Drei Uhr morgens, eine menschenleere Industrie-Strasse in Los Angeles. Nur die Lichter von ein paar wenigen Straßenlaternen durchbrechen die Dunkelheit. Plötzlich ist das Fauchen leistungsstarker Motoren zu hören. Die Geräusche kommen näher. Hubraumstarke Autos mit abgedunkelten Scheinwerfern sammeln sich am Straßenrand. Ein letzter Gasstoß lässt die Pferdestärken aufheulen und dann verstummen die Triebwerke. Gruppen von jungen Leuten stehen darum herum, schauen unter geöffnete Motorhauben, Taschenlampen blitzen auf. Die Erklärung für die geisterhafte Szenerie: Hier findet eines der berüchtigten illegalen Straßenrennen statt. LA ist die unangefochtene Hauptstadt der Street Racing-Subkultur.

Die ersten beiden Fahrzeuge begeben sich an den Start und lassen ihre Reifen durchdrehen. Durch den Reifengummi, den die Fahrer auf der Strasse lassen, wird der Grip beim Start verbessert. Street-Racer duellieren sich paarweise, eine viertel Meile immer geradeaus. Die Distanz wird von den Schnellsten unter zehn Sekunden zurückgelegt, am Ende ist man um Lichtjahre schneller als das örtliche Tempolimit. Es geht um den Thrill, es geht um die Ehre und es geht um Geld. Der Wetteinsatz kann mehrere 1000 Dollar betragen.

Für den gemeinen Bürger sind Street-Racer die Pest, weil es immer wieder zu schweren Unfällen kommt. Donald Galaz sieht das anders: „Alles, was die Leute von Gangs und Drogen fernhält, ist eine gute Sache“. Street Races sind aus seiner Sicht so etwas wie Stellvertreter-Kriege. Auge um Auge, Pferdestärke um Pferdestärke. Es geht hart zu, aber man hält sich an die Regeln und schießt nicht aufeinander.

Donald, 40 Jahre alt, weiß wovon er spricht. Er ist Mitglied der „Brotherhood of Streetracers“, die unter anderem in der Anfangsszene des Street-Racer Kultstreifens “Tow Lane Black Top” mitspielt.

Donald wuchs in San Pedro, dem Hafenviertel von Los Angeles auf. Dort wo der 110-Freeway endet und sich Gaffey und Santa Cruz Street kreuzen. Er bezeichnet die Gegend als „Rough Neigborhood“. „Ich habe 20 Jahre meines Lebens mit Mist verschwendet“, sagt er und meint damit: Gangkriege, Drogen, Alkohol, Absturz. Eine der wenigen Konstanten in Donalds Leben waren Autos. „Mein Stiefvater war ein grosser Autonarr. Meine Brüder und ich mussten an seinen Autos arbeiten, wenn wir Mist gebaut hatten – und wir haben viel Mist gebaut“. Sie arbeiteten an Klassikern, Low Ridern, Hot Rods und alten Volkswagen. Die Arbeit ging also nie aus. „Ihr denkt vielleicht, ich will euch mit der Arbeit an den Autos bestrafen“, sagte sein Stiefvater, „aber eines Tages werdet ihr mir dafür dankbar sein.“

Die „Brotherhood of Streetracers” wurde in den sechziger Jahren von ‚Big Willie‘ Robinson, einem rennverrückten Vietnam-Veteranen gegründet. Big Willie machte seinem Nahmen alle Ehre. „Mit über zwei Metern und 130 Kilos hatten alle Respekt vor ihm“, erzählt Donald: „Selbst Gang-Mitglieder“. Als die Rassenunruhen im Stadtteil Watts Los Angeles erschütterten, kämpfte mehr oder weniger jeder gegen jeden. Die Stadt brannte und die Nationalgarde marschierte auf. Doch es gab Gruppen verschiedener ethnischer Herkunft, die zur Verwunderung der Polizei nicht aufeinander losgingen. Das waren diejenigen, die ihre Konflikte beim Street-Racing austrugen. Schwarze, Weiße, Asiaten und Hispanics.

Big Willi schaffte es, mit seinen Rennen Leute aller Rassen und Klassen zusammen zu bringen. „When you get around cars, man, there ain’t no colors, just engines“, sagte er 1981 in einem Interview. Selbst bis zum LAPD, der Polizei von Los Angeles, sprach sich „Big Willie“ herum. Für eine Zeit sperrte das LAPD die Strassen für semi-legale Rennen. 1974 eröffnete Big Willie dann mit seiner Organisation den „Brotherhood Raceway” auf einem alten Navy-Stützpunkt auf Terminal Island, im Hafen von Los Angeles. Selbst der Bürgermeister von Los Angeles besuchte den Racetrack.  Die Fahrer mussten zehn Dollar Startgeld bezahlen und durften dafür am Wochenende ihre Kräfte messen.

