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Katechismus der Schrauber
Adventure

Katechismus der Schrauber

Vier Räder bewegen den Körper, zwei Räder unsere Seele. Jemand, der das Motorradfahren wirklich ernst nimmt, will an solche Sätze glauben. Sie sind Leitmotive einer Szene, für die Fahren nicht Fortbewegung, sondern Lebenseinstellung ist. Wie langweilig, sich auf eine Maschine von der Stange zu schwingen, auf ein schnödes Massenprodukt, das zwar technisch einwandfrei funktioniert, doch am Ende ohne Seele ist. Wahre Enthusiasten wollen nie etwas anderes besitzen als eine ganz und gar nach eigenen Visionen und Träumen zusammengebaute Maschine. „Customizing“ heisst das in der Szene, und dabei kommen oft schier unglaublich schöne Einzelstücke heraus, die jedem die Schau stehlen.

Roland Sands by Joe Hitzelberger
Roland Sands by Joe Hitzelberger

Einen Blick hinter die Kulissen dieser eingeschworenen (Welt-) Gemeinschaft von Schraubern bietet der Bildband  „The Ride – New Custom Motorcycles and Their Builders“ (Die Gestalten Verlag, Berlin), dem die Fotos für diesen Artikel entnommen sind. Co-Autor ist der Neuseeländer Chris Hunter, dessen Website www.bikeexif.com als weltweit beliebteste Schaufenster der Custom-Bike-Szene gilt. Präsentiert werden vor allem jene Motorrad-Künstler, die durch ihre Arbeit eine Symbiose schaffen zwischen visionärer Kühnheit, markanter Formgebung und kompromissloser handwerklicher Qualität. Manche Entwürfe haben eine regelrecht subversive Kraft und verzichten auf jeglichen technischen Schnickschnack, andere kombinieren den Retro-Look mit modernen Hochleistungs-Scheibenbremsen aus dem Rennsport, LED-Leuchten, Zahnriemen und High-Tech-Antriebskomponenten.

Walt Siegl
Walt Siegl

In dem Buch zu sehen sind sehr unterschiedliche Visionen davon, was ein „perfektes“ Motorrad sein kann. Einige Bikes sind Einzelstücke, die in einem monatelangen, fast spirituellen Prozess entstanden sind, andere sind Auftragsarbeiten und wieder andere existieren sogar als begrenzte Serie.

Sordillo Salt Flat von Walt Siegl / Foto: David Ferrua
Sordillo Salt Flat von Walt Siegl / Foto: David Ferrua

„Im Prinzip geht es darum, das Bike nach allen Regeln der Kunst individuell zu verändern und umzubauen“, sagt Ivan Gabelini von Classic Cycles im Schweizerischen Ort Oberwil. Meist wird erst mal alles abschraubt, was nicht niet- und nagelfest ist, um dann beim Neuaufbau der Phantasie freien Lauf zu lassen: Reifen, Tank, Lenker, Sattel und vieles andere mehr wird mit Liebe zum Detail nach persönlichen Vorlieben kombiniert und zu einem Bike ganz eigener Prägung verbaut. Wenn man das nicht selber macht, sondern eine darauf spezialisierte Firma beauftragt, dann kann das schnell ins Geld gehen. Besondere Einzelstücke können da gerna auch mal hohe sechsstellige Beträge verschlingen.

Deus Ex Machina
Deus Ex Machina

Eine Massenbewegung ist das jedoch nicht: Nach Schätzungen von Experten sind nur rund 2-3 Prozent der zugelassenen Motorräder meldepflichtige Umbauten. Das nicht meldepflichtige sogenannte Soft-Customizing mit kleineren Änderungen wie etwa Lampen oder speziellen Lackierungen sind etwa bei 5-10 Prozent der zugelassenen Maschinen zu finden. Die strengen Bestimmungen der Strassenverkehrsämter sorgen dafür, dass die Phantasie nicht allzu wilde Blüten treibt.

LowDownandShifty von Kurt Walter / Foto: Mike Leven
LowDownandShifty von Kurt Walter / Foto: Mike Leven

Die Wurzeln des Costumizing gehen zurück auf die Zeit Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre. Als Rohstoff konnte man damals sowohl in Amerika wie Europa preisgünstig alte Miltiärmaschinen erstehen, die den zweiten Weltkrieg überlebt hatten und überflüssig geworden waren. Einen Höhepunkt erlebte die junge Customizing-Szene in den 1960er und 1970er Jahren. Das umgebaute Serien-Motorrad war wichtigstes Szeneelement.

Moon Rocket von Cole Foster
Moon Rocket von Cole Foster

Insbesondere die sogenannten englischen „Cafe Racer“ spielten eine stilbildende Rolle: tief geduckte Maschinen mit Stummellenkern und offenen Schalldämpfern, wurden bis zu Geschwindigkeiten von über 160 km/h „frisiert“ und in Straßenrennen untereinander gemessen. Namensgebend war das legendäre Ace Cafe in London. Von hier aus starteten die jungen Motorrad-Rebellen ein Rennen zum nächsten Kreisverkehr und wieder zurück. Diese Distanz war nach Möglichkeit zurückzulegen, ehe eine zuvor in der Jukebox angewählte Single zu Ende abgespielt war.

Technics Sportster von Roland Sands
Technics Sportster von Roland Sands

Musik, Mode, Botschaft, Attitüde – alles hängt irgendwie zusammen. Kein Wunder also, dass es Ex-Rennfahrer Roland Sands als besondere Herausforderung empfand, den Stil des DJ-Ausstatters Technics auf ein Bike zu übertragen. Dazu kombinierte der Kalifornier mattschwarzen Lack und silbrig schimmernde Zierelemente. Sobald sich die Räder drehen, bewegen sich die Zierlelemente auf der Felge in die entgegengesetzte Richtung und erinnern damit an den Drehteller der legendären Technics-Plattenspieler.

