Graciana ist frei. Endlich. Es ist nicht das erste Mal, dass die 53jährige Frau aus São Paulo aus dem Strafvollzug entlassen wird, aber sie hofft, dass es diesmal das letzte Mal sein wird. Seit 13:30 Uhr stehe ich mit dem Fotografen Caio Palazzo und der Trip-Redakteurin Natacha Cortez vor dem Frauengefängnis von Butantan in São Paulo. Unsere Aufgabe: Wir sollen einen Menschen, der aus dem Gefängnis kommt, auf dem Weg in seine zurückgewonnene Freiheit begleiten. Einen Menschen, der sein Leben neu beginnen möchte. Fünf Frauen sind an diesem Tag aus dem Gefängnis entlassen worden. Eine davon war Graciana.

Autor Luiz Mendes interviewt die Heimkehrerin auf der Rückbank des Autos
Autor Luiz Mendes interviewt die Heimkehrerin auf der Rückbank des Autos

Wir haben keine Ahnung, was uns erwartet. Immer wieder schauen wir auf die Uhr, mißtrauisch beäugt von den Passanten. Nach drei Stunden Wartezeit öffnet sich endlich das Tor. Eine 53 Jahre kräftige Frau stürmt heraus, geht an uns vorbei. Das Gesicht vor Aufregung. Dann plötzlich bleibt sie stehen, scheint sich an irgendetwas zu erinnern und schaut sich um.

Graciana versucht als Erstes, ihren älteren Sohn anzurufen

Ich blicke zu ihr herüber. Unangenehme Erinnerungen werden wach. Vor 10 Jahren war ich in der gleichen Situation, wurde ausgespuckt nach draußen, nach etwas mehr als 30 Jahren Haft. Damals kam auch ein Team von TRIP und holte mich ab, um mich nach Hause zu begleiten.

Auf Gracias Fingern prangen Tattoos
Auf Gracias Fingern prangen Tattoos

Graciana setzt sich zwischen uns auf die Rückbank des Autos. Ich überlege, was sie in diesem Moment wohl fühlt und weiß, dass es unmöglich ist, dies in Worte zu fassen. Ich will etwas sagen, aber mir bleiben die Worte im Halse stecken. Wir starten den Wagen und wollen Graciana nach Hause bringen, nach Pirituba, nördlich von São Paulo: Streiflicht eines Lebens, dessen einzige Kontinuität aus dem Wechsel zwischen Prozessen, Freiheitsstrafen und neuen Anfängen besteht.

Auf der Fahrt durch Sao Paulo
Auf der Fahrt durch Sao Paulo

 

Ungenaue Wahrheit

Graciana ist in São Paulo geboren, so wie ich. Sie sagt, dass sie die Tochter eines italienischen Einwanderer sei, Ergebnis der Liebschaft mit einer Prostituierten aus dem Landesinneren São Paulos. Der Geschichte nach, die sie uns zunächst aufzutischen versucht, sei sie verhaftet worden wegen Verdacht auf Ladendiebstahl. Unschuldig natürlich. In Wahrheit sei es ihr Begleiter gewesen, der ein paar Turnschuhe gestohlen und diese dann in ihre Handtasche verfrachtet habe. Man habe erst einmal kurzen Prozess mit ihr gemacht, aber schliesslich habe man habe sie freigesprochen. Danach lief es angeblich ein paar Monate ganz normal. Sie bekam einen Job bei der Stadtreinigung und fegte die Bürgersteige der Altstadt. Zwei Kinder habe sie, der eine 22, der andere zwölf. Der jüngste sei der Grund für sie zu leben, und er gebe ihr die Kraft weiter zu machen. Der 22-jährige sei ihr ganzer Stolz; südamerikanischer Champion in der Kampfsportart Muay Thai. Der jüngste Sohn stecke zurzeit in einem Heim. Sein Stiefvater hatte irgendwo geklaut, der Junge war dabei gewesen und sei kurzerhand mit verhaftet worden. Den Stiefvater habe man schließlich freigelassen, aber den Jungen, aufgrund der Abwesenheit der Mutter, ins Heim verfrachtet. „Meine Ausweispapiere waren verschwunden“, behauptet Graciana. Dann, an einem Tag Ende Mai, habe sie ganz ordnungsgemäß neue Papiere beantragen wollen. „Ich dachte, wenn ich arbeite und neue Dokumente habe, wäre es möglich, mein Kind aus dem Heim zu holen“. Aber es kam alles anders: Ein neuer Haftbefehl lag gegen sie vor.

