Der unzufriedene Blick gehört zur Grundausstattung von Chefintoneurin Wiebke Wunstorf. Mit einem enervierenden Klopfen auf die Tasten hört die 53jährige Hamburgerin in ihrem schallisolierten Arbeitsraum kleinste Unregelmässigkeiten im Klangbild heraus, runzelt die Stirn, entnimmt mit ein paar Handgriffen die gesamte Spielmechanik, stichelt im Wollfilz der Hämmer herum, um deren Dichte so lange zu justieren, bis alles perfekt ausbalanciert ist. Auch wenn zuvor schon drei andere Intoneure Hand angelegt hatten, um dem Instrument den letzten Schliff zu geben – Wiebke Wunstorf hat das letzte Wort. Sie allein entscheidet, ob nach einem Jahr Produktionszeit ein neuer, aus insgesamt rund 12’000 Einzelteilen gefertigter Flügel die Backsteinfabrik in Bahrenfeld verlassen darf, um künftig irgendwo auf der Welt unterschiedlichsten musikalischen Entfesselungskünsten zu dienen.

Die Manufaktur von Steinway & Sons in Hamburg Bahrenfeld.
Die Manufaktur von Steinway & Sons in Hamburg Bahrenfeld.
Danksagungen von zahllosen Weltstars zieren die Wände der Empfangsräume.
Danksagungen von zahllosen Weltstars zieren die Wände der Empfangsräume.
Das Rim-Gehäuse besteht aus mehreren Holzschichten, die in einem aufwändigen Verfahren verleimt und dann in die notwendige Form gebogen werden.
Das Rim-Gehäuse besteht aus mehreren Holzschichten, die in einem aufwändigen Verfahren verleimt und dann in die notwendige Form gebogen werden.

Die Mühe lohnt. Ob Klassik, Jazz oder Pop: Mehr als 1’600 Virtuosen weltweit schwören auf die Handwerkskunst von Steinway & Sons, darunter Berühmtheiten wie Artur Rubinstein, Vladimir Horowitz, Sergej Rachmaninow, Lang Lang, Daniel Barenboim oder Keith Jarrett. „Der Steinway ist das einzige Piano, auf dem der Pianist all seine Wünsche und Träume wahr werden lassen kann“, sagt Vladimir Ashkenazy. Ein Steinway kann der Seele wehtun oder himmelhochjauchzende Freude bereiten, je nach dem, unter wessen Finger er gerät und welche Noten gerade aufgeblättert werden. Mal lyrisch weich mit zarten Flüstertönen, mal das reinste Hölllenfeuer mit bebenden Bässen – was auch immer ein Steinway von sich geben soll, er folgt präzise jeder klangmalerischen Phantasie.

Der Leim, der die Holzschichten des Rim verbindet, wird nach dem Austrocknen glashart.
Der Leim, der die Holzschichten des Rim verbindet, wird nach dem Austrocknen glashart.

Das wissen auch die Studierenden der ZhdK zu schätzen, die während ihrer Ausbildung in den Genuss der edlen Zauberkisten kommen. Von den insgesamt 238 Flügeln und Klavieren der Zürcher Kunsthochschule sind immerhin 62 aus dem Hause Steinway. Bei Stückpreisen von CHF 79’100 bis CHF188’300 je nach Grösse kommt da einiges an Wert zusammen. Für Michael Eidenbenz aus dem Büro des Departements Musik im Toni-Areal ist das gut angelegtes Geld: „Steinway-Flügel zeichnen sich aus durch beste Klangqualität, hohe handwerkliche Qualität, Nachhaltigkeit und eine lange Lebensdauer“. Letzteres sei besonders wichtig, denn gerade im robusten Lehrbetrieb müssen die Flügel eine Menge über sich ergehen lassen, sind sie der Sparringspartner unterschiedlicher Spieler und Temperamente.

In solchen Pressen werden die feuchten Holzschichten bis zum Austrocknen des Leims eingespannt.
In solchen Pressen werden die feuchten Holzschichten bis zum Austrocknen des Leims eingespannt.

Steinways meistern diese Prüfung mit Bravour. Auf der Bühne trifft man sich dann wieder: Für die Mehrheit der internationalen Konzertsäle, Opernhäuser und Theater sind Steinway-Instrumente mit ihrem besonderen Klang und Anschlag erste Wahl; rund 98% aller Klavierkonzerte mit Orchester werden mit einem Steinway-Flügel ausgerichtet.

Verschiedene edle Funiere stehen zur Auswahl, wenn der Käufer sich gegen den klassischen Look aus schwarzem Lack entscheidet.
Verschiedene edle Funiere stehen zur Auswahl, wenn der Käufer sich gegen den klassischen Look aus schwarzem Lack entscheidet.

Da nimmt es nicht Wunder, dass die Instrumente auch bei Hobbymusikern, die über das notwendige Klimpergeld verfügen, entsprechend Wertschätzung geniessen. Manch einer möchte sich beim Spielen besondere Glücksmomente schenken, oder sich vielleicht auch nur an der repräsentativen Schönheit der Instrumentenbaukunst erfreuen. Und die Instrumente erweisen sich darüber hinaus als vorzügliches Investment. Zwar werden nach wie vor neun von zehn Flügeln in Schwarz poliert gefertigt, aber die Verkäufer haben gern auch Verständnis für extravagante Sonderwünsche. Barocke Schnörkel, goldene Schnitzereien, Embleme, Bemalungen, Intarsien, alles ist für die beiden Steinway-Fabriken in New York und Hamburg möglich, so lange an der Konstruktion keine Veränderung vorgenommen wird.

