“Das Kunstwerk bin ich”

Als Künstlerin lebt Mia Florentine Weiss ihre Kreativität auf vielen Feldern aus. Mit Herzblut und raffinierter inszenatorischer Kraft konzipiert sie Installationen, die zuletzt in Basel, auf der Documenta 13 und in Berlin bei der Galerie Morgen Contempopary für Furore sorgten.

Aufmacher
Wir reffen uns in der Soho House Club Bar in Berlin-Mitte. Um reinzukommen, muss man entweder auf der Gästeliste stehen oder Mitglied sein. Der Fahrstuhl bringt mich in den siebten Stock. Moderne Sitzinseln, Kronleuchter und ein offener Kamin sorgen für eine loungige Atmosphäre. Durch die Fenster sieht man über die Hausdächer hinweg die Silberkugel des Fernsehturms.

Peace Never Sleeps 2 2012 Ed. of 6 C-Print mit Aluminium-Rahmen 50 x 72 cm

Obwohl die Bar gut besucht ist, entdecke ich Mia Florentine Weiss sofort. Mit ihrem langen hellblonden Haar, dem zarten Gesicht und den leuchtend grünen Augen wirkt sie auf den ersten Blick wie ein Engel. Doch sie schwebt nicht, sondern kommt mir mit festen, selbstbewussten Schritten entgegen. Sie strahlt Energie und Lebenslust aus, gleichzeitig aber auch etwas Zerbrechlich-Ätherisches. Unser Tisch liegt ein wenig abseits, halb hinter einer Säule versteckt. Trotzdem kann man von hier aus die ganze Bar überblicken und wird selbst auch nicht übersehen. Die Mischung aus Zurückgezogenheit und Präsenz, die schon in ihrer Platzwahl deutlich wird, ist typisch für Mia Florentine Weiss.

„Poetry On Skin 3“

„Ich bin sowohl introvertiert als auch extrovertiert“, sagt die 33-Jährige lachend. „Ich wollte immer schon raus in die Welt.“ Nach dem Abitur macht sie deswegen eine Weltreise, die ihre Sehnsucht nach neuen aufregenden Erfahrungen jedoch nicht stillt, sondern weiter befeuert. Trotzdem kehrt sie nach einem Jahr erst einmal wieder zurück, um in Hamburg Modejournalismus und Kommunikationswissenschaft zu studieren. In der Fußgängerzone wird sie vom Scout einer Modelagentur angesprochen. Als ihr Vater davon hört, reagiert er verblüfft: „Was, ein Model? Unsere Mia? So hübsch ist sie doch gar nicht!“ Aber ihr ist sofort klar: „Das ist mein Ticket zurück in die Welt.“ Bald jettet sie neben dem Studium über alle Kontinente und modelt in sämtlichen Metropolen von Singapur bis New York. Für Mia Florentine Weiss ist das jedoch kein Traumberuf, sondern eher ein Mittel zum Zweck. Die Studentin hat andere Pläne im Kopf. Die Gagen als Darstellerin für die Raffaello-Werbung helfen ihr, mit Vehemenz ihre Visionen als Performance-Künsterin voranzutreiben. „Ich verstehe mich als eine Kriegerin, die ihrem Körper als Schild nutzt und ihr Wort als Schwert. Ich habe immer alles anders gemacht.“ Ihre Vision wurde ihre Mission: Als Künstlerin ein zeitgeschichtliches Zeugnis des 21. Jahrhunderts zu erschaffen. Mit einem unfehlbaren Instinkt für das Aussergewöhnliche zeigt sie, dass sie das Zeug dazu hat.

Mia „landet“ mit beleuchteten Engelsflügeln auf dem berühmten Hollywood-Schriftzug: Die „Art-Angel Performance“ will auf eine Welt jenseits des Glamours hinweisen.

Ihr ist klar, dass ihre äußerliche Erscheinung und ihre Arbeiten auf manche Leute erst einmal wie ein Widerspruch wirkt: „In Deutschland ist es es für einen Metzger leichter, sich als Künstler einen Namen zu machen, als für jemanden, der mal als Model gejobbt hat.“ Obwohl Mia sich um einen lockeren Ton bemüht, merkt man, wie sehr sie die Voreingenommenheit ärgert, die ihr manchmal entgegenschlägt. „Kunst zu machen, ist für mich lebenswichtig.“ Das führt sie auch auf die dramatischen Umstände ihrer Geburt zurück.

 

„Bang Bang And Goodbye“, C-Print mit dem Blut der Künstlerin.

Als sie 1980 in Würzburg zu Welt kommt, ringt das kleine Mädchen im Brutkasten mit dem Tod, bevor ihr eine Operation das Leben rettet.

