Die Diagnose ist ein Schock. Brustkrebs. Mit schätzungsweise 75.200 neuen Fällen pro Jahr ist es die mit Abstand häufigste Krebsart bei Frauen. Etwa jede achte erkrankt im Laufe ihres Lebens. Ein Viertel ist dabei jünger als 55 Jahre.* Die Therapie erfordert in den meisten Fällen einen chirurgischen Eingriff, der häufig nicht nur die Brust, sondern auch die Lymphknoten in den Achselhöhlen umfasst. Anschließend kann eine Strahlenbehandlung, Chemo- oder Hormontherapie nötig sein. Wurde der vorgezeichnete medizinische Heilungsweg erfolgreich beschritten, stehen die Frauen vor der Entscheidung, wie sie mit ihrem veränderten Körper umgehen wollen. Reha, Wiederaufbau oder Brustprothetik, seelische Stabilisierung. Der Prozess ist für jede Patientin und ihre Angehörigen ein individueller und meist emotional wie körperlich fordernder Kampf.

Eine Session kann bis zu mehrere Stunden dauern. Friday Jones mit einer Patientin
Eine Session kann bis zu mehreren Stunden dauern. Friday Jones mit einer Patientin

Silke Plehn, Jahrgang 1962, entscheidet sich für ein Tattoo. Über ihre Motivation sagt sie: „Nach der OP sah ein Teil meines Körpers nun anders aus als gewohnt. … Irgendetwas fehlte. Es war nicht so sehr das Stück Brust, sondern eher der Schlusspunkt der Krankheit. Das Abschließenkönnen mit dieser Phase meines Lebens, Frieden machen mit dem Krebs, wieder aktiv werden, das war mir wichtig.“ Ihre Motivwahl ist so mutig wie bedeutungsstark, sie lässt sich einen Krebs über die Narben stechen. Das Ergebnis begeistert: „Als ich nach drei Stunden unter der Tätowiernadel dann mein Brustkrebs-Tattoo im Spiegel sah, war das ein unglaubliches Gefühl. Ich fühlte mich wieder ganz!“ Um diese Erfahrung zu teilen und anderen ehemaligen Brustkrebspatientinnen Ähnliches zu ermöglichen, gründet die Schleswig-Holsteinerin ein Netzwerk. Auf ihrer Facebook-Seite und der Homepage www.brustkrebstattoos.de erzählt sie ihre Geschichte, informiert und bringt Interessierte mit kompetenten Tätowierern in Kontakt.

Brustwarzen-Rekonstruktion
Brustwarzen-Rekonstruktion

Orientierung für das Projekt bot die Non-profit-Organisation „Personal Ink“ aus den USA. Seit der Gründung im Dezember 2012 hat es sich „P.ink“ zur Aufgabe gemacht, Brustkrebsüberlebenden mit Designvorlagen, finanzieller Unterstützung und der Vermittlung des richtigen Tattoo Artist eine „besondere Art der Heilung“ anzubieten. Der Gründer Noel Franus wurde dabei durch die Krankheit seiner Schwägerin Molly inspiriert. Sie verlor beide Brüste. Auf der Suche nach postoperativen Alternativen sei die Familie jedoch recht orientierungslos und auf sich allein gestellt gewesen. „Das Gesundheitswesen und Tattoos sind zwei Welten, die nur selten kollidieren. Den meisten Patientinnen wird vermittelt, sie haben nach einer Mastektomie genau zwei Optionen: plastische Rekonstruktion oder keine“, fasst der P.ink-Gründer die Situation zusammen. Gemeinsam mit einem Team aus Freiwilligen will er das ändern und Überlebenden eine dritte Option bieten. Einmal im Jahr, am sogenannten P.ink Day, stellen sich zahlreiche Künstler sogar unentgeltlich in den Dienst der Sache.

Oft werden florale Motive gewünscht
Hier überdeckt dieTätowierung die Narbe. Oft werden florale Motive gewünscht

Darunter auch Friday Jones. Die New Yorkerin, eigentlich bekannt als Tätowiererin der Stars und Sternchen Hollywoods, fand ihr Interesse an der Umsetzung postoperativer Tattoos, als Sie Stacey Watson-Glenn vorgestellt wurde. Die Kalifornierin – Leitende Angestellte, Ehefrau und Mutter von zwei Töchtern – verlor beide Brüste durch eine Krebserkrankung und wünschte sich nach der wiederherstellenden OP ein Tattoo auf ihren „Barbie Boobs“, wie sie die unnatürlich runden Hügel nun scherzhaft nannte. Lady Friday entwarf der blonden Powerfrau einen mit Perlen und Federn besetzten Muschel-BH: „Sie wollte nichts, das an Nippel erinnert. Die Kunden, die sich illustrative Motive wünschen, wollen oft von einem illusorischen Bezug zu ihren früheren Brustwarzen Abstand halten. Sie haben das Gefühl, sich selbst neu erschaffen zu haben, und sehen auch ihre ‚Brüste’ als etwas völlig Neuartiges. Diese im eigenen Stil zu gestalten, gehört grundlegend zum emotionalen Heilungsprozess.“

Diese Patientin wünschte sich eine Tätowierung im Stil eines Büstenhalters. Sie wollte nichts, was an einen Nippel erinnert.
Diese Patientin wünschte sich eine Tätowierung im Stil eines Büstenhalters. Sie wollte nichts, was an einen Nippel erinnert.

