Der Tod und das Leiden sind immer in ihrer Nähe. Vielleicht ist das der Grund für die ansteckende Fröhlichkeit und das von Lebensklugheit und Gelassenheit geprägte Temperament der 36-jährigen Fotokünstlerin Claudia Diaz. Im Hauptberuf arbeitet sie als Krankenschwester auf der onkologischen Station einer Klinik in ihrer Heimatstadt Dienslaken. Vor 19 Jahren hat sie ihre Ausbildung dort gemacht, und seither ist sie dem Krankenhaus und den Kollegen dort treu geblieben. Ihr Team und der Oberarzt geben ihr Rückhalt für die Arbeit mit der Kamera.
„Wenn es mal darum geht, einen Dienst zu tauschen oder einen freien Tag bekommen, sind die Kollegen extrem verständnisvoll“, berichtet Claudia. Das Schicksalhafte von Krebserkrankungen, die ganze Lebensentwürfe über den Haufen werfen, trotz aller rasanten medizinischen Fortschritte zur schlimmen Hypothek verwundeter Seelen werden, sieht sie als zentrale Herausforderung. Als empathischer Mensch kann Claudia Trost spenden und mit ihrem warmen Humor zeigen, dass mit der richtigen Perspektive das Leben lebenswert bleiben kann, auch wenn der Tod bereits böse Schatten wirft.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, ist ein Leitsatz von Claudia, die mit ihrer Neugierde, ihrem Interesse an dem Leben und Tun anderer, mit ihrem aufmerksamen Blick und nicht zuletzt mit einer gleichsam umwerfend lebendigen Phantasie die Welt um sich herum erkundet.
Mit dieser Eigenschaft besitzt sie eine der wichtigsten Voraussetzungen erfolgreicher Fotografen: Spürsinn für Wesentliches, Ungesehenes und ein untrügliches Gefühl für interessante Charaktere.
Ihr erstes Aktfoto hat Claudia Diaz im Keller ihrer Schwester geschossen, als Beleuchtung diente ein Baustellen-Strahler. „Ich sehe einen Menschen und entwickle dann eine Bildidee zu ihm“, beschreibt sie den künstlerischen Vorgang. Das Mädchen für ihr erstes Aktfoto sei sehr hübsch gewesen, eine klassische Schönheit. „Trotz dieser etwas schrägen Situation im Keller hat sie gut mitgespielt“, sagt Claudia Diaz. Sie erkläre sehr viel beim Fotografieren, nehme den anderen durch Beschreibungen und Erläuterungen mit in ihre Fantasiewelt. „Um dem anderen die Chance zu geben, sich fallen zu lassen und sich tiefer einzulassen, zeige ich schon während dem Fotografieren die entstandenen Bilder“, sagt Claudia.  In diesem Fall sei es ein zentrales erzählerisches Mittel gewesen, ein Auge des Mädchens mit einer Feder zu bedecken.
Um die Härte des Baulichts zu mildern, habe Claudia Backpapier um die Lampe gewickelt. Erst nach und nach habe sie die Mittel geabt, um ihre Ausrüstung professionalisieren können.
Das erste große Shooting von Claudia Diaz entstand übrigens in einem Freibad in Wesel. Claudia hatte die Fantasie von einem Mann, der mit einer schwarzen Anzugshose und weissem Hemd bekleidet ist, duscht und dabei angelt. Morgens um halb sieben sei sie ins Freibad gekommen, habe dann von 7 bis 10 Uhr das leere Schwimmbad für sich gehabt. Lebende Fische dienten als Requisite, um das Ganze so echt wie möglich aussehen zu lassen.
