Kann Freundlichkeit Prinzip sein? Für den Künstler Alexander Palacios immer. Er pflegt nicht die Attitüde des Unnahbaren, sondern betrachtet die Dinge pragmatisch. „Weißt Du was? Bevor das jetzt zu kompliziert wird, hol ich Dich vom Flughafen ab und dann machen wir die Stadt unsicher“, schlägt der 34-Jährige mit warmer, immer noch leicht hessisch gefärbter Stimme am Telefon vor. So was passiert eher selten. Pünktlich auf die Minute rollt er per SUV am Ausgang Basel Mulhouse vor. Er trägt Lederjacke, Mütze, schweren Silberschmuck, Dreitagebart und grinst über beide Ohren. „Herzlich willkommen!“

Alexander Palacios zählt zu jenen Menschen, die künstliche Barrieren hassen und schnell sind, wenn es darum geht, Brücken zu bauen.

Kaum sitze ich im Wagen, plaudern wir drauf los, reden, obwohl wir uns kaum kennen, über Gott und die Welt, diskutieren den von Eitelkeit und Eifersucht durchzogenen Kunstmarkt, sowie die strengen Schweizer Verkehrsregeln. Das Hauptthema, seine Fotografie, sparen wir uns noch ein bisschen auf.

Alexander Palacios fährt schwungvoll in eine Parklücke. Die Sonne scheint. Von dem Gewitter, daß sich wenig später über die Rheinstadt entladen wird, ist noch nichts zu ahnen. Unser Spaziergang führt zunächst zum Neubau des Kunstmuseums. Der bunkerartige, graue Kubus mit seinen hohen Fensterläden aus verzinktem Stahl ist ein Kontrastprogramm zur putzigen, blumengeschmückten Fachwerkhaus-Idylle einer Stadt, die mit der Art Basel zum weltweit wichtigsten Marktplätze für zeitgenössische Kunst avanciert ist. Ich will ein paar Fotos machen. Locker stellt sich Alexander in der Halle auf. Er weiß, wie man gut wirkt vor der Kamera. Lange genug hat er als Runway- und Modefotograf seinen Blick geschärft für den besonderen Moment und die Schönheit. Eine Zeitlang war er auch als Personal-Trainer tätig. Ein gutes Körpergefühl und Haltung sind für ihn selbstverständlich, aber er ist befreit von Selbstverliebtheit. „Komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen“, sagt er.

"Where-is-the-pope" by Alexander Palacios Photography
„Where-is-the-pope“ by Alexander Palacios Photography

Auf dem Laptop zeigt Alexander ein paar seiner wichtigsten Bilder, etwa aus dem Zyklus Two Faces. Vexierbildhaft mischen sich hier im gleichen Foto das Profil und die scheinbar halbierte Frontalansicht des portraitierten Gesichtes. Die Wirkung ist verblüffend, und doch plakativ. Sie ist hintersinnig, und gleichzeitig eine detailgetriebene Darstellung menschlicher Schönheit. Palacios schafft mit dieser Darstellung besonderer Gesichter eine Ästhetik und Dichte, die keiner Erklärung bedarf. Man sieht einen Menschen gewissermaßen aus verschiedenen Perspektiven, die im unkalkulierbaren Rhythmus der eigenen Wahrnehmung hin und her zu springen scheinen. Dadurch gewinnt das Gesicht Aufmerksamkeit, aber es kann dem Betrachter nie gelingen, den Menschen ganzheitlich zu erfassen, weil immer ein Teil fehlt.

Alexander Palacios in Venedig
Alexander Palacios in Venedig

„In dem Gestaltungsprozess ist viel digitale Feinarbeit dabei“, erklärt Alexander. Wie ein Puzzle ist das finale Bild aus verschiedenen Aufnahmen zusammengefügt. „Aber das ist an dieser Stelle Mittel zum Zweck“, sagt er. „Anders würde es nicht funktionieren“. Der Betrachter erhält verschiedene Impulse, filtert, was überflüssig erscheint, oder ergänzt gedanklich, was fehlt. Diese „photographische“ Schleife ist es, die das Bild auf eine neue, höhere Bedeutungsebene bringt und den Betrachter zum aktiven Gestalter macht. Alexander Palacios hinterfragt damit in seinen Werken das Verhältnis zwischen Fotographie, Phantasie und Wirklichkeit. Um den Unterschied zur verdeutlichen, klickt er am Computer noch auf ein unverändertes Foto der „realen“ Person – ein klares und unzweideutiges Gesicht, vertraut, aber auch banal.

