Zu den größten Vergeudungen des Lebens zählt schlechter Sex und schlechtes Essen. Enttäuscht in einem Teller herumzustochern und zu spüren, wie sich die erwartungsvolle Phantasie auflöst in der tristen Realität, macht definitiv schlechte Laune. Über unsere Ernährung fühlen wir, wie sich etwas im Körper und in der Seele bewegt. Ob unsere Nahrung natürlich gewachsen ist oder künstlich, ob sie mit Hingabe zubereitet ist oder nicht, ob das Gemüse in der Erde oder ohne Erde wuchs, ob es mit oder ohne Sonne gereift ist, ob die Suppe heiss ist oder kalt – all das hat eine Auswirkung auf unser Wohlbefinden. Hat man einfach nur etwas in die Pfanne gehauen, um ratzfatz für ausreichend Brennwert zu sorgen, oder ob man dafür sorgt, daß das Essen als bewußt eingesetzes Genussmittel Lebensfreue schenkt – immer gilt die Devise: Du bist, was Du ißt und du ißt was du bist.

Neuerdings posten die Leute auf Facebook, Instagram oder zahlreichen anderen sozialen Plattformen vermehrt das, was sich auf ihren Tellern befindet. Das kann das Essen im Restaurant sein, vor allem aber das, was zu Hause auf den Tisch kommt. Saftige Steaks werden vorgezeigt wie eine Trophäe, der Nudeltopf, der Bananenpudding, die kackig frischen Krevetten – alles avanciert zum Fotomotiv, das anzeigen soll, wie man sich verwöhnt, wie gern man bruzzelt, welche kulinarische Höhepunkte gesetzt werden, kurzum: was einem für Leib und Seele wirklich wichtig ist.

Unsere Fotografin Autumn Sonnichsen, von der die Bilder zu diesem Artikel stammen, entpuppt sich damit einmal mehr als herausragende Visionärin. Neben ihrer erotischen Bildkunst dokumentiert die junge Amerikanerin seit einiger Zeit die Teller und Schüsseln, die vor ihrer Nase stehen.  „Essen ist ein archaisches Bedürfnis von mir“, sagt sie. „Es war schon immer wichtig für mich, um meinen Freunden und mir selbst eine Freude zu machen, um mich zu erinnern an die schönen Orte, an denen ich war.“

Autumn ist durch ihren Job an vielen Orten der Welt unterwegs. Immer steift sie auch über die Märkte, schaut, welche besonderen Zutaten es gibt, spezielle Gemüsesorten, Früchte, Meeresfrüchte, Brote, Fleisch – Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes, die die jeweilige Esskultur des Landes und seiner dort lebenden Menschen widerspiegeln. „Das, was auf dem Teller liegt, ist im besten Falle immer einzigartig“, erklärt Autumn. „Als persönlicher Erfahrungsschatz markiert es besondere Orte und Begebenheiten, mehr als jede Landschaft und jedes architektonische Wunder“.

Es fing alles damit an, dass professionelles Catering während der Shoots an abgelegenen Locations oft einfach gar nicht möglich war, oder  zu aufwändig und zu teuer bei begrenzten Produktions-Budets. So holte die Crew als Alternative ein paar Leckereien vom Markt und improvisierte ein Essen, bei dessen Zubereitung alle mithalfen. Dadurch entwickelte sich einerseits mehr Respekt für das Essen, andererseits durch den Umgang mit den Produkten und deren Zubereitung eine rohe, pure Begeisterung für die aufgetischten Gaumenfreuden. „Mittlerweile ist das gemeinsame Kochen und Essen am ersten Abend einer Fotoproduktion ein festes Ritual der Arbeit“, erzählt die Fotografin. „Es schafft Gemeinsamkeit, Vertrauen und Nähe, also das, was wirklich wichtig ist.“

In Autumns Kopf ist inzwischen eine riesige Rezepte-Sammlung abgespeichert, sie hat den Einheimischen beim Kochen immer wieder auf die Finger geschaut, egal ob in Afrika, Europa, Südamerika oder auf irgendeinem indonesischen Eiland.

Einmal war sie mit Freunden wochenlang auf einer Segelyacht über den Atlantik von Frankreich nach Brasilien unterwegs und probierte dabei aus, wie man mit primitivsten Hilfsmitteln frisch gefangene Fische zubereitet.  „Wenn die Zutaten gut sind, braucht man eigentlich gar keine grossen Umstände machen“, sagt Atumn. „Es zählt der Geschack, die Frische“. Eine aufgeschlagene Wassermelone, ein Stück reifer Käse, herrlich dicke und aromatische Oliven und ein paar in Balsamico-Essig eingelegte Ziebeln werden da zu einem köstlichen Vergnügen.  „Einmal sammelte eine Frau ein paar reife Plaumen auf, hat diese sanft in etwas Wein geschmort und auf mit Senf bestrichenen Gurkenscheiben serviert“, erzählt Autumn. „Es schmeckte herrlich“. Genauso herrlich wie der Topf mit den kleinen Herzmuscheln, der auf einem Lagerfeuer am Strand erhitzt wurde und als alles gar war, die Crewmitglieder mit ihren Fingern die Schalen aufbrachen und sich das zarte, salzige Fleisch auf der Zunge zergehen liessen.

„Von allen Orten wo ich bin, nehme ich etwas zu Essen mit. Das Olivenöl aus der Toskana, das Fleur de Sel aus Portugal, die Paprika von den kapverdischen Inseln“, sagt Autumn. Für Atumn ist es egal, wenn sie eine Flasche Rotwein in die Sauce schüttet und die andere Flasche beim Kochen selbst austrinkt. Da agiert sie wie ein Kerl. Sie hat keine Scheu davor, mit dem scharfen Messer einen Fisch zu schuppen oder ein frisch geschlachtetes Huhn zu rupfen. Wenn sie Lust darauf hat, verschlingt sie einen grossen Teller schwarze Bohnen, kann morgens um acht eine grosse Portion Spiegeleier mit Steak verputzen. Sie ist hungrig auf das Leben, hungrig auf Genuss und Sinnlichkeit. Kochen ist für sie weit mehr als ein lustvoller Ausgleich oder produktive Entspannung. Ihre Fotos, entstanden ohne kompliziertes Styling, vermitteln genau diese Unbekümmertheit und Freude. Sie zeigen, dass das Gute meist greifbar nahe ist. Ihr Motto: Wir brauchen keine Feinschmeckerrestaurants, um Glück zu empfinden. Wir brauchen vor allem wache Sinne und die Offenheit für Neues.

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Mehr über Autumn Sonnichsen

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