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Peter Zingler
Adventure

Zwischen Hölle und Himmel

„Scheiß drauf“, sagt Peter Zingler und lehnt sich in dem Holzstuhl zurück. Erstmals seit mehreren Wochen flutet wieder Sonne in die geräumige Küche. Nicht sonderlich streng war der Winter jenseits der ordentlich geputzten Fensterscheibe, eher lieblos und fad. Zingler rückt den Zahnstocher in seinem Mund zurecht, wach blickt sein Auge unter dem leicht hängenden rechten Lid hervor. „Ich war von Anfang an ein Einbrecher.“

Peter Zingler in seiner Wahlheimat Frankfurt/M
Peter Zingler in seiner Wahlheimat Frankfurt/M

Zingler erzählt eine Geschichte von früher. Aus dem Rotlichtmilieu. Es wird nicht bei einer Geschichte bleiben, Zingler erzählt viel und lebhaft. Kompakt dröhnt das rheinische Timbre Zinglers. Geschichte um Geschichte, Stunde um Stunde, verästelt sich in feinem Wortwitz und löst sich mit Verniedlichungen am Satzende auf, hinweg über das Schachbrettmuster auf dem Fußboden, vorbei an den Zewa-Rollen, die preußisch im Metallregal Spalier stehen. Zingler trägt schwarze Jogginghosen, einen schwarzen Pulli, leicht verdreckt. Die Rolex aus Weißgold. Eine Batterie Moët & Chandon neben den Zewas.

„Hattest du mal Angst, Peter?“ „Was soll ich gehabt haben?“

Prolog

Deutschland in den 1940ern, zwischen Kriegsende und Währungsreform. Zertrümmerte Hauswände, ganze Straßenzüge liegen in Schutt und Asche. Der ganze Tag, das ganze Leben besteht darin, etwas zu essen zu organisieren. Es mangelt an allen: Brennstoff, Kleidung, vernünftige Unterkünfte.

Peter Zingler vor einem Graffiti am Mainufer

 

„Mit vier Jahren habe ich Kippen gestochen. Wir haben auf den Schrottbergen Kupfer geklaut. Ich bin von Erwachsenen über die Grenze nach Belgien geschickt worden, als Fünfjähriger mit einem kleinen Rucksack mit Blei drin und hab’ Zigaretten zurückgebracht. Wir waren so zwanzig, dreißig Jungs, wir wurden dann durch den Wald gescheucht. Da lag Munition und Minen und Waffen. Das war unglaublich. Aber mir hat das alles gefallen. Es war eine schlechte Zeit; aber das hab ich ja nicht gewusst. Das hat mir keiner gesagt. Ich hab das als unglaublich spannend empfunden.“

Zingler wächst in der Nähe von Aachen auf. Regelmässig geht er „hamstern“: Zigaretten, Lebensmittel, alles, was sich tauschen und verkaufen lässt. Wenn er nachts mit den anderen Kindern schmuggelt, führt sie ihr Weg durch vermintes Gebiet, zwischen nicht gezündeten Blindgängern und Granaten. Die Logik ist einfach: Wenn die Soldaten Erwachsene beim Schmuggeln erwischen, verhaften sie diese. Kinder verhaften, zumal diese gerade erst richtig laufen gelernt haben, will niemand. Kindern nimmt man die Beute weg und lässt sie dann laufen. Peter wird gelobt, wenn er raubt, getätschelt, wenn er stiehlt.

„Ich hatte ein Fahrrad, das haben sie mir geklaut. Und da war ich sauer. Es gibt kein größeres Leid auf Erden, als als Dieb bestohlen zu werden. Und dann wollte ich unbedingt ein Fahrrad. Und irgendwann sehe ich einen Briefträger mit einem gelben Fahrrad, der seins abstellt, mit der Tasche ins Haus geht. Und ich schnapp mir das Fahrrad. Ich war zu klein, da war die Querstange und dann musste ich so von der Seite aus da rein, hab‘s auch hinbekommen, aber es ging langsam und der Briefträger kam dann wieder raus. Dann lief der hinter mir her aber ich wurd’ immer schneller und der wurd’ immer langsamer. Und die Leute, die haben mir Beifall geklatscht.“

Femme Fatale und die Wehrmacht

Rund zehn Jahre später, Deutschland in den 1950ern, im Taumel zwischen Wirtschaftswunder und Wiederbewaffnung. Es gibt wieder Mode und Feinkost, neu sind Wohlstandsmief und Rock`n`Roll. „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef  kommt in die Kinos, es gibt Demonstrationen vor den Lichtspielhäusern wegen angeblicher Glorifizierung von Prostitution. Im Frankfurter Rotlichtviertel wird Rosemarie Nitribitt ermordet aufgefunden. Der Fall, in dem nicht nur Bundeskanzler Kiesinger verwickelt ist, wird nie aufgeklärt.

