„Habt ihr Lust auf einen richtigen typischen Sonntag in Rio?“  Die Einladung von Fred D’ Oray hört sich traumhaft an: Treffpunkt um 12 Uhr schräg gegenüber vom Hotel Fasano am Strand von Ipanema, ein paar Stunden Sonnenbaden und Surfen, danach ein später Lunch im traditionsreichen Casa da Feijoada, wo es den besten Bohneneintopf und die besten Caipirinhas der Stadt gibt, und später auf ein Bier in die Favela Cantagalo, die sich neuerdings über einen gläsernen Lift erreichen lässt. Nach 80 Metern steigt man oben aus und hat eine phantastische Aussicht auf das Meer und die Berge. Doch erst mal kräftig die Sonne genießen. Freds Freundin Anna, eine bezaubernde Schönheit in einem knappen weißen Bikini, lotst uns zum Strandplatz. Fred selbst ist seit einer halben Stunde im Wasser. Wir sehen, wie der grauhaarige Hüne auf einem feuerroten Board bäuchlings hinaus durch die Brandung paddelt. Er wartet, bis das Board von allein zu gleiten beginnt. Dann steigt er hinauf, fährt die Vorderseite der Welle hinab, bewegt die Füße ein wenig nach vorn, um schneller zu werden und einen Turn zu setzen, bis die Welle im Weißwasser davon gurgelt und er einen Hüpfer zurück macht in den weichen Sand. Mit strahlenden Augen kommt er zu uns und lässt sich auf das Badetuch fallen. Fred D’Orey, Gründer und Bestimmer von Totem, einem der besten brasilianischen Mode-Labels, weiß das Leben zu genießen.

Fred mit seinem Sohn Martim

Der ehemalige Globetrotter, Journalist, Radiomacher und Brasiliens Surfchampion von 1987, ist inzwischen zwar Boss von knapp 200 Mitarbeitern in Rio de Janeiro und auf Bali, doch vom geschäftlichen Ehrgeiz fühlte er sich nie getrieben. Eigentlich hatte er mit dem Modebusiness nur angefangen,  damit er genügend Geld in der Tasche hat für den Sport – und das damit verbundene Reisen. Indonesien ist immer sein Traumziel gewesen – hin zu Wellen, die es so nirgend woanders gibt. „Was für eine Offenbarung”, schwärmt Fred. „Ich musste immer raus, mir alles ansehen.” Für einen wie ihn kann die brechende Welle  zum Ideal von Vollkommenheit werden, im Wissen, dass man diese nur ein paar Sekunden genießen, aber niemals festhalten und besitzen kann. Wohl auch deswegen macht sich D’Orey auch heute noch nicht viel aus Businesspänen und Exeltabellen. Investoren, die sich an seiner Firma beteiligen wollen, schickt er genauso in die Wüste wie ungebetene Ratgeber, die versuchen, ihm schnelle Expansionstrategien aufzuschwatzen. Freiheit ist ihm wichtig: „Ich sitze lieber zu Hause, um ein Buch zu lesen, statt den ganzen Tag an die Firma zu denken und dem Geld hinterher zu jagen.“

Fred backstage bei seiner Modenschau


In Bali wo er zum Surfen war, kam ihm die Idee mit dem Textildruck. „Ich liebte schon immer kräftige, kontrastreiche Farben in starken Mustern“, erzählt er. Von einheimischen Handwerkern schaute er sich eine besondere Kunst des Stoffdrucks ab und produzierte auf diese Weise ein paar Muster-Shorts.  „Diese sahen komplett anders aus als die typischen albernen Surferhosen aus Kalifornien, die damals Trend waren”, sagt Fred. Er fuhr zurück nach Brasilien, machte einen Termin bei Richards, einer traditionsreichen Boutiquenkette, um seine Kreationen vorzustellen. Der Inhaber ließ ihn geschlagene sieben Stunden warten. Irgendwann habe ihn dieser dann doch noch in sein Büro komplimentiert: “Der Kerl hatte mich schlicht vergessen”.

Fred mit Totem Praia Models

Dann ging es schnell. Mit einer Bestellung von zehntausend Hosen taumelte D’Orey nach draußen, ohne die leiseste Ahnung, ob und wie er jemals diesen Auftrag würde erfüllen können. Fred flog zurück nach Bali, organisierte irgendwie die Produktion der bestellten Shorts, und von Ordertermin zu Ordertermin stiegen die Stückzahlen. 1994 gründete er in Ipanema den ersten eigenen Laden und bot dort unter dem Label Totem eine Beachwear-Kollektion für Männer an.  Mit dem Erfolg der Marke entstand schnell auch eine Kollektion für Frauen mit Kleidern, Shorts und Tops in jenen farbenfrohen Retro-Prints, die bis heute den Look vom Totem prägen. In den Mustern verbinden sich Einflüsse der swinging sixties in London mit Inspirationen des Tropicalismo, einer Bewegung, die 1967 durch eine Ausstellung des Künstlers Hélio Oitica am Museum für moderne Kunst in Rio angestoßen wurde. Hautschmeichelnde, federleichte Stoffe und entsprechende Schnitte sorgen für perfekte Tragbarkeit.

1998 begann Fred D’Orey damit, seine Kollektionen auf der Rio Fashion Show zu zeigen. Seither zählt er zu den stilbildenden Designern des Landes. Mittlerweile wird Totem in elf eigenen Geschäften und in elf Ländern außerhalb Brasiliens vertrieben.

