Selbstverständlich habe ich eine Erklärung parat, wenn mich jemand fragt, warum ich diesen riesigen Koffer als Reisegepäck gewählt habe. Neben meinen ordentlich gefalteten Blazern, die für Cocktailabende in noblen Bars reserviert sind, gibt es noch ein ganzes Stück Stauraum. Im Vorfeld erhielt ich von meinem Reisepartner Thomas klare Instruktionen: „Reserviere ungefähr einen Platz von 50 x 20 cm. Die Paddel kriegen wir schon irgendwie unter“. Ich folgte seinen Anweisungen. Am Flughafen Berlin-Tegel übergibt mir Thomas das auf ein Minimum zusammengepresste Packraft – einfach gesagt ein Schlauchboot im Handtaschenformat. Und zwischen meinen Ausgeh-Sachen findet sich sogar noch ein Eckchen für das dazugehörige teilbare Paddel. Das Equipment ist erfolgreich verstaut, so dass wir bestens ausgerüstet zu unserem Outdoor-Trip in und um New York aufbrechen.

Low2015_NYC_Rockaways-(9)
Surfen auf den Wellen vor den Rockaways, die zu Queens gehören.

Erster Stopp: Queens. Bereits New York ist von unglaublich viel Wasser umgeben, aber die Rockaways, die zum Stadtteil Queens gehören, sind schon fast eine reinrassige Insel. Diese exponierte Lage wurde den Rockaways jedoch zum Verhängnis, als Hurrikan Sandy an der Ostküste tobte. Unser Reisemonat liegt noch mitten in der Hurrikan-Saison. Das beschert nicht allein ein mulmiges Gefühl, sondern sorgt auch für einen ordentlichen Swell. Am Strand von Rockaway läuft gerade eine saubere Welle. Im A-Train, der die New Yorker aus Manhattan und Brooklyn an die Atlantikküste bringt, sind Surfboards dieser Tage keine Seltenheit.

Locals am Strand von Queens.
Locals am Strand von Queens.

„In Manhattan schauen mich die Leute trotzdem fragend an, die meisten wissen nicht, dass man hier surfen kann“, sagt der Student Keith Corrado. Er kommt oft hier raus. Der Fokus ist das Surfen – und zwar nur Surfen. „Ich muss keine Freundschaften am Strand schließen“, gibt er zu. „Keine Freundschaften schließen“ klingt wenig freundlich und auch die Vorabrecherche beim Online-Forecast „magicseaweed“ kündigte einen Spot an, der von wüsten Locals beherrscht wird. Wüst wirken die Surfer nicht, die wir im „Boarders“, dem Laden von Steven, treffen. Sein Geschäft ist nicht nur der Verleih von Brettern, sondern auch das Vermieten von Schließfächern. „Alle, die ihr Zeug hier unterstellen, nenne ich Locker-Locals“, sagt er lachend und freut sich über den selbst kreierten Begriff. Ich leihe mir ein NSP und ignoriere, dass Steven die Abkürzung mit „No Surf Potential“ auflöst. Die Sonne scheint, die Temperaturen knacken locker die 20-Grad-Marke. Der Atlantik drückt bestimmt, aber nicht gewaltig an den langen Sandstrand von Queens. Softboards, Longbords, Shortboards – auf allen Größen paddeln die Surfer auf dem Ozean. Meine erste Session in New York. Das ist für mich eine große Sache. Klar, ich bin aufgeregt. Ich arbeite mich mit meinem NSP zum Peak vor, grüße die anderen Surfer und werde wie selbstverständlich zurückgegrüßt. Es fühlt sich richtig an, nein, es ist schlicht fantastisch. Ich paddle eine Welle an und Thomas fängt mit der Kamera einen erstklassigen Wipeout ein. Mir ist es egal, ich komme mit einem Lachen aus dem Meer und denke: „Dagewesen, dringewesen.“ Etwas nördlicher, direkt an den Klippen, schlitzen die Jungs die Wellen, die es richtig draufhaben. Wahrscheinlich ist Keith einer von ihnen.

Mit dem Surfboard in der U-Bahn.
Mit dem Surfboard in der U-Bahn.