Mit zehn Jahren erfährt Peter durch einen Eintrag in seinem Schulzeugnis, dass seine Mutter in Wirklichkeit seine Oma ist. Geboren in Dresden, abgeschoben in ein Kinderheim in Thüringen, holte seine Oma ihn nach einem Jahr zu sich ins Ruhrgebiet.

„Dann hat ich so ‘ne Jugendbande. Da haben wir geklaut, Zigaretten aufgerollt, Autos geklaut. Und 1959, mit 15, bin ich nach Saint Tropez getrampt, weil ich endlich Brigitte Bardot sehen wollte, in die ich mich unsterblich verliebt hatte. Ich war vier Wochen in Saint Tropez, man hat sie nicht gesehen, und dann eines Tages sehe ich sie und ich konnt’ ja kein Französisch, ich war ein bisschen enttäuscht, sie war kleiner als ich dachte, aber ich war so glücklich. Ich hab’ sie nie angesprochen. Und dann bin ich zurückgetrampt und an der Grenze haben sie mich verhaftet. Guck mal, da war ich 15. Das war mein erster Haftbefehl und da hab’ ich gleich zwei Jahre gekriegt. Da kam ich in die Jugendstrafanstalt, wegen ein paar Autodiebstählen und ein paar Zigarettenautomaten. Und ich sage dir, das war ein richtiger Knast, der Jugendknast. Im Knast waren nur ehemaligen Wehmachtsoldaten, die kein anderen Job hatten. Das waren die Beamten und die kannten nur Druck.“

Peter Zingler auf der Bahnbrücke nähe EZB
Peter Zingler auf der Bahnbrücke Nähe EZB

 Noch weitere zehn Jahre Gefängnis werden folgen. Wenn Zingler draußen ist, macht er den nächsten Einbruch. Zingler und seine wechselnden Partner klauen dabei nach den „Gelben Seiten“: Sie besorgen sich Autos, fälschen die Nummernschilder und fahren durch die Republik. In einer Stadt angekommen, suchen sie im örtlichen Telefonbuch nach geeigneten Geschäften. In Hamburg klauen sie Teppiche, in Frankfurt Fernseher. Die unfreiwilligen Schaffenspausen im Gefängnis, werden genutzt, um neue Kontakte für spätere Einbrüche, Schiebereien und Coups zu sammeln. Fast wie damals, beim Schmuggeln im Wald, als alles ein großes Abenteuer war. Nur das Zingler nicht belohnt, sondern für Erfindungsreichtum bestraft wurde.

 „Es war ein unheimlicher Ort und du musstest jedes Mal, wenn die Tür aufging, musstest du flitzen, Habacht-Stellung, sagen: Strafgefangener Zingler, zwei Jahren wegen Raub, meldet sich zur Stelle. Und dann kam der Aufseher rein. Hat geguckt wie so ein Arschloch, weißt du. Du musst immer alles super sauber halten, klar ist ja in Ordnung. Ein Ritual war: der Anstoß, die Türschwelle, war aus Metall, einfach Eisen, bei der geringsten Feuchtigkeit war Rost, jeden Tag. Und dafür gab es ein Schmirgelpapier bei der wöchentlichen Putzmittelausgabe. Und da musstest du immer schmirgeln. Und ich habe mir gedacht: Scheiße. Da habe ich ein Viertel meines Margarinesterns geopfert und hab die einpoliert und nix mehr rostete. Der Beamte macht die Zelle auf, guckt. Guckt er noch mal, geht mit dem Daumen drauf und sagt: Fett. Betrug, Dreimal hintereinander kein Mittagessen. Es war gnadenlose Scheiße im Arrest und du kriegtest nur noch mehr Wut.“

Sex und Geld

„Scheiß drauf.“ Zuhause, an seinem Küchentisch lehnt sich Peter Zingler zurück. Die nackten Füße schlüpfen aus den regenbogenfarbenen, ausgelatschten Puschen. Das verbliebene Haar fällt lang auf die Schulter.

