Tätowierer sprechen ihre eigene Sprache mit eigenen Regeln und Traditionen. Im Dialog mit dem Menschen, auf dessen Haut sie ihre  Kunstwerke hinterlassen, entwickeln sie eine neue Dimension der persönlichen Zustandsbeschreibung. Wer es mit dieser Form des Körperschmuckes ernst meint, will etwas mitteilen, seiner Haltung zu sich selbst Ausdruck verleihen, das Auf und Ab des Lebens symbolreich in den Fokus rücken. Bedeutsame Tattoos erzählen immer auch eine Geschichte. Sie sprechen von nicht eingelösten Hoffnungen, von Trauer, aber auch von Wendepunkten, glücklichen Momenten und Erkenntnis. Dass dabei immer auch Begriffe wie Autonomie, Würde und Wahrheit ins Spiel kommen, versteht sich von selbst.

Delphine Noiztoy
Delphine Noiztoy

Zu den markantesten Stilformen mit einer lange zurückreichenden Historie gehören die sogenannten „Black Tattoos“. Wie der Name sagt, werden diese vollständig aus rein schwarzer Farbe gestochen und verzichten auf graue Schattierungen.  Viele Tribals werden traditionell in Schwarz gestochen, es gibt aber weit mehr Motive und Varianten des Blackwork, wie man in dem hier vorgestellten Buch der New Yorker Autorin Marisa Kakoulas sehen kann. „Black Tattoo Art II: Modern Expressions of the Tribal“ ist die zweite Inkarnation dessen, was man als die Bibel der Blackwork-Tattoos bezeichnet und bildet die Fortsetzung des ersten Bandes, einer eindrucksvollen Reise rund um den Globus, welche die wahrscheinlich besten Tattoos präsentiert, die den Zauber dieser uralten Kunstform in aufregenden zeitgenössischen Interpretationen auf dem Körper einfangen. In dem 448 Seiten starken, beeindruckenden Band mit mehr als 600 Abbildungen kann der Leser ganz unterschiedliche Richtungen des Blackwork Tattoos erkunden. Schwarze Linien, Punkte, Flächen, ob von Hand gestochen oder mit der Maschine tätowiert, alles ist möglich und erlaubt. Das schier unbegrenzte Spektrum an Kreativität reicht von wunderschönen traditionellen Tribals, über sorgfältig ausgeführte Muster und figurative Darstellungen, bis hin zu völlig freien, unkonventionellen Tattoodesigns.

Die beeindruckende Vielfalt der Tattoodesigns in Black Tattoo Art II ergibt sich nicht zuletzt durch die umfangreiche Liste internationaler Künstler: 80 Toptätowierer, von Sankt Petersburg bis Sao Paulo, von Austin bis Aotearoa, von Barcelona bis Brooklyn und darüber hinaus. Allen gemeinsam ist die Kreativität, die Innovation und der Einfallsreichtum, die in ihren Tätowierungen und künstlerischen Arbeiten zum Ausdruck kommen. Das Buch enthält fünf Kapitel mit Einführungstexten: Ornamental/Neotribal, Dotwork, Celtic/Nordic, Abstract/Art Brut, und Traditional Revival. Insgesamt offenbaren alle präsentierten Tattoowerke die unbegrenzten Möglichkeiten einer Kunst, die nur durch Nadeln und schwarze Tinte entsteht.

Kaum zu glauben, aber wahr: Die Autorin arbeitet eigentlich als Rechtsanwältin In New York und schreibt leidenschaftlich gern über Tätowierungen. Ihr mit grosser Leidenschaft geführter Blog needlesandsins.com hat überall auf der Welt treue Follower und ist durch fortwährend neue Einträge ergänztes Kompendium der aktuellen Tattoo- Kunst.

In dem Buch lässt sich nachlesen, wie Marisa die Tätowierung zunächst als als eine Ausdrucksform von Rebellion entdeckt hatte, nachdem sie als 17-jährige eine Underground-Location besuchte. Damals waren Tätowierungen in New York City noch stark geächtet. Doch mehr und mehr wuchs die Faszination, und 2001 entschloss sie sich dazu, eine grossformatige Körpertransformation vornehmen zu lassen: einen Bodysuit.