"Two face" by Alexander Palacios.
„Two face“ by Alexander Palacios.

So handeln Alexander Palacios Fotografien vom Spiel mit schillernden Phänomen des Surrealen, aber es gibt auch eindeutige Landschafts- und Architekturaufnahmen, die einen ganz bewussten und gekonnten Umgang zeigen mit dem weiten Raum des Lebens. Das können hyperästhetische Landschaftsaufnahmen sein, aber auch kühle Projektionen weiblicher Brüste, ein sehniges schwarzes Pferd mit seiner Reiterin oder ein von der untergehenden Sonne beschienenes Kornfeld mit Hochspannungsmasten in der hessischen Heimat. „Ich bin viel unterwegs, ständig auf der Suche nach Motiven“, sagt Alexander. Die Leica fehlt nie im Gepäck. Er ist gleichermaßen Jäger und Sammler, lädt seinen visuellen Speicher auf wo immer es geht. Zuletzt war er am Lago d’Iseo – dem viertgrößten der oberitalienischen Seen um sich das neueste Kunstprojekt von Christo anzusehen. Dort hatte der Altmeister die größte Insel des Sees durch schwimmende Brücken – den „Floating Piers“ mit dem Festland verbunden. Dadurch war ein etwa 3 Kilometer langer Spazierweg „auf dem Wasser“ entstanden.

Christo-Installation in Norditalien.

„Für mich sind Christo’s Installationen wortwörtlich Brücken zwischen Menschen und Kulturen“, sagt Alexander Palacios. „Orte der Begegnung und der Inspiration“. Sie seien vergänglich wie das Leben, aber böten die Möglichkeit, ein Teil dieser Geschichte zu werden. „Manche mögen sagen, warum gibt man 15 Millionen aus und baut es nach zwei Wochen wieder ab oder hinterfragen die Motivation solcher Projekte in unserem kapitalistischen Zeitalter. Das Tolle an Christo’s Floating Piers war, dass jeder die Möglichkeit hatte dort hinzureisen und es sich anschauen durfte – und das sogar kostenlos“, schwärmt er. „Für mich fühlte sich das an, als würde man auf dem Bauch eines lachenden Walfisches laufen“.

Draußen vor dem Café donnert es gewaltig, sozusagen die Ouvertüre eines gewaltigen Wolkenbruchs. Der Fortsetzung unseres Spaziergangs muss warten. Während es aus Eimern schüttet, bestellen wir Wasser und wenden uns erneut dem Laptop zu.

pink up your life by alexander palacios fine art photographer
pink up your life by alexander palacios fine art photographer
pink up your life by alexander palacios fine art photographer
pink up your life by alexander palacios fine art photographer
"Pink up your life" by Alexander Palacios.
„Pink up your life“ by Alexander Palacios.

Auf dem Bildschirm zu sehen ist das Foto eines schwarzen Hengstes, der im Vordergrund auf einem Strand zu stehen scheint, während im Hintergrund sich aus einem Wolkenkranz ein Schweizer Bergpanorama erhebt. Diese Arbeit ist wiederum typisch für Alexanders Stil. Obwohl im Grundsatz Fotografie, wird die Gesamtkomposition aus verschiedenen Fotos zusammengesetzt, Teilmotive ineinander geblendet zu einem großen Ganzen. Das gilt auch für sein Zyklus „Pink up your life“ mit Bildern, welche die Farbe Rosa als bestimmendes Leitmotiv nutzen. Da sitzt dann ein bärtiger, entfernt an Jesus erinnernder nackter Mann auf einem pinkfarbenen Kreuz, oder man sieht auf seinem Bild „Velvet Skull“ die Morphologie eines pink und schwarz gefärbten Totenschädels mit einem Frauenarm, der aus einer goldenen Pistole einen Schuss abfeuert. „Man ist selbst sein härtester Gegner“, lautet Alexander Palacios Kommentar dazu auf einem Facebook-Eintrag. Dieser phantastische Realismus und sein gekonnter Umgang mit Formen, Farben und Symbolen prägen seinen Stil, münden in die Auseinandersetzung mit unterbewussten Ängsten, sezieren auf der gleichen Bildfläche die gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit.