Über der Spüle hängt ein italienisches Stilleben. Es könnte die Wohnung eines situierten Studiendirektor mit 1968er Vergangenheit sein. Nur dass dieser keine selbstgebrannte Kachel auf der Toilette hängen hätte, die zu 30 Jahren ohne Knast gratuliert.

Und während der angehende Studiendirektor 1968 gegen Notstandsgesetze demonstriert und die Lockerung des Verbots von Pornografie als Recht auf Selbstbestimmung feiert, lebt Zingler auf der Flucht vor der Polizei. In Mittelamerika freundet er sich mit Waffenhändlern aus Belize an, in Jamaika ist er dabei, als Bob Marley zu Grabe getragen wird. 1979, zurück in Deutschland, wird er prompt wieder verhaftet. Es wird sein letztes Mal sein.

Peter Zingler unterwegs mit Hut und Sonnenbrille
Peter Zingler unterwegs mit Hut und Sonnenbrille

„Mit dem Schreiben war es so: Ich habe tatsächlich im letzten Knast erst angefangen, zu schreiben. Da war ich länger drin, ein paar Jahre. Ich habe das geschrieben, was einem am nächsten ist, nämlich erotische Geschichten. Man denkt ja an nichts so oft, wie an das, was einem fehlt. Was fehlt einem am meisten? Sex und Geld. Und im Knast besonders. Und ich habe wunderschöne erotische Geschichten  geschrieben. Denn wenn du so hungrig bist, dann hast du so tolle Gedanken. Wenn du satt bist, fällt dir nix ein. Und dann hab ich die Geschichten immer für ein Packet Tabak an meine Nachbarn verliehen. Und dann haben die gesagt: Schick doch mal an den Playboy. Bist du wahnsinnig, da schreibt der Hemingway. Die nehmen von mir nie was. Irgendwann einmal, im Jahre 1982, im Dieburg im Knast habe ich mir ein Herz genommen und habe drei unterschiedliche Geschichten an drei Männermagazine geschickt. Playboy, Penthouse und Lui.“

Im Sudfass

Inzwischen ist Deutschland in den 1980ern angekommen, in der Politik regiert Helmut Kohl, im Radio Wham! und Duran Duran. AIDS sorgt kurz für Beunruhigung, die Einführung des Privatfernsehens wird aber gravierender Folgen auf die Gesellschaft haben. „Tutti Frutti“ wird als erste Erotiksendung im Fernsehen ausgestrahlt, „Eis am Stiel“ feiert Kinoerfolge. Später dann werden 1990er mit der Wiedervereinigung folgen, dazu Milli Vanilli und Pamela Anderson.

Ermutigt von seiner Veröffentlichung startet der Enddreißiger Zingler noch aus der JVA Dieburg heraus seinen größten und erfolgreichsten Bruch, der bis heute andauert: Tatort Hochkultur, die Eroberung der Medienwelt. Über Kontakte arrangiert er ein Treffen mit den Produzenten von „Ein Fall für Zwei“, die ihm sein erstes Drehbuch abkaufen. Aus dem offenen Vollzug heraus veröffentlicht er sein erstes Buch. Bald schreibt er für den Stern, den Spiegel, das Zeit-Magazin. Doch mit dem neuem Betätigungsfeld ändern sich auch die Regeln

„Pass auf, es ist doch so: Im Milieu gibt es Respekt. Jede Menge. Und im Milieu ist einer auf den anderen angewiesen, weil die Polizei ja jeden Fehler bestraft. Also gibt es da Zuverlässigkeit. Dann kam ich aus dem Knast und dachte: Oh je, jetzt lasse ich die böse Welt hinter mir und komme in die hehre Welt: die Welt der Schriftsteller, der Verlage, der Autoren, der Lektoren. Oh je, was für eine gute Welt. Und ich wurde noch nie so oft betrogen wie in diesen Jahren. Ich hatte in den ersten zwei Jahren so viele Messer im Rücken, ich kam mir vor wie einer, der sich an allen Ecken betrügen lässt. Was meinste wie oft ich gehört habe: Jaja, wir rufen zurück. Du wirst nie zurückgerufen.“