Graciana und Mendes beim Meldeamt
Graciana und Mendes beim Meldeamt

Angeblich, so sagt sie, hatte sie keine Ahnung warum. Es sei zu einem Disput mit der Polizei gekommen, ohne Erfolg freilich. Schließlich habe man ihr eröffnet, dass die Staatsanwalt Berufung eingelegt hatte, aufgrund dessen sie zu einem Jahr und vier Monaten verurteilt werden könne. Jetzt hatte sie angeblich sechs Monate Haft hinter sich. Sie sei aus dem Gefängnis entlassen worden, um die restlichen 10 Monate draußen auf Bewährung wegen guter Führung zu verbringen.

Graciana freut sich über die neuen Ausweispapiere
Graciana freut sich über die neuen Ausweispapiere

Mich beschleicht recht schnell das Gefühl, dass irgendetwas faul ist an dieser ganzen Geschichte, die sie uns im Auto auftischt. Vor allem die Behauptung ihrer Unschuld. Mein Blick fällt auf ihre geschundenen Hände, übersäht mit alten Tattoos. Wer so lange im Knast war wie ich, weiß, was wirklich los ist. Die in ihre Haut gravierten Codes sind eine spezielle Form der Gefängnis-Sprache. Details verraten immer Unwahrheiten, man muss nur ein guter Beobachter sein. Ich lege meine Karten offen und sage, dass ich selbst fast mein ganzes Leben im Gefängnis zugebracht habe und wir nicht gekommen sind, um sie zu schädigen, sondern einfach nur die Wahrheit wissen wollen. Graciana zögert einen Moment. Aber dann entspannt sie sich, und rückt endlich damit raus, was wirklich Sache ist.

Ihr Leben sei bisher die völlige Katastrophe gewesen, Diebstahl und Drogen seit 15 Jahren, als sie ihren ersten Mann heiratete. Einen Drogenhändler, sagt sie. Sie sei damals fast immer im Rausch gewesen, habe alle erdenklichen Arten von Drogen konsumiert und wurde mehrmals verhaftet – mehr als 40 Strafverfahren wurden insgesamt gegen sie eröffnet. Immer wieder landete sie hinter Gittern. Die höchste Strafe war 7 Jahre wegen Diebstahl und Dealerei.

Graciana kann endlich wieder ihre Habseligkeiten in Besitz nehmen
Graciana kann endlich wieder ihre Habseligkeiten in Besitz nehmen

Dieses Mal, so beteuert sie, sei sie wirklich unschuldig gewesen. Ihr Partner wurde ebenfalls verurteilt. Da er ein Ersttäter war, kam er mit Gemeinschaftsarbeiten davon, aber sie habe wegen Rückfall die Strafe absitzen müssen. Im Gefängnis trifft man auf viele Schicksale dieser Art. Man begegnet Menschen, die ihr ganzes Leben lang das Gesetz gebrochen haben, und plötzlich müssen sie sich auch für Verbrechen verantworten, die sie nicht begangen haben.

Gracianas Stimme klingt bitter, während sie von ihrem Partner erzählt, der sie in der ganzen langen Zeit weder besucht habe, noch irgendeine Nachricht von ihren Kindern übermittelte. Sechs lange Monate habe sie keine Ahnung gehabt, was in der Zwischenzeit passiert sei, bis jetzt wisse sie nicht, was sie zu Hause erwarten würde an diesem Tag der Freilassung.

Wir reden über ihre Kinder. Gracianas Augen bekommen einen feuchten Glanz. Wie schön es jetzt wäre, ihre Stimmen zu hören. Die Telefonnummer eines der Kinder sei in ihrer Tasche gewesen, sagt sie. Die Tasche befinde sich noch bei der Meldebehörde, wo sie seinerzeit verhaftet wurde. Kurzerhand beschließen wir, erst einmal dorthin zu fahren, um nach der Handtasche zu fragen.