Auch Shane Wallin ist seit zwei Jahren einer der P.ink Day Artists. Er war von der Arbeit mit den ehemals schwerkranken Frauen sogar so begeistert, dass er gleich ein eigenes Studio für sie eröffnete. Bei „Mastectomy Ink“ in Südkalifornien bietet er die Möglichkeit, durch dekorativer Motive oder das Stechen täuschend echt aussehender 3D-Mamillen-Tattoos den versehrten Körper, das verletzte Selbstbewusstsein zu stärken. Über seine neue Berufung sagt der Amerikaner, dass ich nichts so glücklich mache, wie der Ausdruck auf dem Gesicht einer Patientin, die sich, nachdem er ihre Narben verdeckt hat, endlich wieder wohlfühlt in ihrer Haut.

Andy Engel gehört zu den gefragten Experten im Fall Brustkrebs-Tätowierungen.
Andy Engel gehört zu den gefragten Experten im Fall Brustkrebs-Tätowierungen.

In Deutschland finden interessierte Frauen unter anderem Hilfe bei Andy Engel. Er ist bekannt als einer der weltbesten Tätowierer für Porträts und Trompe-l’œil-Motive und hat vor über 20 Jahren sein erstes Studio eröffnet. 2008 begann er, sich mit dem Thema Brustwarzen-Rekonstruktion auseinanderzusetzen. Auch hier war es die Begegnung mit einer Patientin, die den gebürtigen Bayer zu seiner neuen Aufgabe brachte. Seither arbeitet er kooperativ mit Kliniken und Universitäten zusammen, gibt Seminare und entwarf ein Farbset für fotorealistische Tattoos, speziell auch für Brustwarzen-Rekonstruktionen. Die Nachfrage ist enorm. Der frischgebackene Vater sticht die Mamillen-Tattoos daher oft in seiner Freizeit. Dabei sieht er sich teilweise mit Patientinnen konfrontiert, die nach der OP beratungstechnisch allein gelassen wurden oder bei der kosmetischen Behandlung in Krankenhäusern oder Schönheitssalons ein „katastrophales Ergebnis“ erdulden mussten. „Das ist das Letzte, was eine Frau nach so einer Krankheit gebrauchen kann“ entrüstet sich der Tätowierer mit dem sympathischen Dialekt und klärt auf. Je nach Krankheitsverlauf und Verfahren des Brustwiederaufbaus entstünden unterschiedliche Voraussetzungen für den Tätowiervorgang. Narbengewebe sei besonders heikel, da es beispielsweise die Farbe nicht so gut annehme. Wurde eine Brustwarze mit Haut vom Augenlied oder aus der Scham chirurgisch nachkonstruiert, könne es zu starken Blutungen kommen. In jedem Fall müsse die Wunde abgeheilt sein. Ein Jahr sollten Brustkrebspatientinnen nach der OP bis zu einem Termin warten. Der Tätowierer führt dann ein Vorsorgegespräch, klärt den Narbenverlauf. Macht einen Kostenvoranschlag. 99 Prozent zahlt meistens die Krankenkasse. Nach acht bis zehn Wochen ist Nachkontrolle. Andy Engel möchte den Frauen Berührungsängste nehmen: „Mir ist im Laufe der Jahre klar geworden, wie viel das den Frauen bedeutet.“ Die Schicksalen berühren ihn: „Ich habe einen Frau aus der Schweiz kennengelernt, die sich sieben, acht Jahre nicht mehr vor anderen ausgezogen hat – und die überglücklich war, als sie endlich wieder eine Brustwarze hatte.“ Kein buntes Statement, kein farbefrohes Zeugnis des eigenen Überlebens, sondern schlicht der Wunsch nach Normalität. Die Therapeutische Wirkung von Tattoos kennt er schon von seiner Arbeit im Motivbereich. Etwa 70 Prozent der gestochenen Porträts zeigen verstorbene Familienmitglieder oder ein geliebtes Haustier. Es sei ihm ein persönliches Anliegen, den Menschen helfen zu können. Das Thema Krebs ist Engel aus der eigenen Familie bekannt und so kann er nachempfinden, wie es ist, „wenn man jahrelang durch die Hölle gegangen ist.“

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