Seine Werkstadt liegt mitten in Vila Madalena, dem pittoresken Studenten- und Künstlervietel von São Paulo. Motta war 1978 einer der ersten, die hier ein Geschäft aufgemacht haben. Ohne Schild, ohne Leuchtreklame. Er hat einfach nur seinen Namen auf die Backsteinwand gesprüht. Die Eingangstür führt in einen geräumigen Ausstellungsraum, der Designobjekte, Möbel und Prototypen beherbergt. Im Untergeschoss befinden sich Werkstatt und Holzlager.  Wie kaum ein anderer verkörpert Motta, der nächstes Jahr seinen sechzigsten Geburtstag feiert, das zeitgenössische Möbeldesign Brasiliens.1976 hatte er zunächst eine Ausbildung zum Architekten abgeschlossen und ging dann für ein Jahr nach Kalifornien, um sich mit dem Werkstoff Holz und entsprechenden Konstruktionstechniken zu beschäftigen. Nachdem er sein eigenes Atelier gegründet hatte, war er bald gut im Geschäft. Er stattete mit seinen Entwürfen immer wieder öffentliche Gebäude wie Museen und Kirchen aus, entwarf aber auch Einrichtungen für Restaurants und Büroetagen. In der Hauptstadt Brasilia finden sich in verschiedenen Ministerien seine Möbel. Motta wurde mit zahlreichen internationalen Designpreisen und Ausstellungen geehrt, lehrt seit 2000 Industriedesign an der Universität von São Paulo und ist Vater von vier Kindern. Bekannt wurde er vor allem durch seine Stühle aus massiven alten Hölzern, aber auch seine Objekte und Skulpturen finden weltweit Anerkennung. Sein Motto: Reduzieren, wieder verwenden und recyceln.

Carlos Motta Atelier

Natur und Einfachzeit zählen

„Ich will Dinge bauen, die lange halten“, sagt er, „und in der Formgebung auf alles Überflüssige verzichten“. Filigrane oder verspielte Entwürfe sind seine Sache nicht. Die Möbel wirkend auf den ersten Blick archaisch, fast grob, sind sehr stark vom Material und einer klaren Geometrie bestimmt. Manche Stücke haben eine skulpturale Wirkung, können raumgreifend und dominant sein. Immer wieder spürt man Mottas Hinwendung zur Natur und zur Einfachheit. Der Künstler sieht sich als einen durch und durch geerdeten Menschen. Prunk und offensiver Luxus sind ihm fremd. „Dort, wo wir wohnen“, erzählt Motta, „hat das Leben einen ziemlich beschaulichen Charakter. Besucher, die ich dort mit hinnehme, sind davon immer wieder verblüfft“.  Es sei ein Fehler, von São Paulo nur das Geschäftszentrum mit seinen Wolkenkratzern wahrzunehmen. „Für mich ist São Paulo wie ein Dorf“, lacht er. Das klinge wie ein Widerspruch, denn die Stadt sei eine der größten Metropolen der Welt. „Oberflächlich betrachtet wirkt sie hektisch, laut, schmutzig, unorganisiert. Aber wenn man genauer schaut, kann man viele liebenswürdige Ecken entdecken“.

Ausstellungsfläche im Carlos Motta Atelier

Ein eher beschauliches Leben

Mottas Privathaus befindet sich in der Siedlung Jardim Europa,  die in den 20er Jahren von den Engländern geplant worden ist. „Die Menschen kennen sich, die meisten wohnen schon lange da“, sagt er.  „Wir haben dort ein eher einfaches, altes Haus. Von dem Lärm und dem Verkehr der Stadt spürt man glücklicherweise wenig. In der Regel steht die Tür bei uns offen, obwohl diese Ecke inzwischen als Reichenviertel gilt. Viele der Häuser haben einen schönen, üppig bepflanzten Garten, in dem Vögel zwitschern“. Fast jeden Morgen macht Motta mit meiner Frau Sybilla morgens erst mal einen langen Spaziergang durch die Nachbarschaft. „Wir sind beide notorische Frühaufsteher“.  Später geht es mit mit dem Fahrrad zum Club Sociedade Harmonia de Tenis, wo Motta ein bisschen trainiert. Von dort bricht er auf zu seinem Atelier. Die schmale Gasse hinter der Werkstatt gleicht übrigens einer riesigen Grafitti-Ausstellung mit phantastischen Arbeiten. Alle Wände wurden zum Besprühen freigegeben. Ständig ändert sich etwas, kommt Neues dazu. Die Grafitti-Stars Otavio und Gustavo Pandolfo, genannt Os Gêmeos, haben hier ihre Wurzeln. Die Arbeiten dieser inzwischen auch international bekannten Zwillinge setzen sich sehr häufig mit dem sozialen und politischen Geschehen in São Paulo auseinander. Auch wenn es in Vila Madalena jede Menge reizvoller Restaurants und Cafes gibt, zieht es Motta in der Mittagszeit eher nach Hause, wo er gemeinsam mit meiner Frau isst und anschließend noch ein paar Minuten liest.  Gegen zwei Uhr geht er noch einmal ins Atelier, arbeitet bis fünf und kehrt dann nach Hause zurück. Freitags arbeite er grundsätzlich nicht.