Rauhe Schale, weicher Kern: Peter Zingler ist ein Charakterkopf mit Seele
Rauhe Schale, weicher Kern: Peter Zingler ist ein Charakterkopf mit Seele

Wer anruft, ist Dieter Engel, der in den 1980ern als erster Sex mit Sauna verknüpft. Eine feudale Form des Wellness ist geboren, Engels Bordell „Sudfass“ in Frankfurt wird international berühmt. Engel und Zingler schätzen einander: Man kennt sich von früher, aus einer Sauna im Ruhrgebiet.

Engel finanziert Zingler die „Romanfabrik“, ein Wohnhaus für angehende Literaten, unweit des Sudfass. Filmprominenz wie Mario Adorf, Ben Becker und Heinz Hönig geht auf der anderen Seite mit Zingler und seinen Freunden die dankbare Symbiose zwischen Halbwelt und rotem Teppich ein. Ein Hauch von Abenteuer, etwas Verruchtes, braucht das Geschäft.

Zingler schreibt nun über das, was Engel und Co erleben. Es gab keinen Autor in Deutschland, der so direkt und unmittelbar Geschichten aus dem Milieu erzählte. Zu den Drehbüchern für „Ein Fall für zwei“ kommen die ersten „Tatort“- Folgen. Zingler veröffentlicht Romane und Essays, 1989 erhält er einen Literaturpreis, 1993 dann den Grimme-Preis für den Tatort „Kinderspiel“.

Zingler selbst wurde nicht mehr verhaftet. Bis heute. Er verlegte sich auf das Schreiben. Sein neues Metier, sagt er, war für ihn schwieriger, weil unberechenbar. Die alte Zusage aus dem Milieu, wo ein Handschlag ein Geschäft besiegelt, ist in der Medienbranche nur ein ausgelutschtes Accessoire für eine Folge „Tatort“. Die Waffe der Wahl ist jetzt der Anwalt. Das Gesetz.

„Ich habe gewisse Sachen nicht gemacht. Ich habe nichts umsonst gemacht. Alles was nichts kostet, ist nichts wert. Als der Hessische Rundfunk 1988 einen Bericht von mir hinter meinem Rücken geändert hat, habe ich darüber eine Woche lang in der Bild-Zeitung geschrieben. Titel: Die Ermordung meines Drehbuches. Ich habe RTL wegen Tantiemen verklagt und den ORF. Beim ORF habe ich sogar Recht bekommen. Es geht nicht um das Geld, sondern dass du unwürdig behandelt wirst.“

 

In der Rehab mit Ron Wood und Uma Thurmann

„Scheiß drauf“, sagt Zingler über Produzenten, Schauspieler, Regisseure. Es gibt sie, die Guten und Zingler hat sie alle in sein Netzwerk integriert. Doch die Schlechten überwiegen.

Pause.

„Ich bin nicht sauer, weil sie dieses oder jenes gemacht haben. Sie haben es nur ohne mich gemacht.“

Zingler urteilt nicht moralisch. Zingler ist Einbrecher geworden, weil er für das Klauen schon als kleiner Junge Bestätigung bekommen hat. Und warum damit aufhören, nur weil man selbst so blöd ist, sich dabei erwischen zu lassen? „Ein Verbrechen wird zu einem Verbrecher dadurch, dass man sich erwischen lässt.“ Die Anlage zum Verbrecher tragen wir alle in uns, sagt Zingler: In einen Moment hat der Richter Zingler wegen Einbruchs zu vier Jahren verurteilt – im nächsten Moment steht er vor ihm auf einem beliebigen Flohmarkt in Deutschland und kauft ihm einen fabrikneuen Fernseher für einen Spottpreis ab. „Vom Laster gefallen.“ Augenzwinkern. Nur nicht erwischen lassen.

