Mit dem Ausdruck unbezwingbarer Würde wacht der hölzernde Puma über die Lobby: Hinter ihm die bis unter das Dach reichende Mauer aus rohen Ziegelsteinen, rechts zur Seite der Empfang und vor ihm eine Sitzgruppe aus dunklen, polierten Tropenhölzern – ein guter Ort um sich einzustimmen auf ein Ambiente, dessen Bezüge tief hineinreichen in die Geschichte Brasiliens. Hinter der Fassade des gerade neu eröffneten Santa Teresa Hotels in Rio de Janeiro verbirgt sich nämlich nicht nur eines der ungewöhnlichsten neuen Hotel-Projekte des Landes, sondern auch eine beachtliche Sammlung von Kunstwerken mit geheimnisvollen folkloristischen Botschaften, Schnitzarbeiten und Möbel-Unikaten.

Das Hotel liegt inmitten eines tropischen Gartens

Ob im Restaurant oder der weitläufigen offenen Loungebar, auf den Fluren, im Treppenhaus und natürlich in den insgesamt 44 Zimmern und Suiten: Überall hängen, stehen und liegen von Meisterhand gestaltete Objekte, die vielerlei zu erzählen haben von der Natur und vom Wesen der in dieser Natur lebenden Menschen.

Alle Zimmer sind mit eigens gefertigten Möbeln aus recyceltem Tropenholz eingerichtet

Zu verdanken ist das Ganze dem französischen Unternehmer Francois Delort, der nach dreijähriger Renovierung im hochgelegenen Stadtteil Santa Teresa eine historische Stadtvilla zu einem Domizil von einzigartiger Schönheit geformt hat. Das 1850 im Kolonialstil gebaute Anwesen, ursprünglich Stammsitz der Familie Guimaraes, war zuletzt in der Hand von Hausbesetzern. Bei Übernahme von Termiten zerfressen und baufällig, lockt das Santa Teresa Hotel heute mit einem perfekt inszenierten Interieur und einem ebenso angenehmen wie unaufdringlichen 5-Sterne-Komfort.

Die Bäder mit Naturstein und indianischen Dekoelementen

Als Clou verfügt das Haus über einen 4000 qm großen tropischen Garten, der von seiner Höhenlage einen herrlichen Rundblick auf Rio, die Guanabarabucht und die Christusfigur bietet. Zwischen den prachtvollen Bäumen und Blütenpflanzen tummeln sich immer wieder Äffchen und vielfarbige Papageien; ein großzügiger Pool lädt zusätzlich zum Verweilen ein. Über einen aus schweren Holzschwellen gelegten Weg geht es ein paar Stufen nach unten zu dem Restaurant Térèse, in dem Küchenchef Damien Montecer saisonal ausgerichtete, brasilianisch-französische Kreationen zaubert.

Blick von der Lounge-Veranda

Während draußen die Sonne das vielfältige Grün der Blätter zum Funkeln bringt, sorgt innen ein liebevoll abgestimmtes Spiel aus Licht und Schatten für dramatische Effekte. In den vom Architekturbüro Camacho & Bittencourt gestalteten Räumlichkeiten verschmelzen dezente Rustikalität, Ethno-Motive und Shebby Chic zu einem innovativen Stilkonzept – dem Tropical Design. Die Wände sind nur mit cremeweißer Leimfarbe gestrichen, ansonsten bilden die Farben und Materialien der Erde und der Natur ein Leitmotiv. Eine zentrale Rolle bei der Gestaltung spielten dabei alte, höchst widerstandsfähige Edelhölzer wie Ypê, Macapá, Canela oder Castanheira mit der ihnen innewohnenden Kraft, Wärme und Schönheit. Die Bestände stammen vornehmlich aus abbruchreifen Kaffee-Fazendas vergangener Jahrhunderte im Hinterland.

Der Garten mit altem Baumbestand

Teilweise finden sich noch winzige Spuren alter Farbe wie etwa das damals beliebte Türkis in den Maserungen, die bewusst nicht abgeschliffen wurden, um an die historische Herkunft zu erinnern.  Die 70 Kilo schweren Türen der Zimmer sind aus massiven, sieben Zentimeter breiten Leisten aus sieben verschiedenen Hölzern gefertigt. Andere Naturstoffe wie Kokonuss-Fasern, Leinen, geflochtene Binsen, Ton und Schiefer ergänzen den Look des Hauses. Jedes der individuell eingerichteten und gestalteten Gästezimmer verfügt über eine großzügige offene Dusche, die mit Natursteinen ausgekleidet wurde.

