Mit allen Wassern

Eine der wenigen Ozean-Segelboot-Kapitäninnen weltweit träumt gross. Fotografin Autumn Sonnichsen begleitete Nadia Megonn auf einer Überführungsfahrt von Bordeaux nach Brasilien

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Mit allen Wassern

Als sie vor 32 Jahren São Paulo hinter sich liess, wusste sie nicht, dass es für immer sein würde. Noch konnte sie nicht erahnen, dass sie in der ganzen Welt von Hafen zu Hafen unterwegs sein würde. Heute ist sie eine der wenigen Kapitäninnen weltweit, die Ozean-Segelboote segeln kann. Aber Nadia Megonn hat immer noch einen großen Traum.

Bei der Abreise von Bordeaux herrschte tiefer Frost

Die Gewaltverbrecher kamen in ihr Elternhaus, als Nadia 18 Jahre alt war. Ihre Familie lebte zu dieser Zeit in São Paulo, in dem zu dieser Zeit noch dünn besiedelten Stadtteil Alto de Pinheiros. Es klingelte an der Tür. Die Putzfrau öffnete. Drei Unbekannte stürmten herein und wollten zur Hausherrin geführt werden. Geistesgegenwärtig führte die Putzfrau die Männer jedoch direkt zu  den scharfen Haushunden, zwei Labradors.  Diese sprangen sofort einer der Männer an und zerfleischten ihn. Die beiden anderen ergriffen die Flucht. Nadia mußte alles von ihrem Zimmer aus beobachten.

Das Tauwerk war von Eis bedeckt

Nach diesem Ereignis wollte Nadia nur noch weg. Die Entscheidung, in das Strandhaus der Familie in Ilhabela an der Nord-Küste von São Paulo zu ziehen, fiel sehr schnell. Nadia hatte gerade das Gymnasium beendet und wollte sich ohnehin eine Auszeit nehmen, um in Ruhe über einen passenden Studiengang nachzudenken. Nadia, behütetes Einzelkind eines Staatsanwaltes und einer Managerin, konnte ihre Eltern zunächst nur schwer überzeugen. Doch schließlich willigten sie ein. Nadia versprach, bald wieder nach São Paulo zurückzukommen.  Doch daraus wurde nie etwas. Nadia entdeckte ihre Liebe zu Meer und schlug einen völlig anderen Weg ein.

Die meisten Yachten liegen im Winterschlaf. Nur wenige Segler brechen bei diesen Temperaturen zu einem Törn auf

Ich treffe Nadia am Anleger der Fähre. Dort will sie mich abholen mit ihrem blauen Suzuki. Sie hat lange Haare, ist braungebrannt, trägt ein Poloshirt, eine weite Hose und Havaianas. Mit einem warmen Lächeln kommt sie auf mich zu.

Der nagelneue Katamaran, den Nadia Megonn nach Brasilien überführen soll

“Heute bin ich von Beruf Skipper”, sagt sie.  Nach dem Überfall und ihrem Umzug nach Ilhabela hatte sie zur Ablenkung sehr schnell mit dem Segeln begonnen. Sie war täglich auf dem Wasser und nahm schon bald erfolgreich an Regatten teil. „Ich lernte jeden Trick und kannte das Revier nach kurzer Zeit wie meine Westentasche“, erzählt sie.  „Aber der Druck meiner Eltern, möglichst bald nach São Paulo zurückkehren und endlich ein Studium zu beginnen, wuchs von Tag zu Tag“.  Dann aber traf sie einen Segler, der eine Crew zusammenstellte, um gemeinsam die Küste hoch nach Salvador zu segeln. „Ich musste nicht lange überlegen“, sagt Nadia. “Ein Studium kann man immer beginnen, einen Törn nach Salvador antreten, aber nur selten. Es war ein grosses Abenteuer. In den frühen 80er Jahren war das Segeln viel ursprünglicher als heute“, erklärt sie. „Es gab kein GPS. Wir mussten auf klassische Weise navigieren.  Mit der modernen Elektronik ist es heute nicht sehr schwer, sich vom Wind irgendwo hinschieben zu lassen.“

Treibstoff bunkern

Als sie von dieser Reise nach Salvador in den Süden zurückkehrte, wusste sie, was ihr künftiges Lebensziel war: Möglichst viel Zeit auf dem Wasser zu verbringen. Aber zuerst musste sie sich dem Druck ihrer Familie beugen und  studierte Sport an der Universität von Campinas.  Gleich nach dem Examen kehrte Nadia zurück zur Insel Ilhabela und unterrichtete an einer öffentlichen Schule.  Doch anstelle von Fußball oder Handball brachte sie ihren Schülern Schwimmen und Klettern bei. „Ich unterrichtete überwiegend Kinder aus einfachen Familien“, erzählt sie. „Heute ist der eine Polizeichef und ein andere Skipper.“  Auf der Insel mit ihren 28 000 Einwohnern trifft sie immer wieder ehemalige Schüler.