Zingler hat anfangs seine Geschichten an Mithäftlinge verkauft. Aus den Mithäftlingen wurde das Magazin Playboy, ein „Fall für Zwei“ und danach die Belle Etage der deutschen Verlagshäuser: Eichborn, Luchterhand, Rowohlt, Heyne und Lübbe. Zwanzig Tatortfolgen hat Zingler seit 1990 geschrieben, 70 Drehbücher wurden im Fernsehen und im Kino veröffentlicht. 1996 hat er bei dem Kinofilm „Alles nur Tarnung“ das Drehbuch geschrieben und Regie geführt, seine Schauspieler waren Mario Adorf, Ben Becker und Heinz Hönig. 19 Romane sind erschienen, Anthologien und Gastbeiträge nicht eingerechnet. Zinglers Schreibstil ist direkt und manchmal rau, aber mit ganz viel Humor und Selbstironie. Er ist ein guter Schriftsteller. Nur, dass er sich selbst keine Visionen macht. Es geht um Respekt.

Im vergangenen Jahr ist Zingler krank geworden. Kein Schnupfen, nein, der Rücken. Zum ersten Mal in seinem Leben etwas Ernsthaftes. Hattest du Angst, Peter? „Angst? Ich war erschrocken, dass ich krank werden kann.“ Seit einigen Jahren fährt Zingler regelmäßig zur Kur nach Österreich, Fotos vom Entschlacken mit Ron Wood hängen in der Küche. Aus der Sauna mit Uma Thurmann gibt es keine Bilder, nur Erzählungen. Denn auch die Krankheit und das Alter sind bei Zingler Teil einer der unzähligen Erzählungen geworden. Zu jeder Lebenslage die passende Geschichte.

„Ich war Montag vor 14 Tagen auf der Beerdigung von einem Kleinpuffbesitzer in Langenselbold, das war eine schöne Beerdigung. Auf dem Hügel, so ein kleiner Friedhof, so ein kleiner Urnenfriedhof und unten am Parkplatz standen fünf, sechs Rolls Royce, Ferraris und große Mercedes. Und die Leute vom Dorf haben gestanden und gedacht: Was ist denn da los? Wer wird denn da beerdigt? Es war nur der Kleine Erich, er ist 78 geworden, die letzten acht Jahre hat er den Tatter gehabt und war in irgendeiner Einrichtung. Nachher sind sie alle in die Kneipe gegangen unten, das Haus hat ja auch dem Erich gehört und da gabs dann Kaffee und Kuchen  und jedes von diesen Mädels in Anführungszeichen, die ja mittlerweile auch schon 50 sind, hatte einen Kuchen gebacken. Und es war lecker! Es waren die tollsten Kuchen.“

 „Scheiß drauf.“

Der Film

Köln 1947, die Rheinmetropole ist komplett zerstört. Der Tausend-Bomber Angriff hat die Stadt zu einem Trümmerfeld gemacht. Nichts steht mehr. Für die Menschen bedeutet das Ende des Krieges noch lange nicht das Ende des Überlebenskampfes. Im Gegenteil, der Winter 1946/47 ist der härteste des Jahrhunderts und die Zuteilung lautet: nur drei Kohle-Briketts pro Tag. Schmuggeln, stehlen, Schwarzmarkt: „In schlechten Zeiten ist dies alles erlaubt“ sagt Kardinal Frings. „Fringsen“ ist von nun an Überlebensstrategie. Aber auch der Karneval, den die Kölner vorsichtig wieder entdecken, bietet eine kurze Auszeit von der täglichen Not. Hungrig, geschlagen und müde wollen sich die Menschen nicht einfach der Verzweiflung überlassen. Eine von ihnen ist Anna Roth.

Die dreifache Mutter (Christiane Paul) ist verheiratet mit dem litauischen Juden Adam Roth. Sie wartet auf seine Rückkehr, ohne zu wissen, ob er noch lebt. Gleichzeitig sucht sie Halt, den sie möglicherweise in der Beziehung zum Bauern Josef Halfen (Henning Baum) findet. Eines aber ist sicher: Die braune Gesinnung, sie lebt nach wie vor: Armin Zettler (Axel Prahl). Als rheinischer NSDAP-Vize, hielt er eine zeitlang seine nur scheinbar schützende Hand über die Familie Roth, um sie am Ende dann doch zu verraten. Mit Kriegsende bricht die Hakenkreuz-Welt Zettlers zusammen. Aber dank guter Beziehungen zu den Siegermächten ist er auf dem besten Wege, sich seinen Platz an der Sonne zurückzuholen. Der drohende Entnazifizierungsprozess ist ihm nur aus einem Grund lästig: Er steht seiner Gier nach mehr Geld und Einfluss im Wege. Zettler hat vor allem auf eines abgesehen: auf Annas Haus, das sie nicht bereit ist, herzugeben…

