Mal für ein Jahr abhauen, ohne Ballast, ohne Verpflichtungen, und dabei ordentlich Beute machen, was den persönlichen Erfahrungsschatz betrifft. Für Johannes Riffelmacher (28) und Thomas Kosikowski (26) ist dieser Traum Wirklichkeit geworden. Die beiden schauen nicht nur auf eine spannende Reise zurück, sondern haben dabei auch noch wertvolle neue Freunde gewonnen. Vor allem aber dürfen sie stolz sein auf ihr Mitbringsel – nämlich eines der interessantesten Kochbücher dieser Saison. „Reisen, Surfen, Kochen“ heißt der wunderschön gestaltete Band, der auf dem Trip entstanden ist, und allein durch virales Marketing konnten die beiden schon über 4.000 Vorbestellungen verbuchen, bevor das Druckwerk überhaupt ausgeliefert war.

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„Irgendwann stand uns der Sinn nach einem knackigen Abenteuer“, sagt Thomas so lässig, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, sich fernab der Heimat, der Freunde und der guten Jobs für ein ganzes Jahr fremden Wind um die Nase wehen zu lassen. Thomas war damals als Art Director bei einer Hamburger Werbeagentur beschäftigt, Johannes arbeitete als Filmemacher und Fotograf.

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Eine komplette Weltreise, das war der ursprüngliche Plan der passionierten Surfer. Alles mitnehmen von Europa und Afrika über Asien und Australien bis nach Südamerika. Doch bald wurde den beiden klar, dass das vor allem eines würde: unfassbar teuer.

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Am Ende siegte die Überzeugung, dass ein solches Projekt davon lebt, die einzelnen Regionen in ihrer Tiefe zu entdecken, wirklich einzutauchen in den jeweiligen Lebensstil und die Kultur. Freunde finden, Beziehungen zu Einheimischen aufbauen, das war den beiden wichtig.

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„Wir wollten mehr sein als nur Urlauber“, sagt Thomas. „Deshalb wählten wir schließlich acht Länder in Mittel- und Südamerika für unsere Reise aus.“ Die Tour führte von Kuba über die mexikanische Pazifikküste abwärts bis ans Ende des Kontinents, nach Patagonien. Es gab weder einen festen Zeitplan noch ein grosses Budget: Gewohnt wurde in Pensionen oder auf der Couch von neu gewonnenen Freunden. Für die beiden, die sich seit der Schulzeit kennen und schon in der Hamburger Grafitti-Szene gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen sind, kein Problem.

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Abertausende Kilometer surfbarer Pazifikküste bildeten den roten Faden der Reise, eng verwoben mit der jeweiligen Landesküche, die es zu entdecken und zu kochen galt. Im Gepäck zwei Surfbretter, ein scharfes Messer, Board-Shorts und ein Rucksack voller Fotoequipment. „Jeder Surfer weiß, wie wichtig es ist, sich fit zu halten und auf eine ausgewogene Ernährung zu achten“, erklärt Thomas das Konzept des Buches. „Nichts ist ärgerlicher, als vorzeitig aus dem Wasser zu müssen, weil Energie und Kraft nicht ausreichen. Als Surfer kommst du durch das ständige Reisen auf der Suche nach der Welle deines Lebens außerdem in Kontakt mit unzähligen exotischen Spezialitäten, die du nicht mehr missen willst. Umso besser, wenn man diese Neuentdeckungen nicht nuram Straßenrand kaufen, sondern auch zu Hause oder im Hoste nachkochen kann.“

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Entstanden sind also jede Menge lateinamerikanische Street- und Soulfood-Rezepte, von der lokalen Landesküche inspirierte Neuerfindungen und Tricks, mit denen manunterwegs auch ohne großes Equipment auf genußvolle Art satt werden kann.

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„Es war unser fester Wunsch, irgendwas Handfestes mitzubringen bei der Rückkehr“, sagt Thomas. Dass ihr Buch ein derart großer Erfolg werden würde und die beiden neuerdings immer wieder eingeladen werden, um gegen Honorar auf Events zu kochen, konnten sie damals noch nicht ahnen.

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„Eigentlich kommt es nur darauf an, dass man zufrieden ist mit dem, was man tut“, glaubt Johannes. „Man sollte sich freuen können über die Dinge, die gerade da sind und Bescheidenheit lernen.“ Dort, wo die Menschen arm seien und sich der Speiseplan danach richte, was die Fischer am Morgen aus den Booten zögen oder was gerade auf den Feldern wachse, zählten vor allem Ideenreichtum, Improvisationsvermögen und Pragmatismus.

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Mit ihrem Buchprojekt sehen sich Thomas und Johannes als eine Art Brückenbauer in fremde (Ess-) Kulturen hinein, wo es zumeist nicht selbstverständlich ist, sämtliche gewünschten Produkte und Zutaten jederzeit aus dem Supermarkt-Regal herausreissen zu können. Die Kunst des Weglassens, die ambitionierte Küchenchefs oft zu ihrem Credo erheben, ergab sich hier quasi wie von selbst.

