Die Mausklicks sind das einzige Geräusch im Raum. Tick, tick, tick. Sie verschmelzen mit dem Klang, den der Sekundenzeiger des Weckers auf dem Nachttisch von sich gibt, haben fast die gleiche Taktung. Kim Wooka konzentriert sich jetzt. Soll sie erhöhen oder aussteigen? Kann sie dieses Spiel gewinnen? Sie zögert einen Moment und klickt sich dann noch einmal durch ihre elf offenen Fenster; die Kühlung des Laptops surrt vor sich hin wie ein kleiner Eisschrank.

Die 30-jährige Japanerin sitzt zuhause auf ihrem Bett im Hotelzimmer und zockt online. Selbst in Las Vegas bei der WSOP kann sie es nicht lassen. Sie entscheidet ein ums andere Spiel für sich und erhöht ihr Budget beträchtlich. Dazwischen fährt sie sich mit der Linken durch die Haare, spielt an den Knöpfen ihrer rosaroten Bluse. Sie behauptet sich, ist dick im Geschäft, macht die Jungs platt. Egal ob online oder bei den vielen Live-Turnieren.

Kim Wooka

Ihre Familie macht in Gastronomie. Kim Wookas Großeltern flüchteten nach dem Krieg aus Korea nach Japan. Sie waren hart arbeitende Menschen, die es am Schluss geschafft haben. In dieser Tradition sieht sich Kim Wooka auch: Sie führt inzwischen selbst zwei Restaurants und will weitere eröffnen.

Zum Poker kam sie eher zufällig – es war vor sechs Jahren. „Ich habe mit zehn Dollar Einsatz angefangen und entdeckt, dass ich Talent habe“, stellt sie lapidar fest. Seither spielt sie mehrere Stunden am Tag. 200.000 bis 300.000 Dollar an Preisgeldern pro Jahr sind kein Problem, sagt sie. Manchmal macht sie auch mehr. Ein Auto hat Kim Wooka nicht, sie fahre lieber Taxi, meint sie mit der Andeutung eines Lächelns.

Die Wüstensonne von Las Vegas brennt aufs Spielerparadies, die Luft flirrt in der Hitze, wo nicht bewässert wird, hat der karge Boden Risse. Drinnen bei der WSOP sitzt Kim Wooka am Tisch, mit ihr acht weitere Spieler, alles Männer. Einer trägt einen Kapuzenpulli und eine Baseball-Kappe, ein anderer sieht aus, als gehöre er der Yakuza an. Kim Wooka lässt sich nicht irritieren. Sie hantiert mit ihren Chips, die sich nach ein paar Stunden ordentlich vermehrt haben. Bald schon ist sie Chipleader. „Da sitzen lauter Nullen. Hat Spaß gemacht, die auszunehmen“, wird sie später in der Pause sagen.

In der Szene nennen sie manche die „Lotusblume“, andere das „Glamourgirl“. Denn Kim Wooka ist immer top gestylt. Gerne zeigt sie sich am Tisch den Männern, die durch ihren Auftritt merklich abgelenkt sind, wenn sie das kleine Schwarze trägt mit einem türkisfarbenen Schal und dunklen Pumps. Dazu ist sie perfekt geschminkt, trägt falsche Wimpern, grünen Nagellack und riecht nach Jasmin. Diese Frau ist ein Sturm auf die Sinne. Shopping ist ihr liebstes Hobby. Manchmal laden sie Mitspieler gleich am Tisch für den Abend zum Dinner ein. Bis jetzt hat sie noch immer nein gesagt.

Bei der WSOP trippelt sie in einer Pause auf ihren hohen Hacken aus dem Saal, in dem gespielt wird. Plötzlich strauchelt sie, ein Mitspieler fängt sie geistesgegenwärtig auf. Und selbst bei dieser Aktion verliert sie ihre Grazie nicht, sie lächelt den Sturz einfach weg und bedankt sich. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass auch das ein taktisches Manöver war.

„Poker ist zu einem großen Teil Psychologie“, sagt Kim Wooka und blinzelt dabei listig. Sie schaut beim Spiel zunächst ihre Mitspieler genau an, versucht, ihrem Gegenüber Unsicherheiten, Ängste, Vorlieben und Stärken abzuspüren und zuzuordnen. Und damit es ihnen nicht umgekehrt bei ihr gelingt, setzt sie das sprichwörtliche Pokerface auf. Die beobachteten Verhaltensmuster der anderen werden abgespeichert. Sie sitzt in Denkerpose am Spieltisch und verzieht keine Miene. Auch ihr geht es beim Live-Poker immer darum, Gleichmut auszustrahlen; darin ist sie ein Naturtalent. Und Wahrscheinlichkeitsrechnung hat sie ohnehin drauf.

Ein Beispiel vom Spieltisch: Kim erhält eine 10 und einen Buben als Hand, auf dem Tisch liegen eine 9, eine 8 und eine 2. Außer ihr ist nur noch ein Gegner im Spiel, der gerade den Einsatz erhöht hat. Sie braucht jetzt eine Dame oder eine Sieben, dann hätte sie eine Straße. Sie geht davon aus, dass ihr Gegenspieler zwei Könige in der Hand hält, im Vergleich zu ihrer die stärkere Hand. Dennoch bleibt sie im Spiel. Leichtsinn? Sieben Karten von 52 hat sie definiert. Es bleiben 45 Unbekannte, davon vier Damen und viermal die Sieben. Die Wahrscheinlichkeit, bei der nächsten Aufdeckrunde eine dieser acht Karten zu bekommen, entspricht also der Rechnung 8 durch 45, was eine Wahrscheinlichkeit von 17 Prozent darstellt. Bei der letzten Aufdeckrunde heißt die Rechnung 8 durch 44 und ergibt somit 18 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, die richtigen Karten in einer der beiden Aufdeckrunden zu erhalten, addiert sich folglich auf 35 Prozent, mehr als ein Drittel.

Es lohnt sich also, hier weiterzuspielen. Steigt die Gewinnwahrscheinlichkeit über 50 Prozent, ist das Weiterspielen obligatorisch. „Bei einer positiven Gewinnerwartung ist man auf lange Sicht immer erfolgreich“, sagt Kim Wooka. Im Poker nennt man das den „long run“. Wichtig ist dabei, sich wiederkehrende Hände zu merken, sowie Karten-Kombinationen und deren Wahrscheinlichkeiten. Letztere sind für den Spieler so wichtig wie Tonleitern für den Musiker.

Kim Wooka und Christoph Wöhrle

Das alles beherrscht Kim Wooka sehr gut, es ist wie bei einem Fußballspieler, der den Ball mit allen möglichen Körperteilen jonglieren kann. „Ich spekuliere immer darauf, dass sie mich als Frau nicht ernstnehmen.“ Letztlich erntet sie aber Respekt, wenn die Egos wieder um Längen größer sind als das Spielvermögen und die männlichen Kontrahenten einer nach dem anderen ausscheiden.

Bei der WSOP schafft es Kim Wooka nicht, ins Geld zu kommen. Seit neustem hat Kim übrigens einen Freund, auf den freut sie sich jetzt. Ihre Verehrer vom Spieltisch werden weiter warten müssen.

 

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