„Männer zu fotografieren finde ich sehr interessant“, gesteht Claudia:  „Männer werden nicht so oft in Geschichten verpackt. Und wenn männliche Akte entstehen, ist dann oft dieser Dolce-und-Gabbana-Schwulst zu sehen mit Leder, Ketten und Motorenöl auf der Haut.“
Claudia kommt es bei ihren Männerfotos mehr darauf an, die ambivalente Spannung zwischen Verletzlichkeit und Stärke einzufangen. „Ich will Emotionen rüberbringen“, sagt Claudia. „Männer brauchen oft länger, sich auf die Situation vor der Kamera einzulassen. Manchmal sind sie gehemmter als Frauen“, hat die Künstlerin festgestellt. Zufrieden ist Claudia, wenn es ihr beim Fotografieren gelingt, dass ihre männlichen Models „von sich
selbst geflashed sind“. Nicht das Provokante oder eine vordergründig sexuelle Botschaft sei ihr Ansatz bei Aktaufnahmen, sondern zuvorderst gehe es ihr darum, auch bei stark wirkenden Männern die verletzliche Seite aufzuzeigen. Der Intimbereich bleibe tabu.
„Ich mag zwei Arten von Männern“, sagt Claudia: „Einerseits den wilden, sportlich verwegenen Typ mit Dreitagebart. Andererseits stehe ich auch auf den ausgezehrten, rockigen, hageren Mann. Grundsätzlich gefallen ihr für die Fotografie eher dunkelhaarige Männer. Auch volle Lippen und Kahlköpfigkeit reizen sie. Helmut Newton und Peter Lindbergh sind für sie grosse Vorbilder: „Ich mag, wie es die beiden immer wieder geschafft haben, die Persönlichkeit ihrer Modelle herauszukitzeln, es ihnen gelungen ist, erotisch zu provozieren, manchmal sogar zu schocken“.
Provokant, sinnlich und freaky sind drei Schlagwörter, die für Claudia Diaz eine Art künstlerischen Leitfaden bilden. „Einmal hatte ich einen dreifachen deutschen Bodybuilding-Meister im Badezimmer fotografiert“, berichtet sie. „Er hatte gigantische Muskeln, aber dahinter versteckt eine wunde Seele, die schrie, weil er das Gefühl hatte, niemand wirklich vertrauen zu können“.
Manchmal, so sagt Claudia, fühle sie sich hinter der Kamera wie ein Voyeur. Sie komme beim Fotografieren sehr nah heran an das Wesen der Menschen, nutze die Linse und die durch das entstehende Foto als eine Art abstrakte Übersetzungsmöglichkeit menschlichen Daseins.
Dazu passt ihre Hinwendung zu Schwarzweiss. „Ich fotografiere oft schon direkt monochrom“, erklärt sie. „Das entstehende Bild muss mich durch das umhauen, was ich im Sucher sehe. Da braucht es nicht immer Farbe“.
Seit ungefähr 3 Jahren ist Claudia soweit, Menschen direkt anzusprechen, die sie gerne fotografieren möchte. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen aus der Fotocommunity nutzt sie Facebook als wichtige Kommunikationsplattform: „Manchmal sehe ich dort ein Foto und schreibe die Leute direkt an“, verrät sie.
Aber sie sucht durchaus auch auf der Strasse den Kontakt, wenn sie eine Person interessiert. „Meist erzähle ich die Idee, die ich von den Personen habe, und diese sind dann oft sprachlos, dass ich so schnell und spontan eine bildliche Vorstellung entwickeln kann“, sagt sie.
Ihr Umfeld saugt sie während ihrer ausgedehnten Streifzügen förmlich auf. „Ich bin ein abenteuerlustiger Typ, eigentlich immer irgendwie auf Achse“, verrät Claudia. „Ich jogge viel, fahre Fahrrad, schaue mich um nach interessanten Szenerien.“ Fensterbilder und Spiegelungen haben es ihr besonders angetan. Ihr bevorzugtes Licht ist das am Morgen und das am Abend.
Um für besondere Augenblicke gerüstet zu sein, hat sie oft ein sexy rotes Kleid in der Tasche, das sie als Style nutzen kann, wenn ihr ein interessantes Mädchen über den Weg läuft. Aber es können auch zufällige Szenerien sein, die Claudia Diaz für ihre Fotos nutzt.