Auf dem Weg dorthin kommen wir nur im Schneckentempo voran. Überall Stau. Ein paar Mal fragen wir Graciana, ob sie irgendetwas essen und trinken wolle. „Einfach Cola, bitte“, sagt sie. „Das ist meine einzige Sucht heute.“ Bei der Meldebehörde reagiert das Personal freundlich und schon nach kurzer Zeit erhält Graciana ihre Handtasche zurück samt dem Mobiltelefon, auf dem die Telefonnummer ihres Sohnes gespeichert ist. Weil wir schon da sind, beantragt Graciana gleich auch noch eine neue Identitätskarte.

Graciana betritt das Meldeamt
Graciana betritt das Meldeamt

Die Zivilpolizistin, mit der wir auf der Behörde zu tun haben, ist die gleiche, die damals für Gracianas Festnahme verantwortlich war. Etwa zehn Prozent der Menschen, die auf dieser Behörde für soziale Aussenseiter Dokumente beantragen, hätten Schwierigkeiten mit dem Gesetz, sagt sie. Da ein Haftbefehl vorlag, sei es ihre Aufgabe gewesen, Graciana in Haft nehmen und sie an die Gefangenen-Division Deic zu übergeben. Die meisten Fälle hier stünden im Zusammenhang mit der Nichtzahlung von Kindergeld.

Der Akku des Handy ist leer. Wir tauschen die Chips, und ich lasse Graciana mit meinem Handy telefonieren, doch niemand geht ran. Wir beschließen: Ab zu ihr nach Hause. Auf dem Weg schildert Graciana weitere Episoden ihres Lebens. Es gibt keine Chronologie, was sie sagt, klingt chaotisch. Sie spricht über vier Neugeborene, die sie angeblich verloren habe, redet von Raub, Drogen, Gefängnis, Leid und den unzähligen vergeblichen Neuanfängen. Wir passieren die berüchtigte Crack-Hochburg Cracolândia. Sie kennt fast jeden dort.

Jetzt, nach dem Knast, was hat sie vor? Der nächste Schritt wäre, die neu beantragte ID-Karte abzuholen. Dann würde sie ihren alten Job wieder aufnehmen und zu dem Heim gehen, wo ihr jüngster Sohn ist, um ihn dort abzuholen und nach Hause zu bringen. Und der ältere Sohn? Soweit sie wisse, lebe der in Santos im Haus von Freunden, und habe sein eigenes Leben und zum Glück auch Arbeit.

Der Weg zu ihrem Haus
Der Weg zu ihrem Haus

Ich blicke Graciana an. Ihr fehlen verschiedene Vorderzähne; das Gesicht ist rundlich, aufgedunsen; die Augen voller Leid. Obwohl sie mit zwei Taschen voller Kleidung und Habseligkeiten unterwegs ist, trägt sie die typische Gefängnis-Kleidung: Jeans und eine schlichtes weißes T-Shirt. In den letzten sechs Monaten Knast wurde sie von niemandem besucht. Das Fernsehen und der Hof für den Freigang waren ihr einziges Fenster nach draußen.

Inzwischen haben wir ihr Vertrauen, sie spricht in dem typischen Gefängnis-Slang, benutzt Codes, die ich für das Team übersetzen muß. Sie zeigt mir ihre Narben an den Handgelenken, Spuren eines Selbstmordversuchs.

Dann prahlt sie mit ihren Missetaten, gibt vor, eine höchst raffinierte und kluge Diebin gewesen zu sein. Der jungen Trip-Reporterin fallen einige Widersprüche in ihren Erzählungen auf und deshalb fragt sie nach bestimmten Zeitfenstern. Vieles, was Graciana sagt, passt terminlich nicht zusammen. In diesem Moment wird mir klar, daß sie uns davon zu überzeugen versucht, welch wichtige Person sie in der Welt der kleinen Gauner gewesen sei. Ich erkenne das typische Verhaltensmuster von Gefangenen, die sich in der Haft vor den anderen aufplustern mit dem Ziel, Respekt und Eindruck zu schinden, in der Hackordnung ein klein wenig aufzusteigen, Obwohl sie jetzt frei ist, besitzt sie noch immer die Seele eines Gefangen. „Das ist die Hölle“, sagt sie.

