Die Vielfalt in der Surferwelt ist grösser als es uns die Stereotypen glauben lassen wollen. Einen wichtigen Beweis dafür liefert eine virtuelle Community von schwulen Surfern in 81 Ländern. Die meisten, die Teil dieser Gruppe sind, sagen, dass ein „Coming out“ im Internet einfacher ist als am Strand.

Ein Beispiel dafür ist Marcus Vinicius Gauveia aus Pirai, einem kleinen Dorf im Hinterland von Rio de Janeiro. Marcus wollte unbedingt Surfer werden. Als 16jähriger zog er um an die Küste, um eine Surfschule zu besuchen. Seither sind die Wellen und das Board sein Leben.

Die beiden Surfer Lucas Messeder und Marcus Viniscius aus Rio de Janeiro stehen offen zu ihrer homosexuellen Beziehung.

Eines Tages spürte er, dass er andere Jungs in seiner Schule anziehender fand als Mädchen und dachte sich, dies sei nur eine vorübergehende Phase. Bis zu dem Tag, als ihn ein Surfer mit einem verräterischen Blick angeschaut hat, ganz so, als würden sie ein gemeinsames Geheimnis in sich tragen. Der Surfer lud ihn zu sich nach Hause ein. Sie wollten sich gemeinsam ein paar Thriller auf DVD anschauen. In dieser Nacht hatte Marcus seinen ersten Kuss.

„Ich habe total gezittert dabei“, sagte er. Nach drei Monaten Versteckspiel, konnte sein damaliger Freund die Heimlichtuerei nicht mehr ertragen und wollte die Beziehung offenlegen. Obwohl Marcus sehr verliebt war, beendete er die Partnerschaft dennoch sofort. Er lernte andere Männer kennen und nach und nach verlor er die Scheu davor, gegenüber Freunden und Familie zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen: „Ich habe mehr Heteros als Schwule als Freunde, und alle behandeln mich respektvoll. Surfer sind locker und interessieren sich für den Menschen selbst und nicht für das, was er tut. Sie finden es nur aussergewöhnlich, dass ein Schwuler dasselbe macht wie sie, sagt der heutige 24jährige, der Biologie studiert. Als er seine erste schwule Liebe wieder getroffen hat, versuchte er ihn zum „Coming out“ zu bewegen,  allerdings ohne Erfolg.

Geschichten dieser Art hört man immer häufiger in der Surfwelt. Das zeigt zum Beispiel die Website gaysurfers.net. Gegründet wurde diese Community von dem Australier Thomas C. Green. Sie besteht aus mehr als dreitausend Nutzern in 81 Ländern. Auch Thomas bekannte sich jahrelang nicht zu seiner sexuellen Orientierung. Die Angst vor Ablehnung war zu gross. „Nach meinem Coming out merkte ich, dass die Sache gar nicht so gravierend war, weil Surfer viel reisen und viele Kulturen kennenlernen. Für sie ist Homosexualität nichts Weltfremdes.“

In den 60er Jahren entwickelte sich aus dem Surfen heraus eine bestimmte Weltanschauung, ein alternativer Lebensstil, der sich festen Regeln widersetzte. Est in den 90ern wurde dieser Sport von der Industrie vereinnahmt, woraus sich schnell ein bestimmter Stereotyp entwickelte: Blond, braune Haut,  Mädchenschwarm. Viele Modemarken wie beispielseise Hollister nutzen dieses Image. Dabei ist die Surfkultur viel mehr als das.

Board in Regenbogenfarben

Durch die Website gaysurfers.net wurde Thomas Green schnell klar, dass es viele Männer auf der Welt gibt, die Männer und Surfbretter mögen, obwohl viele davon ein coming out nur in der virtuellen Welt bevorzugen. TRIP nahm Kontakt auf zu rund 50 brasilianischen Usern. Nur drei waren mit einem Interview einverstanden und nur zwei erlaubten es, fotografiert zu werden.

Der australische Surfer Thomas Green. Er hat die Internet-Community Gaysurfers.net gegründet.

„Wenn ich nicht rede, tut es keiner, sagt Lucas Messeder aus Rio de Janeiro. Er ist achtzehn Jahre alt und studiert Geologie. Lucas kennt etliche Surfer, die  nicht zu ihrer Homosexualität stehen, und mit einigen davon hatte er eine Beziehung.

„Diese Jungs haben nicht nur Angst vor der Reaktion der Menschen, sondern fürchten vor allem, keinen Sponsor zu finden“, erklärt er. Mit zwölf hatte Lucas das Surfen begonnen und er spürte relativ schnell die erotische Anziehungskraft, die von den drahtigen muskulösen Körpern seiner Surfer-Kameraden ausging. Als ihn das klar wurde, versuchte er diese Gefühle zu verdrängen. Er gab sich alle Mühe, die erotische Komponente auszublenden und versuchte sich nur auf den Sport zu konzentrieren. Mit sechzehn schließlich hatte er sein „Coming out“.  Seine Freunde wollten ihm anfangs nicht abnehmen, dass er in der Lage sei, Sport, Kameradschaft und Sex voneinander zu trennen und gingen auf Distanz zu ihm. Dann aber siegte die Freundschaft und sie akzeptierten ihn und schützten ihn wie eine zweite Familie sogar vor fiesen Kommentaren.