1984 wurde der Racetrack geschlossen, weil das Grundstück anderweitig genutzt werden sollte. Für ein kurzes Gastspiel öffnete man 1993 noch einmal für einige Zeit. Big Willie starb 2012.

Jetzt kämpft Donald für die Rückkehr der Rennstrecke. Er informiert Bürger und putzt bei Behörden und Würdenträgern Klinken. „Brotherhood Raceway“ auf Terminal Island soll wieder leben. Ein Sozialprojekt der ganz anderen Art, das ihn in der ganzen Stadt bekannt macht. In seiner Werkstatt lagern ganze Kartons mit Abzügen des Fotografen Eddie Meeks. Der dokumentierte die Rennen des „Brotherhood-Raceway“ von Anfang an. Donald nennt ihn einen „Crazy Ass Photographer“, weil er seinen Standpunkt gerne mitten im qualmenden „Burnout“ der Street-Racer suchte. Die Fotos sind nicht nur Motorsport-Dokumentation, sondern auch ein Stück Sozialgeschichte Amerikas.

„Mein erstes Auto hat mir mein Stiefvater mit 15 Jahren geschenkt“, erinnert sich Donald, „es war ein 1950 Chevy Pickup-Truck“. Oder besser: Es waren dessen sterbliche Reste auf platten Reifen. Das Ding stand in einem Hinterhof und rostete vor sich hin. Sein Stiefvater erstand den Schrotthaufen für 300 Dollar und Donald richtete ihn in mühsamer Arbeit wieder her. „Ich mag es, wenn ein Auto bis auf den Rahmen demontiert werden muss und man es komplett neu aufbaut,“ sagt Donald und schwärmt von jenem Moment, „in dem man den Motor zum ersten mal anlässt und das Auto schliesslich mit eigener Kraft aus der Garage rollt“. Der Stapellauf gewissermaßen. Donald sitzt auf einem Campingstuhl inmitten seiner Autowerkstatt an der Pacific Avenue in San Pedro. Einige Freunde haben hier ihre Sammlerstücke deponiert: Ein Chevrolet El Caminio Big Block von 1967, ein Chevy Impala Wagon von 1962, ein Pontiac GTO von 1970. Auch der alte Chevy 1952 seines Stiefvaters hat hier eine Heimat gefunden. Daneben ein Chevy 1950 „Five Window Custom“, der Donald gehört. Sein ganzer Stolz aber steht draußen auf der Strasse. Der Chevy 1941 Deluxe Special Hot Rod. Er hat auch einen Namen: „Donco“. Das steht für „Donald Company“.

Gegenüber von Donalds Shop liegt die Militär-Kaserne Fort McArthur. Donalds heutiges Refugium war seinerzeit die letzte Tankstelle vor dem Tor zu dem Marine-Stützpunkt. Ehemalige Soldaten, die aus dem zweiten Weltkrieg zurückkamen, erfanden in den 40er Jahren auch die sogenannten „Hotrods“. Über den Ursprung des Namens streiten sich die Gelehrten: „Rod“ heißt beim Auto das Pleuel, ist aber auch ein Slang-Wort für Pistole. Auf jeden Fall waren Hot Rods die billigste Möglichkeit Autorennen zu fahren. Jedes überflüssige Teil wurde abmontiert, um Gewicht zu sparen. Und dann wurde ein überdimensionierter V8-Motor installiert. Aus diesen Anfängen ist eine riesige Subkultur entstanden, die fester Bestandteil der kalifornischen Autokultur ist.

Donalds Hot Rod gehört zur Sub-Species der „Rat Rods“, die ein minimalistisches, rohes Erscheinungsbild in rattengrau auszeichnet. Flugrost auf den ehemaligen Chromteilen sorgt für Patina und die Motorhaube fehlt gleich ganz. Das macht den Blick frei auf den Achtzylindermotor mit den doppelten Vierfachvergasern. Die Lufttrichter sind jeweils so groß wie eine Spagettischüssel. „Ich parke den da draußen, damit die Kids neugierig werden“, sagt Donald. Wenn Sie möchten, versucht er ihnen „Basic Skills“ fürs Auto beizubringen. „Ich habe hier eine Open-Door Policy“, erzählt er, „jeder Junge, der Hilfe mit seinem Auto braucht, kann reinkommen und ich helfe ihm so gut ich kann.“ Für Donald ist das ein „Community Service“, ein Dienst im Sinne der Allgemeinheit: „Wenn ich denen ein Werkzeug in die Hand gebe, hoffe ich, daß sie das besser finden als Gangs oder Drogen.“ Und er fügt bedauernd hinzu: „Früher hatte die San Pedro Highschool ein Auto-und- Motor-Programm, heute nicht mehr“. Wer mit Donald vor seiner Werkstatt auf der Straße steht, stellt verblüfft fest, dass fast jeder Vorbeifahrende winkt oder freundlich hupt. Das größte Kompliment macht ihm aber der zweijährige Sohn seiner Freundin Megan. Wenn Connor ein altes Auto sieht, sagt er schlicht: “Donald“.

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