Surfen im Big Apple: Erledigt – für’s Erste. Thomas wird zappelig. Die Packrafts sind immer noch auf Minimalmaß zusammengerollt. Doch die Gelegenheit für eine Jungferntour in New York ist so nah wie nie. Wir sind umgezogen – auf eine Art Hausboot, das ebenso minimalistisch ist wie unsere kleinen Boote. Doch diese können nun endlich ihre ganze Größe entfalten. Unser Refugium, das in einer Marina von Queens liegt, ist der perfekte Ausgangsort für unser erstes Packraft-Abenteuer. Thomas, Kayak-Experte und Gentleman, ist immer noch zappelig. Deswegen übernimmt er den Aufbau beider Boote. Es soll schnell gehen. Es dämmert bereits. Mit einem Nylonsack fängt er Luft ein, die er durch das Ventil ins Packraft drückt. Die Handgriffe sitzen, der Mann kann es einfach. Mühelos heben wir die aufblasbaren Kajaks vom Steg ins Wasser. „Flach ins Boot einsteigen“, rät er mir und hält meine Hand. Ich klettere hinein und paddle langsam los. Thomas hat mich schnell eingeholt. Vor uns sehen wir riesige Scheinwerfer, über uns donnern schwere Passagiermaschinen. Wir bewegen uns geradewegs auf JFK zu, den größten Flughafen von New York. Die Jamaica Bay trennt das internationale Drehkreuz von unserem beschaulichen Domizil, der Marina. Die Lichter der Landebahn, die riesigen Gebäude und die Flieger lassen uns ehrfürchtig in die Ferne schauen. Hier sind wir weit entfernt von Manhattan, weit entfernt vom Times Square, der Fifth Avenue und dem Empire State Building. Unaufgeregt geben wir uns der Industrieromantik hin: Große Backsteinbauten zur Rechten, ein Schulbus-Friedhof zur Linken. Nichts anderes wollten wir sehen: Das echte Leben anstelle von Großstadt-Glamour. Doch als wir einen Bogen gen Westen schlagen, rückt der Glamour ein Stück näher. Die Skyline von Gotham City flackert schemenhaft im Dunst der Dunkelheit. Wir schweben auf den sanften Wogen der Jamaica Bay und unseren ganz eigenen Sehnsüchten. Eine alte Hütte in Mississippi-Huckleberry-Finn-Optik zwingt uns zu einer andächtigen Pause. Wir sind platt, die Eindrücke entfalten ihre Wirkung. Leider haben wir vergessen, Bier einzupacken. Die Packrafts glänzen prallgefüllt im Mondschein. An diesem Abend fassen wir den Entschluss, unsere Tour im Tageslicht neu aufzulegen.

Rockaways: Bei guten Wellen ist am Strand viel los.
Rockaways: Bei guten Wellen ist am Strand viel los.

Der Morgen lässt uns bereits schwitzen, aber die Wolken hängen wie ein dichter Teppich am Himmel. Am Tag sehen wir das was in der Nacht verborgen blieb. Die Flugzeuge ziehen weiter ihre Bahnen über uns, aber die Vögel der Jamaica Bay kreuzen nun auch unseren Weg. Irgendwo zwischen den Rockaways, der Marina und dem JFK befindet sich ein großes Vogelschutz-Gebiet. Da ist sie: Die Natur mitten in der großen Stadt. Es ist diesig, aber wir sehen die Cross Bay Bridge in einer Entfernung, die zu bewältigen ist. Wir kennen die Brücke, schließlich verbindet sie die Rockaways mit dem Rest von New York. Obwohl wir beschlossen haben, den A-Train zu hassen, lieben wir es, wenn die silbernen Wagons über die Schienen donnern. „Drunter durch“ ist das erklärte Ziel. Von weitem ahnen wir bereits, dass wir mit ein wenig Strömung rechnen müssen – insbesondere auf dem Rückweg. Zunächst heißt es, sich treiben lassen, nach oben schauen, staunen. Die Züge rattern weiter, doch warte, der Zugführer blickt zu uns hinunter und winkt. Welcome to New York. Auch die übrigen Insassen scheinen uns und unsere Boote immerhin eines Blickes zu würdigen. Ein bisschen Stolz keimt ins uns auf: Kajaks sind hier wohl eher die Seltenheit. Kurze Pause inklusive Lagebesprechung, bevor wir uns auf die Rücktour machen. „Wenn die Strömung zu stark ist, nehmen wir das Boot einfach auf den Rücken und laufen zurück“, meint Thomas. Klar, so einfach ist das eben auch mit den Packrafts. Doch dank Ehrgeiz und immenser Paddel-Power müssen wir das Wasser nicht verlassen.

Vorbereitungen vor dem Start mit dem Packraft.
Vorbereitungen vor dem Start mit den Packrafts.
Das Hausboot als Quartier in Queens.
Das Hausboot als Quartier in Queens.