Selbstportrait des Künstlers 2014 in Basel.
Selbstportrait des Künstlers 2014 in Basel.

Endlich schieben sich durch das Fenster wieder ein paar Sonnenstrahlen. Alexander klappt den Laptop zu, schiebt das Gerät in die Umhängetasche und legt einen Schein auf den Tisch. „Komm, weiter, wir gehen. Wer weiß, wie lange es trocken bleibt.“ Wir laufen durch die Altstadt über den Barfüsserplatz weiter zum Basler Münster. An einem Aussichtspunkt kann man über den breiten Strom hinübersehen zur Mittleren Rheinbrücke, die mit Zunftfahnen geschmückt ist. Lächelnd kommt uns eine Touristin mit Rucksack entgegen. Sie hält eine Kamera in der Hand und fragt, ob wir ein Foto von ihr schießen könnten. Mit einer Kopfbewegung deute ich zu Alexander Palacios. Er lächelt, nimmt ihre Kamera, fokussiert und läßt ein paar mal den Auslöser klicken. Wir schmunzeln und verabschieden uns. Vermutlich wird die Frau nie herausfinden, daß in diesem Moment auf ihrem Chip Originalportraits eines Alexander Palacios entstanden sind.

Alexander als kleiner Junge in Gelnhausen/Hessen.
Alexander als kleiner Junge in Gelnhausen/Hessen.

Diese Kontaktfreudigkeit und Selbstverständlichkeit zeichnet ihn aus, den Jungen aus der hessischen Provinz, der jetzt in der Schweiz unbeirrbar seine künstlerische Karriere vorantreibt. Die Kindheit hat er in Gelnhausen bei Frankfurt verbracht, als Sohn eines peruanischen Vaters und einer deutschen Mutter, die ihn größtenteils allein erzog und er deshalb auch viel bei seinen Großeltern war. „Mein Opa war sehr streng“, sagt er und erzählt lachend, wie der Großvater ihm beigebracht hat, auf welche Weise man am besten ein Auto wäscht. „Immer von oben“, erinnert sich der Künstler, „damit das Waschwasser schön nach unten abläuft“.

Immer auf Motivsuche: Der Künstler bei der Arbeit.
Immer auf Motivsuche: Der Künstler bei der Arbeit.

Kleinbürgerliche Tugenden und Regeln hat er in jungen Jahren zur Genüge kennengelernt und wahrscheinlich deshalb wollte er früh hinaus in die große weite Welt. Aber gleichzeitig vermisst er die familiäre Wärme, die er bei seiner Mutter und den Großeltern empfunden hat. „Es gibt keinen Kuchen mehr, keine Plätzchen, die leckere Marmelade“, sagt er. Mit Liebe denkt daran, wie ihm seine Mutter am Abend immer Geschichten vorgelesen hat und die ganze Zeit bei ihm am Krankenhausbett wachte, als er mit vier Jahren eine Hirnhautentzündung bekommen hatte. Bis heute ist sein Wertegerüst sehr bodenständig. Loyalität, Zusammenhalt und Bescheidenheit sind ihm ausgesprochen wichtig, verbunden mit dem Wunsch nach innerer Unabhängigkeit und Zufriedenheit. Bei jeder seiner Sätze und Bewegungen zeigt sich die tief verwurzelte innere Ruhe eines Menschen, der zwar ehrgeizig ist, aber niemals seine Haut für die falschen Ziele verraten würde.

