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Quelle der Schöpfung
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Quelle der Schöpfung

Eigentlich entspricht Jens Harders Galopp durch die Jahrmillionen ja der Schnelligkeit unserer Zeit. Aber er zeichnet ganz altmodisch im Alleingang mit Stift auf Papier und macht das Projekt zu seinem Lebenswerk. In Zeiten von Facebook und Twitter, von kurzen Posts und noch kürzeren Kommentaren auf aktuelle Mikroereignisse wirkt das wie ein Anachronismus.

Jens Harder ist in den 70er Jahren in Weißwasser nahe der polnischen Grenze aufgewachsen. Sein Talent hat er von seinem Vater geerbt. Der war Hobbymaler, und sein Großvater auch. „Den habe ich zwar nicht mehr kennengelernt, aber bei meiner Oma sah ich immer seine Ölschinken an der Wand hängen. Das hat mich geprägt, und ich habe gesehen, dass man sich auch so ausdrücken kann.“

Eine Doppelseite aus „alpha“

Heute arbeitet Jens Harder in einem hellen Atelier in Berlin-Prenzlauer Berg mit freiem Blick Richtung Westen. Die Zimmer der zum Atelier umfunktionierten Altbauwohnung sind weiß gestrichen, die Wände sind voll mit Drucken und Originalen von Kollegen – auch eigene Arbeiten sind dabei. Die alten Bilderrahmen vom Flohmarkt sind dicht an dicht gehängt. „Russische Hängung“, merkt er augenzwinkernd an. Die schicken Arbeitsflächen entpuppen sich als alte, abgeschliffene Türen.

Harder und sein Zeichnerkollege Tim Dinter, mit dem er sich den Raum teilt, haben sie von einer Baustelle. Auf den Tür-Tischen stehen die für Grafiker und Illustratoren obligatorischen iMacs. Bei Harder sammeln sich außerdem regelmäßig große Bücherstapel an – naturwissenschaftliche Werke aus Bibliotheken, großformatige Bildbände und anderes Material für seine intensive Recherche. Ein großer Grafikschrank mit riesigen Schubladen schützt die Originalzeichnungen, darüber ist ein Holzregal mit Designbüchern, Comics und anderen Utensilien für das tägliche Werk. Morgens gegen zehn geht er den kurzen Fußweg von seiner Wohnung zum Atelier und arbeitet dort bis zum Nachmittag, manchmal auch bis Abends. Immer mit Musik auf den Ohren – Elektronisches, gerne verschachtelt. „Wenn Musik zu saftlos aus den Boxen plätschert, wird mein Strich immer lieblos“. Später am Abend setzt er sich zu Hause noch mal zwei bis drei Stunden an den Laptop und macht Retusche oder Kolorierung an den eingescannten Zeichnungen. Im Schnitt schafft er inklusive der Recherche zehn Seiten im Monat, auf das Jahr gerechnet kalkuliert er 100 Seiten.

Das war nicht immer so: In den 90er Jahren pflegte Jens Harder noch den klassischen Lebenswandel eines Bohemiens. „Früher schlief ich bis Mittags, fing dann mit  irgendwelchen Skizzen langsam an mich warm zu zeichnen. Nachmittags ging dann die richtige Arbeit los – bis tief in die Nacht. Im Sommer wurde es dann immer schon hell.“ Als Harder Ende 1990 nach Berlin zog gab es dort viele leer stehende Wohnungen von Leuten, die sich im Sommer 1989 über Ungarn oder nach der Maueröffnung in den Westen abgesetzt hatten. Manche waren sogar noch möbliert, dieses Glück hatte Harder nicht: „Meine war eine vermüllte Feierwohnung, wo Alkis die Möbel zerschlagen und dann in der Mitte ein Feuer gemacht hatten.“ Er renovierte die Wohnung auf eigene Kappe und konnte dann dort mit ordentlichem Mietvertrag für viele Jahre günstig wohnen.

Mit Monogatari hat er zu der Zeit mit schmalem Geldbeutel über einen Copyshop oder die Unidruckerei erste Arbeiten veröffentlicht. „Das lief alles noch sehr spielerisch ab, wir hatten große Lust, immer neue Felder der Ausdrucksmittel zu finden. Wir inspirierten  uns gegenseitig – und das ging dann immer mehr in Richtung Comic. Eine Zeit lang waren wir wie eine Band, wenn wir mit unserem Stand auf den Comicfestivals aufmarschierten. Die Leute haben schon gewitzelt, dass wir uns immer ähnlicher sehen.“ Die Gemeinschaftsprojekte wurden zum Ende des Studiums immer weniger, 2005 löste sich die Künstlergruppe auf. „Danach gingen dann unsere Solokarrieren los“, witzelt Jens Harder. Er hat gut Lachen: Sein erstes eigenes Buch „Leviathan“, eine mit Literaturzitaten gewürzte Geschichte über einen Pottwal, erschien 2003 zuerst in Frankreich. Dort haben Comics einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland, die Verkaufszahlen sind oft zehn mal so hoch.