Nadia prüft vom Bug aus die Meeresströmung

Eines Tages lernte Nadia auf den Insel einen deutschen Schiffsingenieur kennen, der sechs Monate im Jahr auf See und sechs Monate auf Ilhabela verbrachte. „Es war der Vater meiner Tochter, der da vorbei lief”, sagt sie lachend. Die Beziehung entwickelte sich schnell. „Wir trafen uns immer wieder auf der Insel. Er war ein sehr freies Leben. 1995 wurden wir ein festes Paar und ich brachte Ananda auf die Welt“.

Nadia beim Reffen

Die Geburt fand zu Hause statt, so wollte es Nadia. Dabei waren ihr Kinderarzt, ihre Eltern und ihr Partner. Die Nabelschnur durchschneiden durfte der Vater. „Für mich war fast eine Prophezeihung“, erinnert sich Nadia. Kurz nach der Geburt und der durchschnittenen Nabelschnur war die Beziehung beendet und der Schiffsingenieur zog nach Ibiza. „Ich sah ihn nie wieder“, sagt sie.

Nadias Hände erzählen von den Herausforderungen unzähliger Törns

Wie auch auf dem Meer, folgte nach dem Sturm die Ruhe.  „Ich fand recht schnell einen Job bei einer Segelschule und fing an, Urlauber auf Jollen zu unterrichten. Das machte mir grossen Spass. Während dieser Zeit haben sich meine Eltern um Ananda gekümmert. Mal in São Paulo, mal auf Ilhabella. Ohne meine Eltern hätte ich Amanda nicht großziehen können“.

Inzwischen ist Ananda selbst erwachsen, eine lebendige junge Frau, die Anfang dieses Jahres nach São Paulo zog,  um Multimedia-Kommunikation zu studieren. „Es wird hart für sie“, sagt die Mutter. „Sie kennt weder Rushhour noch endlose Staus. Sie ist hier im Paradies aufgewachsen.”

Blick aus dem Cockit auf das Vorschiff

1996 kaufte Nadia gemeinsam mit dem Chef der Segelschule eine 28-Fuß-Yacht. Es war ein robustes hochseetaugliches Schiff,  perfekt geeignet für Leute, die das Dickschiff-Segeln lernen wollen. “Mit dem Wirtschaftswachstum in Brasilien gab es immer mehr Leute, die sich plötzlich eine Yacht leisten konnten und lernen wollten, ein solches Schiff selbst zu segeln“, sagt Nadia. Ausserdem wurde sie immer häufiger mit Überführungs-Törns beauftragt, hatte reiche Kunden, die während des Urlaubs in der Karibik segeln wollten und jemand brauchten, der das Schiff vorher dort hinbringt und anschliessend auch wieder zurücksegelt in den Heimathafen. „Ich hatte öfter auch den Auftrag, ein neues Schiff aus der Werft in Europa über den Atlantik nach Ilhabella zu bringen“.  Dieses Geschäft wurde für Nadia nach und nach zur  wichtigsten Einnahmequelle.

Der Schiffsjunge Fernando bei bester Laune

Die erste Atlantik-Überquerung war die komplizierteste. 1999 musste sollte sie als Skipper gemeinsam mit zwei weiteren Seglern einen 54-Fuß-Katamaran mit 207 Quadratmetern Segelfläche nach Portugal überführen. Da die Fertigstellung des neuen Schiffs zu lange dauerte, wurde der Katamaran erst im Dezember fertig – die schlimmste Zeit auf dem Atlantik.  „Das waren 40 Tage Frontalwind, brutale Nässe und Kälte, ohne je den Himmel zu sehen“, erinnert sich Nadia.   „Während dieses Törns habe ich endgültig gelernt, die Umwelt zu respektieren und geduldig zu warten, bis der Sturm vorbeizieht.“

Zwischenstopp Capverden. Willkommene Gelegenheit für eine Dusche

Bald musste sie sich zwischen der Segelschule und den Überführungstörns entscheiden.  Nadia entschied sich für die langen Törns, was aber negativen Einfluss hatte auf ihr Liebesleben.  „Heute Salvador, morgen die Seychellen, die Karibik am Neujahrstag. Meine Beziehungen waren immer zu Ende bei der Rückkehr von einer langen Reise“.

