Signale der Hoffnungslosigkeit: Die Hände sind schmutzig  und vernarbt, von Brandwunden verzehrt.  Sie erzählen von einem erniedrigenden Alltag, der darin besteht, Nahrung in Mülltonnen zu suchen und auf Pflastersteinen zu schlafen.

Ein Jahr lang besuchte der italienische Fotograf, 32, regelmässig die Cracolândia, einen Platz in der Innenstadt von São Paulo, um in Kontakt mit Crack-Süchtigen zu kommen und diese zu fotografieren. Sein Ziel:  die dramatische Situation des körperlichen, geistigen seelischen Zerfalls zu dokumentieren.  Die schockierenden Ergebnisse seiner Arbeit wurden in dem Buch Praecipitii Simulacrum – Die Vision des Abgrunds festgehalten.

Zugleich entstand ein Dokumentarfilm von Humberto Bassanelli, der auf dem Festival „Es ist alles wahr“ präsentiert wurde. Seit September sind die Fotos von Ortu im Justizpalast von São Paulo zu sehen.

„Ich möchte, dass sich diese Bilder wie ein Schlag in den Magen des Betrachters anfühlen“, sagt der Künstler, der in Brasilien seit 2009 lebt. Wie hat er sich den craqueiros angenähert? „Ich bin zu Fuß durch die Gegend gestreift auf der Suche nach ihnen. Man muss schnell sein, weil sie wie Geister sind. Wenn man für einen Moment abgelenkt ist, verschwinden sie. Man muss wach sein, weil ein paar Meter weiter Hunderte von anderen craqueiros stehen. Es sind nicht alles gute Jungs, viele sind Kriminelle und Dealer. An solchen Plätzen ein enormes Potential an schlechter, gewalttätiger Energie vorhanden.“

Mit welchen Argumenten konnte der Fotograf seine Gesprächspartner davon überzeugen, sich fotografieren zu lassen? „Die meisten wollten Geld, und ich gab ihnen ein paar Reais. Geld ist eine universelle Sprache. Mit dem Geld kaufen sie, was sie wollen. Sie kaufen nicht immer Crack, manchmal ist ein Saft, ein Snack, ein Hotel zum Schlafen und Duschen.“

Alessio Ortus Arbeit konzentriert sich auf die Händen der Süchtigen. Warum? „Hände dokumentieren die Zerstörung dieser Menschen“, erklärt der Fotograf. „Es sind die Hände, die zeigen, welchen Zustand der Hoffnungslosigkeit sie erreicht haben; mit den Händen bereiten sie die Droge vor, damit bitten sie um Geld. Die Hände werden durch Feuerzeuge und den Umgang mit dem heißen Rohr auf eine schmutzige Weise verbrannt.  Viele suchen Nahrung in Mülltonnen, schlafen auf dem Boden und sammeln Müll, um zu überleben.“

 Eine Geschichte hat Alessio besonders beeindruckt: Es ist die von Jonathan, einem blinden Jungen, der auf der Straße lebt und cracksüchtig ist. „Er bettelt und kann nur überleben, weil ihm die anderen craqueiros im täglichen Einerlei helfen, einschließlich beim Zubereiten und Rauchen seiner Droge. Jonathan erschien wie aus dem Nichts, als ich einen anderen Kerl fotografierte, Gerson. Jonathans Augen waren zugesetzt vom Dreck und Gerson nahm sein T-Shirt und wischte ihm die Augen aus. Für mich eine überwältigende Szene, die mir zeigte, daß es auch in diesem elenden Zustand noch Raum für Wärme, Großzügigkeit, Kameradschaft gibt.“

Mehr Infos unter: www.alessioortu.com

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