Die Autorin, Tattoo-Expertin und Anwältin Marisa Kakulas
Die Autorin, Tattoo-Expertin und Anwältin Marisa Kakulas

Damit bezeichnet man eine Tätowierung, die den ganzen Körper wie ein Anzug bedeckt, ausgenommen sind hier allenfalls Hände, Füße und der Kopf. Ursprünglich stammen Bodysuits aus Japan. Dort werden Tattoos traditionell von der Yakuza, der japanischen Mafia, als Statussymbole getragen: ein Bodysuit bedeutet eine wirklich erfolgreiche Karriere. Marisa steht auf der anderen Seite, in ihrem Job als Anwältin kämpft für Gerechtigkeit. Ihren bodysuit hat sie in Zusammenarbeit mit Daniel DiMattia vom Calypso-Tattoo- Studio in Belgien entwickelt. Heute sind bei ihr Arme, Rücken, Bauch, Brustkorb Oberschenkel und Füsse mit komplexen black ink stylings geschmückt. Marisa besitzt zusätzlich zu ihrem juristischen Abschluss übrigens auch noch einen Master in Journalismus sie schreibt regelmässig Kolumnen für angesehene internationale Tattoo-Magazine, hält auch Vorträge über „Tattoo-Recht“ an juristischen Fakultäten, auf Tattoo-Conventions und an  Kunstinstitutionen.

Mike The Athens
Mike The Athens

Black Tattoo Art II ist ihr viertes Buch, das von der Edition Reuss in Hanau produziert wurde. „Die Beweggründe, die zu Tätowierungen führen, sind so verschieden wie die Körper, die sie tragen“, sagt die Autorin. „Und der künstlerische Ausdruck für dieses Beweggründe ist unerschöpflich.“

Im Kapitel „Ornamental/Neotribal“ finden sich Arbeiten, die den Körper mit Mustern und Motiven so organisch wie möglich aufwerten, wobei sie so wirken, als ob die Menschen mit Kunst auf der Haut geboren wurden. „In diesem Genre“, so die Autorin, „werden Muster unterschiedlicher Kulturen vermischt und häufig mit einer modernen, bisweilen prunkrockigen Ästhetik infundiert.“

Das „Dotwork“-Kapitel zeigt herausragende Beispiele von Arbeiten, die den mühsamen Prozess der Punktierstichtechnik nutzen, um aus wenigen Punkten anspruchsvolle und beeindruckte Werke zu erschaffen. Auf Rotations- oder Spulenmaschinen wird hier weitgehend verzichtet. „Die Dichte, Linienführung und Formation der Punkte sind sowohl mathematisch als auch künstlerisch konfiguriert. Die Arbeiten beinhalten geheiligte Ikonographie bis hin zu abgefahrenen Konstellationen“, sagt die Autorin. Kapitel „Celtic/Nordic“ wurde von Colin Dale kuratiert. Er beleuchtet die fantastischen Geschichten über jene Mythen und Weisheiten, die sich hinter den gezeigten Tätowierungen verbergen und ihre ursprünglichen Motive aus einer Zeit schöpften, als Götter über die Erde wandelten und Menschen ihren Glauben auf der Haut trugen.

Die eher neue Tattoorichtung „Abstract/Art Brut“ steht für Intensität, Fiebrigkeit und kreative Freiheit, da diese nicht an strikte Formeln und Konventionellen gebunden ist. „Tätowierer, die auf diesem Gebiet arbeiten, kennen die Regeln, wie man ein starkes traditionelles Tattoo anbringt, brachen sie aber dann, um etwas noch Stärkeres, Wilderes und Erstaunlicheres zu kreieren“, schreibt Marisa Kakoulas. Der Abschnitt „Traditional Revival“ schliesslich wirft einen Blick auf das Werk derjenigen, die die Tätowierung mit überlieferten Techniken und Zeremonien und Ahnengeistern produzieren. Hier thematisiert die Kunst oft Zugehörigkeit und Familie. „Tätowierungen spiegeln Verpflichtungen wieder, haben aber auch die Macht zu verbinden“, erklärt Marisa. Dieser Gedanke ist wichtig, denn er macht deutlich, dass das, was wir an Zeichen und Botschaften auf unserer Haut hinterlassen, uns immer am nächsten ist. Wir können es nicht wegwischen, dieses Glaubensbekenntnis, den so vehement markierten Ausdruck dessen, wer und was wir sind, oder sein wollen oder einmal warnen.

Phil Cummins
Phil Cummins

Gerade vor diesem Hintergrund ist das Vertrauen in den ausführenden Künstler die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die eintätowierte Hinterlassenschaft wirklich den Kern unseres Wesens spiegeln. „Harmonie und Einklang mit dem Körper sind von grösster Bedeutung“, sagt Marisa. Das Buch bietet insofern nicht nur eine Fülle von gestalterischen Anregungen, sondern zeigt die Wichtigkeit der gewählten Stilform und Symbolen, damit das auf der Haut hinterlassene Kunstwerk seine Zeit überdauert.

Das Cover des neuen Bands Black Tattoo Art 2
Das Cover des neuen Bands Black Tattoo Art 2

 

INFO
Black Tattoo Art II – Modern Expressions of the tribal
von Marisa Kakoulas
Edition Reuss
Großformat 24,5 x 31,5 cm, 448 Seiten
Texte in Englisch und Deutsch
Mehr als 600 Abbildungen und Illustrationen
Hardcover mit Fadenheftung
Preis 98.- Euro

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