Mia hat sich einen Tee bestellt. Nachdem sie eine Weile lang lebhaft erzählt und gestikuliert hat, rührt sie nun nachdenklich in ihrer Tasse. „Eigentlich bin ich schon als Baby gestorben“, sagt sie. Die Todeserfahrung verbunden mit der Sehnsucht nach Leben wären ihr geradezu in die Wiege gelegt worden und beschäftigten sie bis heute. Trotz ihres Erfolgs komme sie sich oft rast- und schutzlos vor. Vielleicht ist sie im Grunde ihres Herzens immer der verletzliche Säugling im Brutkasten geblieben – gut versorgt und gleichzeitig hoch gefährdet? Mit Mitte 20 stellt sie sich die Frage, die man als Leitmotiv ihres Lebens und ihrer Kunst betrachten kann: „What’s your Place of Protection?“ Es ist eine Frage, die überall auf der Welt anders beantwortet wird. In Indien etwa löst sie vor allem Verwunderung aus. Die Sehnsucht nach einem Zufluchtsort wäre etwas zutiefst europäisches, erfährt Mia dort.

Die Projektion „What Is Your Place Of Protection?“ 2013 in Berlin

Auf einer Afrikareise inszeniert sie eine ihrer ersten Performances – eher zufällig als geplant. In einem Dorf trifft sie auf Menschen, deren nackte Körper mit einer streng riechenden Paste aus roter Erde und Tierfett bemalt sind. Spontan wirft auch Mia ihre Kleider ab und lässt sich einreiben – von den Schultern über die Brüste bis zu den Füßen. Anschließend schreibt sie sich selbst Gedichte auf die bemalte Haut. Sie empfindet keine Scham, sondern spürt, dass sie hier – wenigstens für einen Moment – ihren „Place of Protection“ gefunden hat.

Für die 24- Stunden-Performance „Peace Never Sleeps“ auf der Documenta 13 harrt Mia in einem Knastbett aus.

Dass sie sich selbst in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten stellt, hält Mia nicht für problematisch, sondern für typisch künstlerisch. „Mein Talent besteht vor allem darin, andere zu begeistern und zu motivieren – und mir damit Mut zu machen.“ Mut, den sie braucht, um ihre Performances zu wagen, wenn sie etwa mit beleuchteten Engelsflügeln auf dem Hollywood-Zeichen “landet” oder unter dem Motto „Peace never sleeps“ stundenlang in einem Metallbett auf der Documenta 13 ausharrt. „Da wirst du begafft, angefasst, fotografiert – aber es kann auch schon mal ein Obdachloser an deinen Bettpfosten pinkeln.“ Politisch verstanden wissen will sie ihre Kunst im zeitgeschichtlichen Sinne. Was bei John Lennon “Imagine peace” lautete, heisst bei der Performerin: Imagine poetry!

Kamikaze Lover/Moskau

„Ich träume davon, ein Kunstwerk zu erschaffen, das gekauft wird, nicht, um gezeigt, sondern um begraben zu werden.“ Diesen Vorgang des „Versenkens“ wolle sie dann aber filmisch festhalten und in einer Installation zeigen. Bei ihrer künstlerischen Arbeit gehe es ihr immer darum, das „Innere nach außen und das Äußere nach innen zu verkehren“, sagt Mia und spielt damit auch auf eines ihrer aktuellen Werke an: Über einen Bildschirm ziehen abwechselnd die Bilder eines Raubvogels und einer Computertomografie, die nach einem Autounfall von Weiss’ Innenleben gemacht wurde. Obwohl sie bei der Einlieferung ins Krankenhaus Schmerzen hatte, habe sie sich sofort gefragt: „Wie kann ich meinen Unfall künstlerisch umsetzen?“ Mit der Kombination aus Raubvogel und CT-Bildern will sie zeigen, dass Kraft und Verletzlichkeit beide in der Natur des Menschen liegen.

Wir verlassen die Bar. Mia will mir die Installation “What Is Your Place Of Protection?” zeigen, für die die Künstlerin 10 Jahre durch alle Kontinente gereist ist und Menschen bei der Beantwortung der Frage gefilmt hat. Die Installation besteht aus 54 unterschiedlichen antiken Rahmen, in die je eine Poetry Performance als Antwort projiziert wird. Die Videos wirken wie eine Mischung aus schwarz-weißen Privataufnahmen und Bildern aus den Nachrichtenredaktionen der Welt. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass die Bildschirme in Form eines Uterus angeordnet sind – der ursprünglichste aller Schutzräume bildet den Rahmen für die gesamte Welt. Mia, die auch eine Zeit lang Schauspiel studiert und Filme gedreht hat, bringt es so auf den Punkt: „Das meiste im Leben ist Theater, also: Ketchup and a fake Knife. Mit meinen Performances will ich mehr: real Blood and real Life.“

www.mia-florentine-weiss.com

Der Artikel über Mia Florentine Weiss in der neuen Ausgabe von TRIP (N0 8)

Mehr über die Autorin Ricarda Junge:   www.fischerverlage.de/buch/Die_komische_Frau/9783100393296 

 

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