 

Es wird schwer es für sie werden, jetzt endlich das Elend hinter sich zu lassen, wirklich einen anständigen Job zu finden, wegen ihrer Vergangenheit, den Tattoos, die nicht zu verstecken sind und wegen dem zahnlosen Mund. Mitleid überkommt mich. Ich denke daran, wie klein ihre Chancen sind. Wir haben keine Ahnung, ob ihre Geschichte wahr sei, ob sie wirklich als Straßenfegerin gearbeitet hat. Es gibt nur Indizien: Wer im brasilianischen Rechtssystem draußen bleiben will aus dem Gefängnis, der muss die von den Behördern zugewiesene Arbeit annehmen und registriert sein. Graciana war auf Bewährung, hatte bei der Entlassung eine Karte bekommen, die sie monatlich von Bewährungshelfern abstempeln und unterschreiben lassen musste. Zu den Auflagen gehörte, einer geregelten Arbeit nachzugehen, da ihr sonst die Unterstützung entzogen werden würde. 10 Monate Strafzeit musste sie auf diese Weise noch hinter sich bringen, bevor sie wirklich frei war. Nur mit ausreichend Energie und positiver Unterstützung sieht man da ein Licht am Ende des Tunnels.

Schließlich erreichen wir ihr Wohnviertel, durchqueren eine Reihe schmutziger und enger Gassen mit baufälligen Häusern. Es dauert lang, bis wir endlich vor der Haustür stehen. Auf dem Weg wird sie von Nachbarn erkannt, die lächelnd grüßen. Sie war wohl beliebt gewesen an diesem Ort. Ihr Neffe begrüßt sie mit Umarmungen und nennt sie Mutter. Der Junge ist sichtlich betrunken, ein grauer, dünner Junge, der sich bewegt wie ein Roboter. Wir betreten ihre Behausung und ein großer Hund knurrt uns an – sie sagt, dass er nicht beißen würde. Ich behalte ihn trotzdem wachsam im Auge.

Graciana auf dem Sofa ihres Wohnzimmers
Graciana auf dem Sofa ihres Wohnzimmers

Auf Graciana gewartet hat hier niemand. Ein Mann mit einem riesigen Bauch steigt aus dem Bett und kommt uns mit einem feindseligen Blick entgegen. Angeblich sei er gerade von der Arbeit gekommen und habe sich hingelegt um sich auszuruhen. Es handelt sich um den Partner von Graciana, der, wie sie sagte, die gestohlenen Sneakers in ihre Handtasche gelegt habe.

Garciana wird wütend. Schreiend geht sie auf den Kerl zu, der ganze Kummer bricht aus ihr heraus. Er sei schuld daran, dass sie sechs Monate lang ihren Sohn nicht gesehen habe. Die Stimmung ist explosiv. Wir verlassen den Raum, weil wir ein Handgemenge befürchten. Ich bitte Graciana darum, die Dinge in Ruhe aufzuklären, wenn wir weg sind. Die Wohnung füllt sich. Freunde und Bekannte kommen, bringen Hochprozentiges mit, wollen Gracianas Rückkehr feiern. Alle reden durcheinander.

Es wird langsam dunkel. Zeit für den Rückzug Die Verabschiedung ist herzlich, Graciana umarmt uns und überschüttet uns mit Küssen.

Auf dem Rückweg diskutieren wir über diesen seltsamen Tag. Wir haben einen Menschen erlebt, der voller Fehler steckt, Defekten, Tugenden, Ängsten, Hoffnungen – und leidenschaftlich starken Mutter-Gefühlen. Wahrscheinlich ist die Sehnsucht nach ihrem Kind der einzig feste Boden, das Quentchen Hoffnung, das sie antreibt, ihr emotionale Sicherheit gibt; die biographische Verankerung in einer ungerechten Welt. Glück oder Pech wechseln sich im Leben ab. Mal mehr, mal weniger. So kommt es vor allem darauf an, ja zum Leben sagen zu können. Besonders gilt das für den, der ganz tief gefallen ist. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Das Gefängnis hinter sich zu lassen, heisst, wieder ein autonomer Mensch zu werden: ein Freiheitswesen, mit einer neuen Chance auf Respekt und der Möglichkeit, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Wir hoffen, dass Graciana diese Chance erkennt und nutzen kann. Gott beschütze sie.

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