzt Bokel. Die Dialoge sind temperamentvoll, ganz der Volksseele entlehnt, beinahe operettenaft zugespitzt. Ängste vor der Übertreibung haben die Telenovela-Macher nicht. Doch es gibt auch Tabus: Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Gewalt.

Guilherme Bokel, International Production Director bei Globo, im Interview mit Thomas Garms

Ob eine Telenovela in der Gegenwart oder in einer anderen Epoche angesiedelt ist, spielt für den Erfolg nur eine untergeordnete Rolle. Auch historische Stoffe kommen gut an, sie müssen nur übertragbare Tragödien und emotionale Verwerfungen beinhalten. „Manchmal fragt sogar die Regierung bei uns an, in eine bestimmte Region Brasiliens zu gehen, um diese bekannt zu machen“, sagt Rocha. Die Telenovela „Pantanal“ etwa hatte einen riesigen Besucheransturm im gleichnamigen Naturparadies zur Folge.

Ein Jahr Vorbereitung, 2 Monate vor dem TV-Start beginnen die Dreharbeiten, sechs Folgen pro Woche werden ausgestrahlt. Fernsehen wie am Fließband. 200 Autoren spucken unablässig neue Drehbücher aus. Nach rund 120 Folgen ist unwiderruflich Schluß. Dann muß ein neuer, möglichst noch erfolgreicherer Straßenfeger her.

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