Capverden: Blick aus dem Schiff auf den Hafen

Ich frage Nadia, ob es nicht eine Art von sexistisch geprägtem Konkurrenzkampf zwischen den Skippern gibt. Ihre Antwort war ganz klar ja.  „Um den Job auf einer grossen Yacht bist du in direkter Konkurrenz mit den Männern“, sagt sie.  „Es bedeutet eine ziemliche Verantwortung, ein solches Schiff von Europa nach Brasilien zu bringen. Ziel muss auch sein, das Material zu schonen. Diese Yachten kosten oft  mehrere Millionen und müssen ihren künftigen Heimathafen unbeschädigt erreichen. Ich bin als Frau eher vorsichtig, habe nicht dieses Macho-Ding in mir drin. Meine Törns bereite ich gründlich vor und ich weiß, dass die Grenze zwischen Mut und Tollkühnheit oft sehr schmal ist. Viele Skipper sind auf See ums Leben gekommen, weil sie unvorsichtig und überheblich agierten.“

Capverden im schönsten Abendlicht

Andere Frauen, die ebenfalls als Skipper tätig sind, kennt sie nur zwei. „Eine meiner Vorteile sind die vielen Jahre, die ich Regatten gesegelt sind“, sagt Nadia. „Wettkampfsegeln bedeutet, dass Du das Boot bis an die physikalischen Grenzen ausreizt, wohl wissend, dass am Abend eine heiße Dusche und gutes Essen im örtlichen Yacht-Club auf dich warten. Mitten auf dem Atlantik sollte man immer noch Reserven vorhalten, nie am Limit segeln. Als Skipper auf einer der größten Segelyachten in Südamerika (110 Fuß)  konnte sie viel Erfahrung mit Mechanik sammeln: „In der Mitte des Ozeans muss du alles selbst reparieren können“. Aber sie überquert den Ozean nicht gerne alleine, gibt sie zu.

Fröhliche Besucher: Delfine begleiten den Katamaran

„Ich weiß,  dass ich dies könnte, aber das ist nicht der Punkt. Mein Ding ist es mehr, die schönsten Küsten der Welt kennenzulernen im netter Begleitung. Ob es der Eigner ist, der Freund oder gute Freunde. Es macht viel Spaß, eine gute Mannschaft zusammen zu stellen und mit ihr unterwegs zu sein“, sagt sie.

Bald am Ziel: Die Crew erreicht die brasilianische Küste

Auf langen Passagen wie über den Atlantik von Europa nach Brasilien  sei man meist 40 Tage unterwegs  und 24 Stunden täglich segeln. Da sei es wichtig, jemanden zu haben, mit dem man die Wachen teilen kann. Im April dieses Jahres musste sie einen nagelneuen Katamaran von Bordeaux nach Ilhabella bringen. Mit an Bord war dieses mal die TRIP-Fotografin Autumn Sonnichsen, von der die Fotos zu dieser Story stammen.  Ausserdem dabei: Catherine Jenlis, eine Freundin von Nadia aus Frankreich, die die Rolle der Köchin übernahm und ein junger Matrose. „Drei Frauen, ein Mann, das war eine ungewöhnliche Zusammenstellung“, lacht Nadia. „ Wichtig ist, dass bei einer solchen Reise jeder Verantwortung übernimmt für die anderen und das Ganze“. Man muss  auf engstem Raum miteinander auskommen und leben können.  Catherine sagt, dass Nadia einer der erfahrensten Kapitäninnen ist, mit der sie je gesegelt ist. „Wir sind eine Hochsee-Regatta und zwei Atlantik-Überquerungen gemeinsam gefahen. Sie besitzt eine enorme  navigatorische Fähigkeiten und weiß, wie man ein Team stärkt.”

Fernando de Noronha

Inzwischen gehört Nadia zu den bekanntesten Skippern in Brasilien. Sie betreut zwei Hochseeyachten, die ihren Heimathafen in Ilhabela haben und breitet für die Eigner die Törns vor. „Ich habe meinen Traumjob gefunden“, sagt sie. „Ich fühle mich frei und kann alles tun was ich will. Was ihr fehlt? „Eigentlich nur noch eine große Liebe, die mit mir die ganze Welt bereisen will.“

Blick von der Mastspitze auf den Rumpf

 

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