Alle kreativen Prozesse werden unmittelbar von ihm bestimmt, auch die Fotoshootings. Regelmäßig tauchen in den Aufnahmen für Werbung, Katalog und Website Anspielungen aus der Welt der Rockmusik auf.  Bob Dylan, Crosby, Stills, Nash & Young, Jimi Hendrix oder John Mayall heißen die Klang-Rebellen, die es Fred D’Orey angetan haben. „Musik und Kultur“, sagt er, „haben schon immer mein Handeln bestimmt.“

Sein Podcast auf der Totem-Website ist Kult, in den Artikeln, die er regelmäßig für brasilianische Kultur- und Lifestyle-Magazine schreibt, tauchen zahlreiche Gedanken zur identitätsstiftenden Kraft des Rock’n-Roll auf. 1962 geboren, erlebte er in seiner Kindheit und Jugend den Einzug der Rockkultur in Brasilien und deren Vermischung mit dem Bossa Nova. „Vor dem Hintergrund der Militärdiktatur in Brasilien ab 1964 und der damit einhergehenden repressiven Politik, war Rockmusik ein wichtiges Ventil für die Sehnsucht nach Freiheit“, sagt er.

Zeit zum Essen. Fred legt sich einen bunt bedruckten Sarong aus eigener Produktion um die Hüfte und zieht sich ein paar trockene Shorts und ein T-Shirt über. Anna schnappt sich ihr Moutainbike. Barfuss geht es über die Strasse zum Restaurant. Gegen ein paar Real Trinkgeld vertraut Fred sein Board einem der Kellner an. In dem dicht gedrängten Lokal nehmen wir Platz. Schon bald stehen herrlich duftende Schüsseln auf dem Tisch. Das Gespräch kreist um den immensen Wirtschaftsboom in Brasilien, die Ölfunde vor der Küste Rios, die Herausforderungen, die die kommende Fußballweltmeisterschaft und die olympischen Sommerspiele für seine Heimatstadt bedeuten.

Fred sieht sich als politischer Mensch und scheut sich in seinen Artikeln nicht vor bissiger Gesellschaftskritik. Themen wie die Umweltzerstörung durch illegalen Holzeinschlag oder den Bauxit- und Goldtagebau treiben ihn um. Mit der neureichen Schickimicki-Szene von Rio de Janeiro hat er wenig am Hut. Als Sohn eines brasilianischen Formel-Eins-Piloten und einer schwedischen Mutter, die als Innenarchitektin Diplomatenhäuser einrichtete,  holte er sich schon in frühen Jahren sein Selbstbewusstsein durch das Surfen. Mit dieser Szene ist er noch heute verwachsen,  John Seaton Callahan, der als Indiana Jones der Surf-Fotografen gilt, zählt zu seinen besten Freunden. Mit ihm und anderen Kumpels zieht Fred monatelang um die Welt. Angola, Nigeria, Java heißen die Ziele. Geschlafen wird im Zelt, nicht im Luxusressort.  Wenn er zuhause ist in Rio, verbringt er viel Zeit mit seinem 15jährigen Sohn aus einer gescheiterten Ehe.

Später, oben auf dem Hügel, an der kleinen Freiluft-Theke in der Favela, ruft ihm ein Junge aus der Nachbarschaft zu: „Du bist Fred, nicht wahr? Ich habe ein Board von Dir!“ Fred lacht und wechselt mit dem Jungen ein paar Worte. Die Leute hier kennen ihn. Nach jeder Saison spendet er ein paar seiner Boards an die Jugendlichen aus den sozialen Brennpunkten, die im Favela Surf Club an der Copacabana von engagierten Pädagogen und Sozialarbeitern an den Sport herangeführt werden, um ihnen eine Alternative zu bieten zu einem Alltag aus Gewalt, Drogen und Langeweile.

Frederico Guilherme Kumlin d’ Dorey, so sein voller Name, hält sich für einen glücklichen Menschen. Bescheidenheit ist ihm wichtig. Der Schreibtisch in seinem kleinen, nur mit ein paar Postern dekorierten Büro im Stadtteil Botafago ist ein ehemaliger Kneipentisch, der Laptop sieht abgegriffen aus. „Meine Aufgabe besteht darin, nein zu sagen“,  erklärt Fred. ‚Nein’ zu Entwürfen, die seiner Meinung nach den Stil seiner Mode verwässern, ‚nein’ zur Vereinnahmung durch andere, um immer die Art von Frieden finden zu können, wie sie ihm das Meer schenkt.

Die Balance auf dem Board ist entscheidend für jene perfekte Gleitfahrt, bei der die Welle die Arbeit übernimmt. Dieses Prinzip versucht Fred, auf den Alltag zu übertragen. In der Suche nach dem seelischen Gleichgewicht gilt es ihm, alle unnötigen zeitlichen Einschränkungen zu vermeiden, die ihm den freien Blick auf das Neue nehmen, wo er seine Inspirationen findet. „Es wäre das Ende der Firma, wenn meine Neugier und Offenheit stecken bleiben würde“, sagt D’Orey, während er sich der Blick seiner blaugrünen Augen in der Ferne verliert.

Totem Praia Herbst/Winter 2012 Kollektion:

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