Neulich habe sie auf einem Markt ein orangefarbenes Retro-Fahrrad entdeckt, „so richtig schön quietschig“. Damit wollte sie unbedingt was machen. Oder mit den Klappstühlen eines Freilichtkinos im Regen.  An Ideen fehlt es Claudia nicht. Auch nicht an der Lust zur Provokation. So fotografiert sie schon mal eine Schwangere mit einer Peitsche in der Hand, oder inszeniert eine farbige Frau als Geisha in einem kostbaren, offen stehenden Kimono, die Füsse nackt, blosse Haut, untenherum nur ein Slip, die Lippen stark geschminkt. Als Kulisse dieser Serie diente der japanische Garten in Frankfurt. „Manche Träume gehen einfach in Erfüllung“, freut sie sich.
Gern arbeitet Claudia auch in Hotels, die gern ein wenig retro sein dürfen. „Meistens sag ich gar nicht, dass ich fotografiere“, verrät sie. „Ich fotografiere dann heimlich im ganzen Hotel“. Oft hat das Model in solchen Situationen nur Strapse und Highheels an und einen langen Mantel darüber. Sobald jemand während der Aufnahmen vorbeikommen sollte, zieht sich das Mädchen blitzschnell wieder an. Ernsthaft beschwert hat sich zum Glück noch niemand, auch wenn es vorkommt, dass eine Handvoll Leute mit Megablitzanlage und Schminksachen um eine eher spärlich bekleidete Frau auf dem Flur herumstehen. Claudia Diaz kann in solchen Momenten auf ihren burschikosen Charme zählen.
Zur Erfolgsbilanz von Claudia zählt die Beteiligung an drei verschiedenen Ausstellungen, darauf ist sie stolz: „Es war sehr interessant, das Feedback zu bekommen von den Leuten und den anderen Künstlern“. Dass sich auch ihre Kollegen im Krankenhaus immer wieder begeistert zeigen von ihrer künstlerischen Arbeit, tut ihr gut. Fotografieren ist zu einem sehr wichtigen Teil ihres Lebens geworden und sie möchte neben all der Leistung, die sie mit viel Hingabe im Krankenhaus erbringt, auch für ihre künstlerischen Fähigkeiten wahrgenommen werden. Eine Liebe hat sie zur Zeit nicht. „Seit einem Jahr bin ich Single“, gesteht sie. „Ich nutze die Zeit, um mich selbst ein Stück weit neu kennenzulernen.“ Trotzdem sei sie offen für eine Beziehung: „Irgendwann findet es mich, trifft es mich“.
Mit ihrer Familie hält sie als geselliges Wesen engen Kontakt. Ihr Vater, ein Spanier, dem sie ihren Namen verdankt, sei leider sehr früh verstorben. Aber es gibt sechs Geschwister, vier Schwestern und zwei Brüder. „Wenn wir uns sehen, sind alle sehr happy“, sagt sie. „Einige haben auch Kinder und es macht Spass, diese zu erleben.“
Leider spreche sie nur etwas Touristenspanisch, und wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie am liebsten so viele Sprachen wie möglich beherrschen, um auch im Ausland ungebrochen kommunizieren zu können. „Ich bin Kitesurferin und manchmal fahre ich einfach drauf los mit meinem Auto, nach Holland ans Meer etwa, ohne festes Ziel. Wenn sie – wie manchmal – im Auto schläft, fühlt sich fast wie ein Zigeunermädchen, unabhängig, willensstark, kontaktfreudig. „Sobald ich das Wasser sehe, das Meer, die Sonne, bin ich glücklich“. Die Kamera hat sie bei diesen Ausflügen immer dabei, auch wenn sie die Sportfotografie genauso wie die Landschaftsfotografie eher nur mässig interessiert. Eine grosse Rolle freilich spielt für Claudia die Musik. „Ich stehe mit Musik auf, und ich gehe mit Musik schlafen. Fernsehen langweilt mich total. Das ist doch inzwischen reine Volksverblödung.“
Claudia Diaz
Bilder, Beats und Bewegung sind der Dreiklang, der für Claudia zählt. Auf leisen Sohlen spürt sie dem Geheimnis des Lebens nach. Wie schnell dieses zu Ende gehen oder von einem harten Leiden geprägt sein kann, weiss kaum jemand besser als diese engagierte Frau, deren Schicksalsbuch hoffentlich noch manches schöne Kapitel erwarten lässt.

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