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Für die beiden kochenden Surfer folgte daraus eine ebenso simple wie elementare Besonderheit ihrer Gerichte: Frische und Qualität.

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„Der vielleicht größte Vorteil an der Küste Lateinamerikas – abgesehen von unzähligen tropischen Früchten, ist diese Fülle an Fisch und Meeresfrüchten“, schwärmt Thomas. „Immer wieder sind wir im Morgengrauen dagestanden, um direkt aus den Booten heraus die Fische zu kaufen.“

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Los ging es ohne Rückflugticket. Zunächst landeten die beiden auf Kuba. Eigentlich wollten sie dort nur ein paar Tage bleiben, Havanna kennenlernen und sich einzuschwingen auf den besonderen Lebensrhythmus Südamerikas. „Daraus sind dann zwei Monate geworden“, lacht Thomas. Über ein paar Umwege habe man schnell die local crew kennengelernt, eine bunte Mischung aus Surfern, Skatern und Grafitti-Künstlern. „Spraydosen sind dort nicht bezahlbar“, erzählt Thomas, der wie Johannes selbst als Streetartist phantasiereiche Spuren hinterliess. „Die Leute müssen sich ihre Farben selber mischen aus Druckertinte und Benzin“. Die Materialknappheit sei überall zu spüren. „Es gibt keinen einzigen Surfshop. Wenn ein Surfboard zu Bruch geht, kann man nicht einfach ein Neues kaufen, sondern muss schauen, dass man von Touristen irgendwelches brauchbares Material bekommt“.

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Die Szene in Havanna sei unfassbar talentiert und gastfreundlich, schwärmt Thomas. Johannes und er hätten dort angefangen, Spanisch zu lernen – auf den nächsten Etappen wussten sie sich bereits flüssig zu verständigen.

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Schon in Mexiko, dem nächsten Ziel, sollte sich das als ziemlich hilfreich erweisen. „Weil sich im Bundesstaat Michoacán ein paar der besten Surfspots Mexikos befinden, sind wir da trotz vielerlei Warnungen reingefahren“, erzählt Thomas. „Das hätten wir besser bleiben lassen. Die Dörfer waren komplett verschanzt und mit Sandsäcken verbarrikadiert. Überall befanden sich bewaffnete Leute mit WalkieTalkies“. Johannes habe aus dem Beifahrerfenster heraus fotografiert. „Plötzlich haben sich gefühlt 20 Gewehrläufe auf uns gerichtet. Wir konnten erklären, dass wir nur unterwegs waren auf einem Surftrip. Am Ende durften wir weiterfahren. Aber vorher mussten wir alle Fotos löschen.“

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Der krassen politischen Situation in Mexiko zum Trotz: auch dort erlebten Thomas und Johannes vor allem grossartige Gastfreundschaft.

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„Zum Glück haben wir immer die richtigen Leute kennengelernt“, sagt Thomas. „Das hat uns geholfen, in jedem Land alles aus der Sicht der Einheimischen zu sehen. Sobald die merken, dass man authentisch ist, spürt man eine herzliche Offenheit, Neugier und echtes Interesse.“

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Immer wieder zeigte sich für die beiden die grosse symbolische Kraft, die von einer gemeinsamen Mahlzeit ausgeht. Wenn Menschen sich zum Essen versammeln, passiert mehr, als auf den Tellern sichtbar wird. „Wir haben immer für alle gekocht“, berichtet Thomas: „Um das Feuer sitzen, die Speisen gemeinsam vorzubereiten, zu probieren, abzuschmecken und zu geniessen, das ist ein Erlebnis voll gegenseitigem Einverständnis und Harmonie“. Essen ist privat und persönlich, stiftet Zusammenhalt. Dieses Gefühl strahlt das Buch aus, es steht für den interkulturellen Austausch, den die beiden Autoren durch ihre Arbeit sehr konkret mit Leben gefüllt haben.

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Thomas hat besonders das ursprünglich aus Peru stammende Gericht Ceviche angetan, das mittlerweise fast in ganz Amerika verbreitet ist. In seiner ursprünglichen Form besteht es aus kleingeschnittenem rohen Fisch verschiedener Sorten, der ungefähr 15 Minuten in Limettensaft mariniert wird. „Je nach Region und Land wird der Fisch mit ganz unterschiedlichen Zutaten kombiniert und gewürzt“, sagt Thomas. Auch die Beilagen würden sich stark unterscheiden. Während man in Equador Ceviche mit Popcorn kombiniere, gäbe es in Peru gekochte, abgekühlte Süsskartfoffeln dazu, in Mexiko packe man das Ganze in Tortilla-Fladen.