Die Packrafts ziehen genauso oft um wie wir. Sie machen einen kleinen Zwischenstopp bei unserem Freund im East Village, bevor sie sich mit uns in Brooklyn häuslich niederlassen. Auch in Brooklyn ist das Wasser nicht weit. Mit Rucksack, Paddel und Wechselklamotten geht es in den L-Train, einmal umsteigen und ein paar Minuten später springen wir an der Manhattan Bridge an die Oberfläche. Wir spazieren durch Dumbo (Down Under the Manhattan Bridge Overpass), schlängeln uns durch Touristen und den Main Street Park. Menschen essen Streetfood und trinken Kaffee, wir legen unsere Boote neben eine Parkbank und lassen Luft ein. Ein Hinweisschild bestätigt, dass Kayaks hier eingesetzt werden dürfen. Dennoch sind wir heute die einzigen Paddler hier. Mal wieder. Links von uns die Brooklyn Bridge, rechts die Manhattan Bridge und wir denken einfach nur so „yeah“. Als wir die Packrafts langsam über die Findlinge Richtung East River rutschen lassen, spüren wir neugierige Blicke in unserem Rücken – und das Blitzen einer Kamera. Als wir auf dem Wasser sind, sehen wir einen fernöstlichen Mönch, der seine Hand am Auslöser hat. Kurz orientieren wir uns, benennen die Brücken und lassen die Skyline noch einmal auf uns wirken. Da ist sie nun, ganz unmittelbar vor uns. Um uns herum cruisen die Ausflugsboote des East Rivers, die Wasserschutzpolizei und wir eben so irgendwie mittendrin. Wir sind wagemutig, aber nicht waghalsig. Thomas möchte den Fluss überqueren, ich kneife. Und Thomas ist ein Gentleman und waghalsiger als ich dachte.

Miram steigt vorsichtig ins Wasser.
Miram steigt vorsichtig ins Wasser.

Er zieht es am nächsten Tag allein durch. Bei unbarmherzig einströmender Flut paddelt er wie ein Verrückter, verfehlt dennoch sein Ziel, den Pier 15, um fast 400 Meter. Der Druck des Wassers ist zu mächtig. Die Brooklyn Bridge bietet ihm ein Kehrwasser zum Verschnaufen an, ein kleiner Strand dahinter eine Rast. Den Rückweg startet er dann schon bei Dämmerung, doch die Sonne fliegt hier regelrecht gen Horizont. Sein Packraft kämpft als schummriger Klecks auf schwarzen Wogen gegen die Dunkelheit. Doch sein Grinsen sehe ich bis ans Ufer, breiter als der East River selbst. Dass die Harbour Police ihn abfängt unterbricht den Spaß nur kurz. Nach einer Ermahnung darf er weiter. Licht am Boot ist auch hier von Vorteil. An der kleinen Bucht vor dem Main Street Park, einem der angesagtesten Fotospots für Skyline-Fetischisten, landet er wieder an. Als willkommene Motivergänzung natürlich.

Unterwegs auf dem Bronx River.
Unterwegs auf dem Bronx River.
Letzte Ruhestätte für Schulbusse.
Letzte Ruhestätte für Schulbusse.

Auch im Bronx River geraten wir vor die eine oder andere Linse. Die böse Bronx sieht an der 219. Straße ganz lieblich aus. Dort lassen wir unsere Packrafts zu Wasser. Der Bronx River mutet an dieser Stelle eher wie ein beschauliches Bächlein an, aber unsere Paddeltour ist nicht ausschließlich gemütlich. Extrem flaches Wasser und umgestürzte Bäume unterbrechen unsere Fahrt. Wir hieven die Boote an Land – mühelos. Beschwerlicher ist jedoch der Fußmarsch durch eine nennenswerte Ansammlung von Präservativen. Wir ekeln uns nur kurz, denn hinter der nächsten Kurve empfängt uns der Bronx Botanical Garden und es wird wieder lieblich. Künstliche Wasserfälle zwingen uns, erneut an Land zu gehen. Als wir uns langsam auf den Bronx Zoo zu bewegen, wähnt Thomas die erste Chance, in den Genuss von ein wenig Wildwasser zu kommen. Als er sich wie eine Natter durch den flachen, aber schnellen Fluss schlängelt, beobachte ich ihn genau. Bei mir muss das ebenso gut klappen. Wieder einmal haben wir Beobachter. Gerade noch sind wir verzückt von der Flora und Fauna des Flusses, doch einige Meter weiter präsentiert sich die Bronx so, wie wir man sie aus hetzerischen Zeitungsartikeln kennt. Wild und gefährlich. Bärtige und finster dreinblickende Männer angeln in dem dunklen Sud, der an dieser Stelle scheinbar mehr chemische Zusätze hat als uns lieb ist. Die Angel wird kurz aus der Hand gelegt, um ein Foto von uns zu machen. Der Ausflug fängt an, ein wenig unbehaglich zu werden. Plötzlich versperren Schwimmausleger unseren Weg und wir entschließen uns, auszusteigen.

Unter einer Brücke auf dem Bronx River.
Unter einer Brücke auf dem Bronx River.

Die Wasserbasins im Central Park dürfen wir nicht befahren. Wir sprechen einen Officer an und der sagt „No“. Gesetzesfürchtig sind wir. Aber Thomas kann bouldern – und das inmitten des Indian Summers.

Die Reise wurde unterstützt von dem Unternehmen Packrafting-Store in Leipzig (www.packrafting-store.de)

Comments are closed.