Das Restaurant verbindet Elemente der brasilianischen und französischen Küche

War Santa Teresa noch vor einigen Jahren ein Stadtteil, in den sich wegen der benachbarten Favelas eher selten Touristen verirrten, ist das Auf und Ab der verwinkelten, kopfsteingepflasterten Straßen heute Anziehungspunkt vor allem für europäische Besucher, die den malerischen Kontrast suchen zur stark frequentierten Copacabana mit den unpersönlichen Bettenburgen entlang Avenida Atlantica. Die meisten nutzen für den Ausflug die uralte, gelbe, von den Einheimischen liebevoll „bonde“ genannten Straßenbahn, die von der Station am Largo do Carica unweit der Kathedrale nach oben zuckelt.

Ruheplätze im Spa-Bereich

Aber inzwischen gibt es auch moderne Kleinbusse, die die Fahrtstrecke schnell, sicher und bequem absolvieren. Zunächst geht es über den früheren Aquädukt Arcos de Lapa, dann steil an herrlichen alten Villen vorbei bis zum Largo dos Guimaraes im Herzen Santa Teresas mit seinen Kunstläden, Bars und Restaurants. Besonders empfehlenswert ist hier das Espirito Santa (Rua do Laradio 34, nur tagsüber geöffnet!) mit einem aromatischen, zarten Rinderfilet in Maniokmehlkruste, begleitet von schwarzen Bohnen und Reis.

Die Flure zu den Zimmern sind mit wertvollem indianischen Kunsthandwerk dekoriert

Die Kolonialstil-Villen waren früher vom wohlhabenden Bürgertum Rios bewohnt, heute freilich verfällt manches. Hinter den verwitterten Fassaden haben sich inzwischen vielfach Bohemiens, Künstler und Literaten eine neue Bleibe gesucht. Der legendäre britische Posträuber Ronald Biggs hatte sich jahrelang in Santa Teresa versteckt. Der nostalgische Charme und die stilistische Nähe zum Flair südeuropäischen Altstädte wie etwa das Bairo Alto von Lissabon lockt freilich auch Lebenskünstler aus dem Ausland. Ein italienischer Modefotograf und ein französischer Ballett-Tänzer leben hier Tür an Tür, ebenso ein kanadischer Aussteiger, der sich mit „Relais Solar“ ein kleineres Boutiquehotel mit fünf liebevoll gestalteten Gästezimmern eingerichtet hat, das man auch komplett mieten kann (www.solardesanta.com).
Ein überschaubares Projekt im Vergleich zu dem Vorhaben von Francois Delort, der Brasilien während des Militärdienstes in einer französisch-brasilianischen Einheit kennen- und liebengelernt hatte und nun einen hohen Millionenbetrag investierte, um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Zwei Jahre lang hätten die Behörden total abblockt, obwohl er neue Arbeitsplätze für die Bewohner der Favelas habe schaffen wollen, erzählt er auf der Terrasse des Hotels. Zudem sei auch eine heftige Kampagne in lokalen Medien gestartet worden nach dem Motto: Reicher Franzose wolle hier einen Palast hinstellen und alles kaputt machen. Doch dann sei er selbst hinein gegangen in die Favelas, habe direkt mit den Oberhäuptern gesprochen und schließlich alles regeln können.

Blick vom Restaurant nach draussen in den Hotelgarten

In der Folge fand eine Reihe von Jugendlichen auf der Baustelle eine neue Perspektive. Sie erlernten traditionelle Handwerkstechniken, arbeiteten mit Naturmaterialien wie Holz, Leimfarbe und Lehm, legten für die Bar ein verschüttetes Gewölbe frei, in dem sich früher die Schlafplätze der Sklaven befunden hatten.

Ob Service, Küche oder Empfang: das überraschend junge Personal des Hotels besteht zu sechzig Prozent aus Favala-Bewohnern, berichtet Delort und macht dabei einen ziemlich entspannten Eindruck. Kein Wunder: Der Stolz über „ihr“ Hotel steht den jungen Leuten ins Gesicht geschrieben. Viele haben für den Job extra eine oder mehrere Fremdsprachen erlernt. Früchte des Engagements: Die Reichen und Schönen aus Rio haben neben ihren Stammplätzen in den schicken Stadtteilen Leblon oder Ipanema das Santa Teresa Hotel zu ihrem bevorzugten neuen Ausgeh-Ziel erklärt. Am Abend drängen sich Models, Fernsehleute, Flußballer und andere Promis an der Bar. Brasiliens Top-Modemarke Osklen hat das Hotel als Laufsteg für die nächsten Schauen der Rio Fashion Week gebucht, die altehrwürdige Academia Brasileira de Letras (Schriftstellerverband) trifft sich hier inzwischen einmal in der Woche. Rio de Janeiro hat ein neues Wohnzimmer – weit weg vom Massentourismus unten am Strand.

Sitzgruppe n der Lobby mit indianischer Dekoration

Weitere Infos

Santa Teresa Hotel
R. Almirante Alexandrino, 660
Santa Teresa – Rio de Janeiro
www.santateresahotel.com
Tel (21) 2221-1406

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