 

Aus Sicht des Graphikdesigners Rodrigo (28) sei das Surfen stark fetischisiert und mit vielen Klischees versehen, weil dieser Sport durch die vermeintliche Romantik, Radikalität des Lebensstils und die vielen wohlgeformten Körper reizvolle Projektionsflächen biete. „Wir haben alle diese Fantasie, wie es wohl sei, mit einem begehrenswerten Menschen allein auf einer einsamen Insel zu sein“, sagt er: „Diese Vorstellung wird dadurch gekrönt, wenn diese Person ein Surfer ist.“ Rodrigo fing mit sechzehn an zu surfen. Mit zwanzig distanzierte er sich von seinen angestammten Surferfreunden. Grund war die Beziehung zu einem Jungen. „Ich fühlte mich nicht mehr wohl in der Gegenwart der anderen“, gibt er zu. Später bildeten sich zwar neue Freundschaften, aber es wurde nie wieder so innig wie früher, und er vermisste seine alte Kumpels.

Rodrigo glaubt, daß die Surferwelt im Prinzip viel offener und toleranter sei für Individualismus als andere Sportarten. „Surfer haben eine besondere Art zu leben, sind sehr naturnah. Das macht glücklich. Und wer seinen eigenen persönlichen Pfad dorthin gefunden hat, stört sich nicht am Glück des anderen.“  Trotzdem sagt Rodrigo dies nur hinter vorgehaltener Hand. Er hat keine Lust darauf, sich mit der klischeehaften Erwartungshaltung der Gesellschaft auseinander zu setzen. Sein zynischer Kommentar:  „Was es bedeutet, schwul und Surfer zu sein? Hoffentlich doch nicht, ein in Regebogenfarben gestyltes Surfbrett besitzen zu müssen?“

 

Der DJ Sergio Cardoso (51), steht zwar öffentlich zu seiner sexuellen Orientierung, will aber deswegen keinesfalls in eine bestimmte Schublade gesteckt werden. Seit seinem 14. Lebensjahr hatte er verschiedene Liebschaften mit Surfkumpels, die zeitgleich auch Frauenbeziehungen pflegten. Auch bei ihm ist seit 18 Jahren mal eine Frau, mal ein Mann an seine Seite. „Ich weiss genau, wie provozierend das wirken kann“, sagt er. „Der Typ mag Männer und ist nicht schwul?? Und bekommt nur die schönsten Frauen?? Die Menschen scheinen nicht darauf vorbereitet zu sein, dass ein Mann mit einem maskulinen Verhalten und einem maskulinen Sport gern auch mal mit einem Kerl ins Bett steigt.“ Aktuell hat sich Sergio auf das Windsurfen verlegt und ist mit dem Muay-Thai-Kämpfer Bruno Araujo  (24)  zusammen.

Folgt man den Gedanken von Sergio, sei die Definition von Sexualität vor allem dadurch geprägt, wie stark man es zulasse, daß das Umfeld die eigene Meinung beeinflusse. „Wir können uns tot stellen und so tun, als ob es keinen Ausweg gibt. Doch es gibt immer einen Weg. Die menschliche Existenz wird erst dadurch vollkommen, dass man die Fähigkeit entwickelt, auch untypische Entscheidungen zu verstehen, zu akzeptieren und zu begreifen, dass es keine fertigen Antworten gibt“. Und dann ergänzt er: „Ich habe erst durch das Surfen zu meiner wirklichen Identität gefunden. Es ist unglaublich wichtig, seine körperliche Grenzen kennen zu lernen. Erst dann ist man in der Lage, sich jederzeit auf extreme Situationen einzustellen.

Gegen die Norm

Am Strand nimmt die Intoleranz gegenüber Homosexuellen zwar immer mehr ab, aber im Profisport noch nicht. Bisher gibt es nur zwei bekannte Surfer, die zu ihrer Homosexualität offen stehen. Matt Branson und Peter Drouyn, die sich aber erst outeten, nachdem sie sich von den Wettkämpfen verabschiedet hatten. Der Australier Drouyn schockierte die Surfwelt vor drei Jahren, als er als Blondine „Westerly Windina“ erschien und bekannte, dass dies seine Vorbereitung auf die bevorstehende Geschlechtsumwandlung sei.

Fred D‘ Orey, ein bekannter Surfer und Mode-Unternehmer aus Rio de Janeiro, hat die Vita solcher Männer seit den 70er Jahren verfolgt. Für ihn wäre es sehr interessant zu sehen, daß ein schwuler Surfer die ASP Etappe gewinnt. „Was macht das schon für einen Unterschied? Gar keinen. Das wäre nur der Beweis, daß unsere Leute so weit sind, diese Unterschiede zu akzeptieren. Nichts ist für mich irritierender, als die Uniformierung. Alle ziehen sich gleich an, alle reden über die gleichen Themen, gehen wie Roboter an die gleichen Plätze. Wer das sucht, sollte lieber in die Armee eintreten und nicht surfen“, ätzt er.

Während der Mainstream die schwulen Surfer nicht auf dem Zettel hat, organisiert sich die Comnunity immer weiter. Im vergangenen Jahr gab es die erste Weltmeisterschaft schwuler Surfer in Australien, gefördert durch gaysurfers.net. „Die Resonanz war zwar nicht sonderlich gross, aber die zweite Meisterschaft verspricht richtig gut zu werden“, sagt Thomas Green. Der Wettkampf werde im Rahmen eines Schwulen-Festivals am Strand vom Coffs Harbour stattfinden. Green fände es wunderbar, wenn sich in diesem Rahmen endlich eine der grossen Marken als Sponsor eines schwulen Surfers outen würde. „Mein Ziel ist es, zu zeigen, daß Männer, die andere Männer und das Surfen mögen, nicht alleine sind. Ich will erreichen, dass sich diese Männer akzeptieren wie sie sind und ihr Selbstwertgefühl wieder herstellen“.  Seine Website bescherte Thomas Green zwar viel positive Rückmeldung. Doch noch ist es ein langer Weg, bis sich auch in der breiten Öffentlichkeit eine entsprechend tolerante Haltung durchsetzt.

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