Regie: Carlo Rola

Das Buch 

Peter Zingler: Im Tunnel

Paul Zakowski sitzt seit dem frühen Morgen in der Abgangszelle seines Gefängnisses, in dem er ein paar Jahre verbracht hat, und hofft und flucht und betet. Er wartet auf seine Entlassung. Aber die darf eigentlich nicht sein. Nicht, dass er ein Unhold wäre oder ein Gewalttäter. Nein, Zakowski ist Einbrecher, erfolgreicher Einbrecher, und das hat ihm der Staat mit insgesamt acht Jahren und vier Monaten Haft vergolten. Allerdings in drei verschiedenen Prozessen. Von der ersten Strafe hat er inzwischen zwei Drittel verbüßt, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Eigentlich müsste die Staatsanwaltschaft jetzt die anderen beiden Strafen in Vollzug setzen. Zakowski ist sich im Klaren, dass die Telefondrähte in der Anstalt heiß laufen. Jeder will verhindern, dass er freikommt. Bis 17.00 Uhr haben sie Zeit, dann müssen sie ihn rauslassen. In der Abgangszelle, neben dem großen Tor in die Freiheit, harrt Zakowski aus. Während sich draußen die Weichen für seine Zukunft stellen, gerät Zakowski in den Sog seiner Erinnerung: Unerhörte Geschichten und Ereignisse aus seinem Leben steigen in ihm auf, und seine nicht gerade tadellose Vergangenheit fliegt an ihm vorbei.

Roman
16. Februar 2015
ca. 19,90 € (D) | 20,50 (A)
ca. 300 Seiten
978-3-627-00214-5

 

Tegel erfindet sich neu
Adventure

Tegel erfindet sich neu

Gegenwärtig wuseln noch jährlich rund 19 Millionen Reisende durch den längst zu eng und schmuddelig gewordenen Stadtflughafen im Nordwesten Berlins. Was bisher Schnittstelle des nationalen wie internationalen Verkehrs ist, soll zu einem Knotenpunkt des Wissensaustausches werden. Ziel ist es, TXL zu einer Arbeits- und Begegnungsstätte für Start-ups, universitäre Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen zu entwickeln. Visionäre Ideen und kreative Konzepte sollen auf industrielles Know-how sowie aufgeschlossene Investoren treffen. Allerdings zeigt der Wirbel um die unklare Situation des neuen Berliner Flughafens auch hier Ausläufer. Denn erst mit Inbetriebnahme des Willy-Brandt-Flughafens (BER) vor den Toren der Hauptstadt und der daran gebundenen Schließung Berlin-Tegels kann die Verwirklichung dieser Vision auch angegangen werden. Derzeitige Planungen rechnen mit einem Baustart in 2017.

Auch nachdem die Flugzeuge verschwunden sind, wird das Areal noch daran erinnern, dass hier einst ein Flughafen war. Allerdings werden die Gebäude ihrer neuen Nutzung gründlich angepasst bzw. umgebaut. Den derzeitigen Terminals A und D wird dabei eine zentrale Rolle zugedacht: Das Funktionsprinzip von Technologieparks sieht vor, Räume zu schaffen, in denen Startups und hoch spezialisierte Technologieunternehmen, die zwar über viele Ideen aber noch wenig finanzielle Möglichkeiten verfügen, sich entfalten und wachsen können. Bereits etablierte Firmen aus Industrie oder Gewerbe sollen von diesem Ideenpotenzial profitieren und sich deshalb hier ebenfalls ansiedeln. Im Gegenzug bringen sie die Mittel zum direkten Entwickeln oder Ausprobieren mit. Solch eine Basis ist auch in Berlin vorgesehen, für das später erbaute Terminal D. Technologieparks wie die in TXL geplante „Urban Rech Republic“ tragen so wesentlich dazu bei, die industrielle Basis Berlins zu stärken. 

