Drei Surfer machen sich auf den Weg zum Amazonas, um die gefährlichsten Wellen der Welt zu erobern: die Pororocas.

Als Marcos Menezes spät abends um 23.30 Uhr diesen merkwürdigen Anruf ohne einen zivilisiert klingenden Laut erhält, ist ihm dennoch sofort klar, was geschehen sein muss. Auf der anderen Seite der Leitung hört er nur ein lautes AUERAAA! Die Stimme gehört seinem guten Kumpel Sergio Laus. Grund seines Anrufs kann nur mit den Pororocas zu tun haben. Denn mit „Auera!“ begrüßen sich diejenigen, die die berühmte Welle geritten haben. Der gigantische Wasserkamm bildet sich, wenn sich die Flut des Meers ins Flussdelta bricht.

Marcos selbst stand bereits auf dieser gefährlichsten aller Wellen. Einmal im brasilianischen Amapá, ein anderes Mal in China. Immer mit einem Produktionsplan, entsprechendem Sponsoring und auf Einladung der lokalen Regierung. Dieses Mal jedoch sollte die Aktion etwas Revoluzzerhaftes haben.

Sergio Laus ist der Mann, der alles über die Pororocas im Amazonas weiß. Er unternahm viele Expeditionen dorthin. Er überrascht Marcos an jenem Abend mit einem unwiderstehlichen, wenn auch schwierigen Plan: Er will innerhalb von fünf Tagen und ganz ohne Vorbereitung Richtung Amazonas reisen. Ohne ein Support-Team, ohne Helikopter, ohne Jet-Skis und vor allem ohne besondere Erlaubnis der Regierung. Er will den Dschungel auf eigenes Risiko betreten und während des nächsten Vollmonds auf den Pororocas des Rio Araguari, einem Strom im Amazonasdelta, surfen.

Laus muss nicht lange auf eine Zusage warten. Marcos holt noch seinen alten Surfkollegen Mickey Bernardoni mit ins Boot. Seit Jahren sind die beiden auf der Suche nach den außergewöhnlichsten Wellen der Welt, dokumentieren ihre Trips auf Film. Komischerweise hatten sie Brasilien – nach den Malediven, Costa Rica, Indonesien und Mexiko – bisher nicht auf dem Zettel gehabt. Aber diese spontane Aktion nun scheint zu gut, um sie sein zu lassen. Laus, Marcos und Bernardoni kaufen auf der Stelle Flugtickets und fliegen vier Tage später mit ihren Surfbrettern und Sondergepäck nach Macapá.

Das Timing ist gut. Der Mond nähert sich seiner vollen Pracht. Pororoca-Wellen kommen nur durch Vollmond zustande. Die Mechanik ist denkbar einfach: Bei Flut gewinnt das Meer genug Kraft und Volumen, um erfolgreich gegen den Strom des Flusses antreten zu können. Ist der Druck der Flut stärker als der des Flusses, bildet sich eine riesige Welle aus, die ins Festland hineintreibt. Es sind die längsten und breitesten Wellen der Welt, Rohdiamanten für jeden Surfer, der mutig genug ist. Bis zu 20 Minuten kann man sich auf ihnen halten.

Klingt gut, aber in Wirklichkeit ist der Prozess etwas komplizierter. Das Wasser ist so mächtig, dass die Pororocas zerstörerische Kräfte in sich tragen. Sie nehmen alles mit, Bäume, Boote, Tiere, alles, was sie vor sich haben. Alles, was ein Surfer, vor allem einer ohne Support-Team, vermeiden muss, ist, nicht vom Fluss ans Ufer geschmissen zu werden. Leicht wird dann der schlammige Unrat aus entwurzelten Baumstümpfen, Dornen und Steinen zum Grab.

Nichts dergleichen passiert Marcos, Laus und Bernardoni. Der Tanz auf den braunen Wassermassen wird zum größten Erlebnis ihres Surferlebens. Im Laufe der zwölf Tage bis Vollmond werden die Pororocas immer mächtiger, danach geht es abwärts. Die Wellen verlieren ihre Kräfte. Und den Dreien gehen langsam die Lebensmittel aus, während das Benzin gerade so für den Rückweg reichen wird. Zum großen Finale erfüllen sie noch ihrem Fahrer einen großen Traum. Auch er darf mal – und bleibt prompt ganze zehn Minuten auf dem Brett.

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