Und es war ein Glücksfall, dass Thierry Groensteen, einer der führendsten Comictheoretiker und Direktor des Comic-Museums in Angoulème gerade einen kleinen Verlag gegründet hatte. Groensteen war begeistert, und “Leviathan“ wurde gleich ein Überraschungserfolg. Das ermöglichte Harder, sein verwegenes Großprojekt über die Entstehung der Welt anzugehen. In „Leviathan“ zeigt sich bereits Harders Interesse für die Urgewalten der Natur, für riesenhafte Kreaturen, Sagen und Mythen. „Vor „Alpha … directions“ wurde mir erst klar, wie ich all das Interesse aus meiner Jugend für Paläontologie und Archäologie und überhaupt Natur – die Frage,  wie alles entstanden ist und sich verändert hat – endlich in meine Arbeit einfließen lassen kann. „Ich konnte es kaum noch erwarten damit zu beginnen“. Da war er wieder, der etwa Zehnjährige, der Abends an seinem Schreibtisch fantastische Welten kreiert.

 

Jens Harder an seinem Berliner Arbeitsplatz

Jens Harder zeichnet nach wie vor mit dem Stift. Viele Kollegen haben inzwischen zu digitalen Mitteln gegriffen und zeichnen am Grafiktablett. „Ich liebe Stift und Papier und will mir bewahren, dass man einfach auf dem Schoß loslegen kann, ohne sich um die Technik zu kümmern. Alleine schon wegen der Haptik. Ich will nicht den ganzen Tag vor Bildschirmen und anderen Hilfsmitteln hocken. Ich würde auch niemals ein E-Book lesen – das finde ich scheußlich.“ Harders Ablehnung ist keine dogmatische Technikverweigerung. Für die Weiterverarbeitung des Bildmaterials arbeitet er durchaus am Computer, nur die primäre Zeichnung macht er gerne mit Buntstift, Bleistift oder Tusche. „So wie ich arbeite, geht das auch noch gar nicht anders. Man müsste sich sonst erst mal irgendwelche komischen Werkzeugspitzen definieren, die beim Absetzen wegbrösen – das lässt sich digital kaum nachahmen.“ Auch nach sechs Jahren Arbeit an seinem Großprojekt hält er an  seiner Arbeitstechnik fest. Für den ersten Band „Alpha … directions“ mit 350 Seiten und rund 2000 Zeichnungen hat er vier Jahre gebraucht, für die beiden ebenso dicken Bände von „Beta“, die die Entstehung der Primaten zeigen und die Menschheitsgeschichte bis heute illustrieren, plant er noch mal acht Jahre ein. Der Abschlussband „Gamma“ wagt einen Blick in die Zukunft und soll etwas dünner werden. Gerade sitzt er an Seite 240 des ersten „Beta“-Bands. Die Zeit der Handlung reich aktuell 30.000 Jahre in die Vergangenheit.

Derweil arbeitet außerdem ein französisches Team an einer Verfilmung seines Projektes. Das ist eine naheliegende Vorstellung, sind die beiden Medien doch deutlich miteinander verwandt. „Comic hat auch all diese Möglichkeiten von Kamerafahrten und Zooms, man schneidet Bilder und Szenen aneinander. Die Zwischenräume zwischen den einzelnen Bildern, den Panels, delegiert der Comicautor an den Leser. Aber es liegt an seinem Geschick, wie gut das nachvollziehbar ist. Im besten Fall wird es ein in Einzelbildern eingefrorener Film auf Papier.“ Der Comic ist gerade für sein Thema das perfekte Medium, weil man hier am besten mit Zeit umgehen kann: „Wenn man will, kann man das Buch ganz schnell durchblättern und vor seinen Augen ablaufen lassen, so bekommt man einen Eindruck der Veränderlichkeit im Schnelldurchlauf. Man kann aber auch an jeder Stelle anhalten und in Ruhe in einzelne Details eintauchen, vergleichen und hin und herblättern.“ Im Film wird dem Zuschauer das ‚Lesetempo‘ hingegen vorgegeben. Hinzu kommt, dass Harder mit dem Zeichnen die Urform menschlicher Kreativität ausübt. „Ich denke da gerade jeden Tag dran, während ich das Kapitel zur jüngeren Altsteinzeit zeichne, wo sich die Kunst in Gravuren und Zeichnungen an den Wänden Bahn bricht. Jetzt kann ich auch erstmals Zeitzeugen, die damals ein Mammut sahen und an die Felswand zeichneten, in meinen Bildern zitieren.“ Ein weiterer großer Vorteil des Comiczeichners gegenüber dem Filmemacher liegt darin, dass er kompromisslos seine Ideen verwirklichen kann und sich nicht permanent mit einem vielköpfigen Team auseinandersetzen muss.