Das eigentliche Zentrum, der markante Sechseck-Terminal A, bleibt aber einer anderen Einrichtung vorbehalten. Peter Strunk, Sprecher der vom Land beauftragten Tegel-Projekt GmbH erklärt: „Man braucht in der Mitte einen wissenschaftlichen Kern mit anwendbarer Forschung. Und um diesen Kern herum baut man eine Infrastruktur auf, die es ermöglicht, dass sich Industrie ansiedeln kann.“

Zur Ansiedlung sind auch die umliegenden Flächen der An- und Abflughallen sowie die ehemaligen Hangars vorgesehen. Die kurzen Entfernungen, die der 200 Hektar große Technologiepark mit sich bringt, vereinfachen und fördern die Zusammenarbeit der Beschäftigten oder Studierenden vor Ort. Darauf wird Wert gelegt, da die Bereiche Forschen, Entwickeln und Ausprobieren dem Tegel-Projekt als entscheidende Grundlagen gelten. Für die Rolle des wissenschaftlichen Kerns steht die Berliner Beuth Hochschule für Technik bereits in den Startlöchern. Damit wären wertvolle Impulse schon gegeben. Im nächsten Schritt stünden allein 150.000 Quadratmeter zur kurzfristigen Belegung bereit.

Bei anderen Bereichen, wie den vorgesehenen 100.000 Quadratmetern Experimentierfläche, muss dagegen wohl etwas längerfristiger geplant werden. Interessenten gebe es einige, Namen dürften allerdings – abgesehen von der Berliner Feuerwehr – noch nicht genannt werden.

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Strunk selbst ist bereits an einem ähnlichen Projekt in Berlin-Adlershof beteiligt. Allerdings warnt er: „Jeder Technologiepark hat seine eigene Entstehungsgeschichte. Man erfindet sich in solchen Projekten immer wieder selbst neu.“ Und auch TXL verfolgt mit ihrem Schwerpunkt auf urbane Zukunftstechnologien eine Alleinstellungsstrategie. Der Gedanke dahinter sieht in den Städten der Zukunft die infrastrukturellen Herausforderungen immer brisanter werden: 70 Prozent der Menschen bewohnen in 40 Jahren nur noch drei Prozent Landfläche, so zumindest die Prognosen. Fragen zur Energieversorgung, Mobilität, Wasserwirtschaft oder Recycling müssen schon jetzt gestellt werden, um den Bedürfnissen nicht unvorbereitet ausgesetzt zu sein.

Speziell bei der Elektromobilität will man bei der Urban Tech Republic einen Schwerpunkt setzen und die Konzeption und Integration neuer Mobilitätskonzepte erproben. In der „Werkstatt der Elektromobilität“ könnten sich beispielsweise Produzenten für E-Ladestationen oder neue Energieerzeugungstechnologien ansiedeln und den urbanen Raum Berlins als Forschungslabor nutzen. Antriebstechnik und Bauteile für Elektro-, beziehungsweise Hybridfahrzeuge, intelligente Verkehrsleitsysteme und City-Logistik könnten dann direkt vor Ort getestet werden.

Informationstechnologien und Werkstoffe stellen einen weiteren Aspekt der Forschung dar. Ebenso Fragen sozialer Auswirkungen, die mit umfassenden Neuerungen dieser Größenordnung zwangsweise einhergehen. Zwar werden deutsche Städte vom Trend zur Mega-Metropole nicht in dem Maße betroffen sein, wie es für Seoul, Kairo oder São Paulo gilt. Das heißt aber keineswegs, dass Hochtechnologie nicht benötigt werde. Die Bundeshauptstadt punktet als Standort vor allem mit einem Netz aus Forschung und Lehre, vielen Unternehmensgründungen oder auch ihrer weltoffenen Kreativität, so die Verantwortlichen. Von der einmaligen Situation eines großstadtnahen und zugleich großflächigen Areals mit existierender Infrastruktur ganz zu schweigen. Und so soll der Tech-Park – ähnlich wie gegenwärtig der Flughafen – ein weltweiter Knotenpunkt der Innovationen werden.

„Lange Jahre war der innovativste Ort unsere Kantine“, erinnert sich Strunk an Adlershof. „Dort haben sie gesessen und einfach miteinander geredet.“ Diese Erfahrung will das Projekt umsetzen. In einer „Wuselzone“ sollen sich alle Beteiligten unkompliziert austauschen, darüber hinaus aber auch frische Ideen direkt ausprobieren können.

Weitere Informationen unter: www.berlintxl.de