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Wenn die beiden Freunde nicht gekocht haben oder einkaufen waren, standen sie auf ihren Surfboards. Manche Nächte verbrachten sie in die Hängematte gerollt einfach am Strand. „Man muss raus aus der Komfortzone. Erst dann spürt man, was das echte Leben wert ist“, meint Thomas. Besonders gut gefiel es ihnen in Puerto Escondido, einer Stadt an der mexikanischen Pazifikküste, die bei Surfern sehr beliebt ist. Der Grund dafür: die sogenannte Mex Pipe, eine Rohrwelle am Playa Zicatela, die zusammen mit einer ähnlichen Welle bei Hawaii zu den grössten Wellen dieser Art auf der Welt zählt. Hier haben die beiden für zwei Monate in einem veganen Restaurant als Köche gearbeitet.

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Irgendwann ging es weiter Nicaragua.

Thomas schwärmt noch heute von den Menschen dort: „Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, aber die Menschen sind unglaublich freundlich und hilfsbereit“, erinnert er sich. Manchmal habe es nur Kochbananen, Avocados und Fisch zu kaufen gegeben, aber auch hieraus wurden köstliche Mahlzeiten gezaubert.

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Weiter ging es in das bei amerikanischen Touristen sehr beliebte Costa Rica und von dort nach Panama, wo sich auf der karibischen Seite das stark von der Rastakultur geprägte Bade- und Surferparadies Bocas del Toro befindet. „Manche Inseln dort sind gerade mal halb so groß wie ein Fussballfeld“, schwärmt Thomas. Eine ganz andere Form der Kultur wartete dann in Ecuador. In der Hauptstadt Quito, 2850 Meter hoch gelegen, fanden die beiden Freunde schnell Anschluss an die örtliche Streetart-Szene und lebten an den Wänden der höchsten Hauptstadt der Welt ihre künstlerischen Wurzeln aus. Auch in Ecuador spielte Ceviche eine grosse Rolle. Die landestypische Spezialität gebratenes Meerschweinchen und natürlich das berühmte im Ofen gebackene Spanferkel verführte die beiden Gäste aus Deutschland ebenfalls zum Nachkochen.

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Als grosses Highlight der Reise entpuppte sich aber das Nachbarland Peru. „Die peruanische Küche ist die mit Abstand reichste und vielseitigste Küche in Lateinamerika“, bilanziert Thomas. Jede Gegend hat eigene Spezialitäten, ein Nachlass der verschiedenen Einwandererküche, unter anderem der afrikanischen, chinesischen, japanischen, italienischen, französischen und englischen Küche. Das bekannteste Gericht heißt Pachamanca, ein traditionelles Festessen. Es ist ein Eintopf aus verschiedenen Fleischsorten wie Schwein, Rind, Kräutern und Gemüsen, das langsam auf heißen Steinen vor sich hin köchelt.

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Nach einem Ausflug in die Amazonas-Urwaldregion von Peru ging es per Bus weiter nach Chile, 27 Stunden Fahrt am Stück. „Der Bus ist in Lateinamerika das gängigste Reisemittel“, schildert Thomas. „Es gibt oft einen eigenen TV-Monitor für jeden Passagier, wie bei uns in der Businessclass im Flugzeug.“

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Unter Surfern ist Chile bekannt für kaltes Wasser und große Wellen. Zum Glück war man dort mit einer Freundin aus Deutschland verabredet, die den beiden surfenden Globetrottern aus der Heimat die bitter notwendigen Neoprenanzüge mitgebracht hat. Jetzt standen häufig Rindfleisch, Fisch und Lamm auf dem Küchenzettel. Selbstverständlich probierten sich Thomas und Johannes dort auch an dem berühmten Codero Patagonico, einem ganzen Lamm, dessen Körper seitlich aufgeklappt auf einem Eisenkreuz über Feuer gegart wird. Rund 90 verschiedene Rezepte, nach acht Ländern geordnet, bilden das Grundgerüst des Buches – eine animierende Sammlung von Köstlichkeiten für schöne Abende mit Freuden, garniert mit Berichten von unvergesslichen Reise-Erlebnissen zweier Enthusiasten, die sich einen Lebenstraum erfüllten. „Wir machen unser Ding weiter“, verspricht Thomas. Als nächstes steht eine eigene TV-Show an. Auch das zweite Buch ist bereits geplant: Diesmal über die Surferküche Europas.

 

INFO

Mehr auf saltandsilver.net, facebook.com/saltandsilver und vimeo.com/saltandsilver.

Salt & Silver: reisen surfen kochen. Lateinamerika“ ist im Umschau Buchverlag als gebundene Ausgabe mit 304 Seiten erschienen und für 29,95 Euro sowohl im Buchhandel erhältlich oder über www.blue-tomato.com und saltandsilver.net.

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