Seit dem in Frankreich wie Deutschland gleichermaßen großen Erfolg von „Alpha … directions“ ist er ein gern gesehener Gast bei Signierstunden und auf Festivals, wo er schon etliche Preis entgegennehmen durfte. Auch jenseits der eingeschworenen Comicgemeinde konnte er mit seinem Thema landen. Ausstellungen führten ihn nicht nur in Galerien und Kunstausstellungen, sondern auch zu Naturkundemuseen, beispielsweise in Berlin, Karlsruhe, AixParis oder Genf. Mit „Alpha … directions“ hat er den noch überschaubaren Kreis deutscher Comicleser nicht nur verlassen, sondern erweitert. Seine Comics begeistern Menschen mit naturwissenschaftlichen Interessen, Design-Aficionados oder einfach Freunde schöner Bücher für den Coffee Table. Damit ist Harder einer der Wenigen, die in Deutschland vom Comiczeichnen leben können, wenn auch nicht auf großem Fuß. Er nimmt auch dort eine Sonderstellung ein, und das ist ihm bewusst: „Dem Comic könnte in Deutschland schon noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zuteil werden. Das kommt erst langsam in die Gänge, dass der Comic ebenbürtig mit Literatur, Film und anderen Medien betrachtet wird“. Er selbst arbeitet in einem Grenzbereich, seine Bilderzählungen kommen ohne Sprechblasen aus, nur vereinzelt gibt es Texte unter den Bildern. Aber wenn ihn jemand fragt, ob das überhaupt ein Comic sei, antwortet Harder mit entwaffnender Schlichtheit: „Was soll es denn sonst sein?“.

Mit seiner in Comicform gegossenen Begeisterung für das Wunder der Welt und des Lebens hat Jens Harder einen Coup gelandet,„Für mich ist es nach wie vor das größte und beeindruckendste Thema: das Leben und wie es entstanden ist. Ich kann das ohne Probleme auch als Atheist mit einem wissenschaftlichen Background als Wunder bezeichnen.“ Darauf angesprochen, wie er denn 15 Jahre seines Lebens für dieses Irrsinns-Projekt aufwenden kann, ist er um keine Antwort verlegen: „Wenn dir jemand erzählt, er hat die letzten 15 Jahre damit zugebracht, Barcodes einzuscannen oder die zehnbillionste Stelle von Pi zu berechnen … Ich will das jetzt nicht abwerten, aber da muss man sich auch überlegen, wie sinnvoll oder sinnlos eine solche Tätigkeit ist. Ich möchte nicht behaupten, dass ich etwas mache, worauf die Welt gewartet hat, aber für mich ist es sehr erfüllend. Ich kann extrem viel einbringen von dem, was mich umtreibt und interessiert und ich hoffe, dass meine Arbeit aufgrund der Vielfalt der Themen, auch für andere interessant ist.“ Der bisherige Erfolg seiner bildgewaltigen Evolutionsgeschichte kann ihn darin nur bestärken.

Lesen Sie den vollständigen Text in der aktuellen Ausgabe von TRIP.

Das Buch Wie bringt man 14 Milliarden Jahre Weltgeschichte in ein Buch? Diese Frage hat sich der Berliner Zeichner Jens Harder gestellt und beantwortet: Indem man auf 350 Seiten den Beginn unseres Universums mit dem Urknall, die Entstehung des Planeten Erde und die Evolution der Pflanzen- und Tierwelt in großartigen und detailreichen Bildern umsetzt. Mit Texten geht er sparsam um, nur an wenigen Stellen finden sich kurze Passagen. Dafür fädelt er auf diesen historischen Faden geschickt Darstellungen aus allerlei Schöpfungsmythen und verquickt so fast unmerklich Naturwissenschaft und menschliche Vorstellungswelt. Am Am Ende des Buches steht der Mensch und ein völlig hingerissener Leser, der gerade eben die Entstehung von allem nachvollziehen durfte! Carlsen, 49,90 Euro

http://www.carlsen.de/hardcover/alpha/25378

http://www.carlsen.de/hardcover/alpha/25378

„Alpha …

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