Es ist stockdunkel, als der Motor des Mini Countryman sein monotones Brummen verstummen lässt. Die beiden Münchner Fluss-Surfer Patrick Toledo und Tao Schirrmacher sind hundemüde, aber erleichtert, dass die sechs Stunden Fahrt von München bis hier in den Osten Frankreichs endlich hinter ihnen liegt. Bis es hell wird, drehen sie ihre Sitze in Liegeposition, quetschen sich zwischen die Surfbretter und lauschen durch die Stille nach einem anderen monotonen Rauschen. Und was sie da hören, scheint sie beide, ohne dass sie ein Wort miteinander wechseln, glücklich zu stimmen. Es ist der Fluss Doubs – mit der besten Flusswelle Europas – und der Grund für ihre lange Fahrt durch die Nacht.

Wenn man stürzt und irgendwann an das Ufer gespült wird, kann man einfach gemütlich über die Kuhwiesen zurück zum Einstiegsort zurückkehren
Wenn man stürzt und irgendwann an das Ufer gespült wird, kann man einfach gemütlich über die Kuhwiesen zurück zum Einstiegsort zurückkehren

Mit dem ersten Licht der Morgendämmerung klettern die Jungs aus dem Wagen und laufen dem Geräusch entgegen. Nach knapp 500 Metern ist die Welle schließlich zu erkennen. Zwei Meter hoch und 100 Meter breit. Der rund 450 Kilometer lange Fluss bietet an diesem Ort die erhofften idealen Voraussetzungen für endlose Ritte auf einer perfekten Süßwasserwelle. Tao und Patrick sind plötzlich hellwach, rennen zurück zu ihrem Wagen und pellen sich in Windeseile in ihre Neoprenanzüge.

Entweder man springt vom Ufer in den reissenden Fluss oder man gleitet gemütlich über die Betonrampe in die Welle
Entweder man springt vom Ufer in den reissenden Fluss oder man gleitet gemütlich über die Betonrampe in die Welle

Bei Hochwasser stürzt der Fluss mit bis zu 12 Kilometern pro Stunde eine Betonrampe hinunter, um sich dahinter zu einer massiven Welle aufzutürmen. Kein Vergleich mit den Dimensionen ihrer Haus- und Hofwelle, dem Münchner Eisbach. Der wurde zwar in den letzten Jahren zum Mekka der weltweiten Flusssurfszene, ist aber nur rund einen Meter hoch und zehn Meter breit. Tao surfte 2006 das erste Mal Le Doubs und ist seitdem regelmäßiger Gast. Er springt als Erster von einem Betonvorsprung an der Uferböschung in das Wasser. Ein französisches Rentnerpaar kommt in dem Moment mit dem Hund vorbei und schüttelt verwundert die Köpfe. Die ersten Meter verbringt Tao liegend auf dem Board, um durch den gut zehn Meter breiten Weißwasserpart zur offenen Welle zu gelangen. Wenige Sekunden später steht er auf seinem Board und tastet sich das buckelige Face entlang in Richtung des anderen Flussufers. Die Kühe, die dort vor einem prachtvollen, alten Herrenhaus gemütlich grasen, würdigen Tao keines Blicks. Erst etwas unsicher, schnell aber mit immer mehr Kraft und Präzision, haut Tao sein Trickfeuerwerk in den reißenden Strom. Man erkennt schnell, warum er 2012 und 2013 zum Europameister im Stationary Riversurfing gewählt wurde. Patrick schaut sich Taos erste Welle mit sichtlichem Respekt vor den Naturgewalten vom sicheren Ufer aus an, lässt dann aber nicht lange auf sich warten und feiert sein Debüt auf dem Doubs. Nach zwei Stunden klettern beide erschöpft zurück an Land.

Patrick schaut aus dem reissenden Fluss dabei zu, wie Tao den nächsten Take-off angeht.
Patrick schaut aus dem reissenden Fluss dabei zu, wie Tao den nächsten Take-off angeht.

Tao berichtet bei Kaffee und Croissant in der Dorfbäckerei von vielen weiteren, noch viel größeren Wellen, die er hier schon entdeckt hatte. „Wenn der Wasserstand einen bestimmten Pegel erreicht hat, wird man am Doubs immer irgendwo eine laufende Welle finden“, erklärt Tao, während er sich die durchgefrorenen Hände am Kaffeepott aufwärmt. Anders als bei Wellen im Ozean spielt bei Flusswellen die Fließgeschwindigkeit und der Wasserstand des Flusses eine entscheidende Rolle, ob man eine perfekte Süßwasserwelle vorfindet, oder nur eine Wand aus unsurfbarem Weißwasser.

Theo nutzt die wenigen Stunden  vor Ort sehr effizient und springt riesige Airs in die kristallklare Luft
Theo nutzt die wenigen Stunden vor Ort sehr effizient und springt riesige Airs in die kristallklare Luft

Nach dem kurzen Pitstop geht es zurück an den Spot. Diesmal steigen die Jungs von der anderen Uferseite ein, um die zehn Meter Weißwasser am Einstieg zu vermeiden und direkt zur besten Section der Welle zu gelangen. Doch dafür müssen sie über das Grundstück des Herrenhauses laufen. Sie klettern über einen großen Zaun, schleichen geduckt über die Kuhwiese und beginnen Session numéro deux. Tao zirkelt immer höhere Airs in die klare Luft und auch Patrick fühlt sich sichtlich wohl. Wer stürzt, wird nach einem kurzen Waschgang durch die Wasserwalze hinter der Welle ausgespuckt, paddelt einfach gen Ufer und läuft zurück zum Einstieg.

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Nur die Dunkelheit holt die beiden aus dem Wasser. Durchgefroren und glücklich geht es zurück auf die Autobahn. Genau 24 Stunden später verabschieden sie sich dort, wo sie sich in München einen Tag zuvor getroffen hatten, um eine der besten Flusswellen Europas in Angriff zu nehmen. „Mission Doubs“ erfüllt!

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