Fertigung des Resonanzbodens.
Fertigung des Resonanzbodens.

Seit 1999 gibt es die sogenannte Crown Jewel Collection, bestehend aus den edelsten Holzfunieren aus aller Welt. Makassar Ebenholz, Ostindisch Palisander, Bubinga oder Amberbaum – Hölzer, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, stehen zur Auswahl. Als Ikone in der Firmenchronik gilt die 1883 von Lawrence Alma-Tameda bemalte Sonderanfertigung, die auf dem Deckel die neun Musen zeigt und 1997 1,2 Millionen US-Dollar erbrachte. Das Steinway-Klavier, auf dem John Lennon seinen berühmten Song „Imagine“ komponierte, wurde später für mehr als 2 Millionen US-Dollar an den Popstar George Michael verkauft. „Gerade bei Musikinstrumenten spielt der Prominenten-Zuschlag eine zentrale Rolle“, sagt der Mailänder Experte Max Bernardini, der mit kostbaren Uhren und anderen Sammlerstücken handelt. „Es kann sehr wichtig sein für den Preis, wem das Instrument mal gehört hat und wer es spielte“.

LowRimFunier
Rohbau eines funierten Flügelkörpers ohne Lack.

Doch auch ohne einen namhaften Vorbesitzer steigert ein Steinway beständig seinen Wert. So kann ein 50 Jahre alter Flügel heute über das 9-Fache seines ursprünglichen Kaufpreises erzielen. Das macht den Flügel zu einem kostbaren Besitz, der Jahr um Jahr Freude bereitet und mit Stolz an die nächste Generation weitergeben wird.

Für den Resonanzboden, dessen Qualität klangentscheidend sind, wird nur absolut makelloses Holz verwendet.
Für den Resonanzboden, dessen Qualität klangentscheidend sind, wird nur absolut makelloses Holz verwendet.
LowFilzschneiden
Zuschnitt des speziellen Flizes, auf dem später die Saiten liegen.
Ein Spezialist zieht die Saiten auf.
Ein Spezialist zieht die Saiten auf.
Mit Poliermaschinen wird der schwarze Klavierklack in mehreren Arbeitsschritten auf Hochglanz gebracht.
Mit Poliermaschinen wird der schwarze Klavierklack in mehreren Arbeitsschritten auf Hochglanz gebracht.

Die hohe Fertigungstiefe von Steinway, die keinerlei Kompromisse bei den Materialien, der eingesetzten Arbeitszeit oder handwerklichen Präzision bietet, ist beispiellos in der Klavierindustrie. Immer geht es um Klasse, nie um Masse. Von den Hölzern, die von Spezialisten überall auf der Welt eingekauft werden, schaffen es nur 30 Prozent durch die Qualitätskontrolle. Der Rest wird verfeuert oder geht als Rohstoff an behütete Werkstätten. „Baut das bestmögliche Klavier“, hatte Heinrich Engelhard Steinweg einst seine Arbeiter angewiesen. Diese Regel gilt bis heute. Der deutsche Auswanderer hatte Steinway 1853 in New York gegründet und mit seiner Familie das Unternehmen Schritt für Schritt zur Blüte geführt. Als sein Sohn William 1896 starb, liess der damalige Bürgermeister von New York die Flaggen auf Halbmast setzen. 1880 wurde die Fabrik in Hamburg eröffnet.

In der werkseigenen Giesserei werden die Gussplatten aus Grauguss hergestellt.
In der werkseigenen Giesserei werden die Gussplatten aus Grauguss hergestellt.

Heute gehört das Unternehmen dem Wallstreet-Star John Paulson, der im September 2013 512 Millionen US-Dollar für die Übernahme zahlte. Zur Überraschung der Mitarbeiter, die oft ihr ganzes Berufsleben in der Manufaktur verbringen, kam es zu keiner Zerschlagung. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass Paulson nicht nur Investor ist, sondern auch ein passionierter Hobby-Pianist. Drei Steinway-Flügel besass er schon vor der Übernahme, sagte er in einem Interview. Steinway sei kein kurzfristiges Spekulationsobjekt für ihn, sondern ein Investition fürs Leben. Manchmal kann auch ein Milliardenjongleur sentimental sein. Vor allem dann, wenn es um fühlbare Werte geht.

Ganz am Ende des Herstellungsprozesses wird der neue Flügel von hochspezialisierten Intoneuren eingestimmt.
Ganz am Ende des Herstellungsprozesses wird der neue Flügel von hochspezialisierten Intoneuren eingestimmt.

Wiebke Wunstorf macht sich darüber nicht allzu viele Gedanken. Sie freut sich, dass sie ihre Bestimmung gefunden hat. Sie war die erste Freu, die eine Lehre zur Klavierbauerin bei Steinway & Sons absolvierte. Sowohl ihr Vater, als auch ihr Bruder arbeiteten für das Unternehmen. Tradition verpflichtet. Erst recht, wenn man täglich etwas Kostbares schafft.

Der Gründer Henry- E. Steinway
Der Gründer Henry- E. Steinway

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