Prägend war für ihn die Zeit als Zivildienstleistender, während der er alte Menschen in einer Reha-Einrichtung betreute. „Da spürt man, worauf es wirklich ankommt“, bilanziert er. „Grundwerte wie Liebe und Fürsorge sind in solchen Augenblicken wichtiger als das Streben nach vergänglichen Dingen wie Geld und Macht“. Die nach immer neuen Reizen strebende Befriedigung durch Konsum könne es doch nicht sein was wirklich glücklich macht. Lieber schaut sich Alexander Palacios die Aufnahmen des Weltraumteleskops Hubble an. Das extraterrestrische Fernrohr mit seinem Blick in die Tiefen des Weltalls zeige für ihn auf markante Weise die Vergänglichkeit und die Metamorphose allen Seins. Da entstünden in wirbelnden Gasschwaden neue Sterne, aber auch Aufnahmen sterbender Sterne seien zu sehen. „Dinge kommen, Dinge gehen“, sagt er. Runtergebrochen auf den weltlichen Alltag heißt das für ihn, auch mit bedrohlichen Krankheiten wie Krebs selbstverständlich umzugehen, gerade wenn man das im Familienkreis erleben musste. Dann braucht es Zufluchtsorte, Momente, die einem helfen, sich seiner selbst zu vergewissern und sich dem nicht zu entwinden, indem man die Rückschläge der vermeintlichen Ungerechtigkeit des Schicksals zuschiebt.

Die Arbeit "Where-is-the-pope"
Die Arbeit „Where-is-the-pope“

„Ich habe immer Verantwortung für mich selbst und andere übernommen“, sagt er. Zur Fotografie ist er gekommen indem er im Frankfurter Nachtleben im Auftrag einer befreundeten Partyveranstalterin für fünfzig Euro pro Nacht Gästebilder geschossen hat. „Das war in der Zeit, als es noch keine Selfies gab“, lacht er. „Alle waren ganz heiß darauf, auf diesen Partyseiten im Netz zu schauen ob man Bilder von sich fand und wer sonst noch so da war“. Rasch wollte er mehr wissen und seine Fähigkeiten mit der Kamera verbessern. Alexander besuchte Foto-Kurse, lernte von Youtube-Videos und eignete sich immer mehr Kenntnisse in der digitalen Bildbearbeitung an. Der Weg in die Profifotografie begann in den Jahren zwischen 2006 und 2009. Damals verdiente er sein Geld zum einen als Personaltrainer, zum anderen übernahm er Jobs als Event- und Fashionfotograf. Ein Meilenstein war der Sieg beim Hasselblad Junior Contest im Jahr 2010. Das Gewinnerportrait mit dem Titel „Black Magic Woman“ entstand im Rahmen der Berlin Fashion Week und zeigt das afrikanische Topmodel Ajak Deng. „Der Ausdruck des Mädchens hatte mich fasziniert, und es herrschten ideale Lichtverhältnisse. Alles ging eigentlich sehr schnell und erst im Nachhinein habe ich festgestellt, wie unglaublich porenscharf das Bild ist und wie perfekt der Gesichtsausdruck des Models wirkt“, sagt er. Mittlerweile hat er auch andere Berühmtheiten wie Karolína Kurková, Edoardo Deng, Edoardo, Molinari, Ralf Möller und Adrien Brody fotografiert. Magazine wie Vogue, Elle, oder die Schweizer Illustrierte veröffentlichten seine Aufnahmen. Auch Werbekampagnen und andere Auftragsarbeiten gehören zu seinem Job.

Die Arbeit "Two Face III"

Besonders am Herzen liegt ihm aber die Kunst. Zunehmend häufiger sind seine Werke in Sammel- und Einzelausstellungen namhafter Galerien zu sehen. Aber wie es sich für einen modernen internet-affinen Künstler gehört, nimmt er seine Vermarktung auch selbst in die Hand. Palacios sorgt nicht nur für eine regelmäßige Präsenz in Sozialen Medien, sondern verkauft bestimmte Werke auch über seinen eigenen Webshop. Dazu gehört die Schwarzweiß-Komposition „Wild flower“, die in ebenso zärtlicher wie dramatischer Schönheit Blüten und ein Frauenportrait ineinander fließen lässt. Ganz anders die Arbeit „71 und Eins“ die in neun Spalten und acht Reihen einen einzelnen bedrohlich verfremdeten Männerschädel repetiert. Das Weiche und das Harte – das Helle und Düstere – der Kontrast von Empfindungen ist ein wesentliches Erkennungsmerkmal des inzwischen von Basel nach Zürich umgezogenen Künstlers. Immer in Bewegung bleiben und damit die Perspektiven zu wechseln lautet sein Credo. Das gilt auch für sein großes Hobby – das Motorradfahren.

www.alexander-palacios.com

 

 

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