Woher holt er sich seine Inspriationen? „Auch wenn man für einen Künstler eher das Gegenteil erwartet: Wir gehen ehrlich gesagt nicht besonders gerne aus“, bekennt Motta.  „An den Wochenenden fahren wir in unser kleines Strandhaus ans Meer zum Surfen oder in die Berge. Dort haben wir ein sehr schönes, aus Holz und Bruchstein gebautes Anwesen. Meine Arbeit ist ziemlich introspektiv, ich brauche viel Zeit für mich und die Nähe zur Natur. Viele Möbel, die ich entwerfe, bestehen aus Hölzern, die ich am Strand gefunden habe“. Diese Kontraste seien für ihn sehr wichtig, denn São Paulo sei sehr vom Geld gerieben:  „Wir haben hier eine starke Industrie, Banken, Dienstleistungen. Die Stadt wirkt in verschiedener Hinsicht oft sehr agressiv auf mich: überall Gewalt, Lärm, Umweltverschmutzung. Ich will mir trotzdem das Herz offen halten.“

Immer wieder treibt es Motta zu den einfachen Leuten. So taucht er nicht selten ein in das Gewühl der Ceasa, einem Komplex mit 13 verschiedenen Großhandelsbetrieben, wo bis in die frühen Morgenstunden die in São Paulo eintreffenden Lebensmittel umgeschlagen werden. „Dort um Mitternacht mitten unter den Händlern und Lagerarbeitern eine Zwiebelsuppe zu essen, ist für mich das Größte“, sagt Motta. Sehr gern fährt er auch zu dem Straßenmarkt vor dem Fußballstadion Pacaembu. „Dort gibt es für ein paar Münzen die besten Pasteis, frittierte Teigtaschen gefüllt mit Käse, Fleisch oder Meeresfrüchten“.

Das Surfen als grosse Leidenschaft

Große Bedeutung hat für den Künstler auch das in einem schönen Park gelegene „Museo do Ipiranga“ südöstlich des Zentrums mit seinen Exponaten aus der Kolonialzeit. „Ich habe hier viel über die Geschichte Brasiliens und die Kultur der Indios gelernt“, erzählt er.  „Die Indio-Sprache ist sehr bildhaft und die Kinder bekommen erst einen Namen, wenn sie 5 Jahre alt werden und sich ihr Charakter herauszubilden beginnt. Das Museum ist benannt nach dem Flüsschen Ipiranga, dessen Name aus dem Tupi-Guarani stammt und übersetzt „Roter Fluss“ heißt, in Anspielung auf die rote Erde, die bei Regenfällen das Wasser entsprechend einfärbt.

Neben dem Möbelbau gilt seine zweite grosse Leidenschaft dem Surfen. So oft es geht, sucht er deshalb den Kontakt zu den Wellen. „Damit bin ich übrigens nicht allein in meiner Famile“, lacht Motta und zeigt hinüber zum Nachbaratelier. Dort hat sich inzwischen sein Sohn Gregorio niedergelassen, der als einer der besten  Surfboardshaper der Stadt gilt.

„Ich habe viel vom Meer gelernt“, sagt Motta. „Wir alle haben die Pflicht zu teilen, soziale Verantwortung zu übernehmen“, lautet seine Überzeugung. „Viele solcher Dinge sind mir bei den Sardinienfischern klar geworden. Sardinen kann man nur fangen, wenn es dunkel ist und es kein Mondlicht hat. Eine solche Situation gibt sieben Tage im Monat. Bei dem kleinsten Licht gehen die Sardinen sofort auf den Grund. Die Familien verdienen daher nur sehr wenig, alle müssen mit anpacken. Die Einkünfte werden geteilt. Alle Bücher liegen offen“.

Die Raffgier und Unbekümmertheit mancher Mitmenschen ärgere ihn. „Diese Leute raffen so viel an sich, teilen aber nicht“. Das sei ein großes Problem in der Welt und besonders in Südamerika. „In meinem Sportklub habe ich mich mich mal mit einem Kerl ziemlich angelegt. Das war einer von der Sorte, die vier Handtücher verschwenden und das Wasser laufen lassen, während sie über die Börsenkurse telefonieren“.

Im März 2012 wird Carlos Motta im Rahmen einer grossen Ausstellung von brasilianischem Design in Berlin zu sehen sein.

 Thomas Garms (Chefredakteur Trip Deutschland) und Carlos Motta

Mehr Infos unter: www.carlosmotta.com.br

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