Kurt Walter
Kurt Walter

Sands, bei dem schon das Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Mickey Rourke Maschinen gekauft haben, greift bei seiner Arbeit zurück auf Serienmotorräder von Ducati, BMW oder Harley Davidson. „Viel Spass macht es mir, Stilelemente und Ideen miteinander zu kombinieren, die unter normalen Umständen nicht zueinander passen würden“, beschreibt Sands seine Philosophie.

Cole Foster
Cole Foster

Ähnlich bekannt in der Szene ist auch der ursprünglich aus Österreich stammende Walt Siegl. Er ist einer der wenigen Cosumizer, denen ein Portrait im amerikanischen Wall Steet Journal gewidmet wurde. Spross einer Künstlerfamilie, fuhr Siegl mit 18 sein erstes Motorrad-Rennen und schloss sich einem Straßenrennsport-Team an. Nach Stationen in Marseille als Rangierer und als Schweißer in Deutschland, Österreich und Italien, führte ihn ein Job nach Moskau, wo er in das österreichische Aussenministerium wechselte. 1985 wurde er nach New York versetzt, um sich dort für die Förderung zeitgenössischer österreichischer Kunst einzusetzen. Nebenbei widmete er sich dem Umbau von Motorrädern. Sieben Jahre später machte er das Hobby zum Beruf und bezog mit seiner Familie in Harrisville eine alte Stoff-Manufaktur. Eines Tages schneite Arthur Sordillo in seine Werkstatt, ein Pop-Art-Künstler aus Brooklyn.  „Der Typ legte mir das Modell eines kantigen Tanks auf den Tisch und sagte, ich solle ihm dazu das passende Motorrad bauen“, erzählt Sands. Entstanden ist eine Harley-Davidson im hod-rod-Style.

El Solitario
El Solitario

Auch die „Moon Rocket“ des Kaliforniers Cole Foster zitiert die Hot-rod-Stilistik. Inspriationsquelle waren die Bikes amerikanischer drag-race-Helden wie Leo Payne und Boris Burry. Für diese Beschleunigungsrennen wurde alles abgebaut, was nicht unbedingt zum Fahren nötig war und eine Verkleidung sorgte für Windschlüpfigkeit.

Extreme Umbauten sind das Markenzeichen von Kurt Walter, Gründer und Designchef von „Icon“, einem Hersteller von Motorradbekleidung in Portland, Oregon. Manche seiner martialischen Bikes sehen aus wie aus einem Endzeit-Actionstreifen.  Besonders schön ist der auf einer Yamaha X650 basierende Chopper namens „Low Down & Shifty“.  Der  lang gestreckte Rahmen, der für einen extremen Radstand sorgt, wurde komplett neu gefertigt. Auch der dazu passende flache Aluminium-Tank mit einer aufgemalten Christus-Figur ist reine Handarbeit.

Ausserhalb der USA, dem unangefochtenen Mekka der Costumizer, hat sich die spanische, von David Borras geführte Garage „El Solitario“ hervorgetan. Eines von Borras Paradestücken ist die mollig wirkende „Baula“. Das auf einer BMW R75/5 basierende Motorrad trägt den Namen einer prähistorisch aussehenden Schildkröte. Mit etwas Phantasie kann man in den Zylinderköpfen die Flossen des Meerestiers wiedererkennen.

Auf den Retro-Style setzt auch der australische Veredler „Deus Ex Machina“. Stellvertretend sei die knallrot lackierte „Moulin Rouge“ genannt, eine wunderschöne Kombination von Heritage und Neuzeit, West und Fernost. Der nostalgische Monosattel und der Tank einer frühen Triumph gehen eine kongeniale Verbindung ein mit dem Motor von Kawasaki und Yamaha-Doppelbremsen.

 

Alle Bilder aus The Ride © Gestalten 2014

 Das Buch
THE RIDE  – New Custom Motorcycles and Their Builders 2013. Bildband über die besten Customizer weltweit, von Chris Hunter und Robert Klanten, alle Texte in englischer Sprache. Format 30 x 27 cm, 320 Seiten, Hardcover (um 49.90 Euro) shop.gestalten.com

 

Verwinkelt
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Verwinkelt

Am Rande der Hauptinsel Singapurs und inmitten von überraschend üppigem Grünbewuchs durchbricht eine ungewöhnliche Kontur das bekannte Bild einer Mega-Metropole: Wo sonst unzählige weiß-graue oder metall-gläserne Finger Richtung Himmel weisen, entsagt das ‚Interlace‘ dem traditionellem Konzept des isolierten Himmelsstürmers. Zunächst für das renommierte ‚Office for Metropolitan Architecture‘ (OMA), später dann unter eigener Regie, warf Architekt Ole Scheeren das praktikable Hochhaus-Prinzip buchstäblich durcheinander. Nun liegen 31 Blöcke horizontal über eine Fläche von 170 000 m² verteilt. Dabei flossen zahlreiche Überlegungen in das Design.

The Interlace by OMA Ole Scheeren_03_photo Iwan Baan

Das 2009 begonnene und gegen Ende 2013 fertig gestellte Mega-Projekt beherbergt 1040 unterschiedliche Wohnungen, die trotz relativ zentraler Lage bezahlbar sein sollten. Im Vorfeld unternommene Tests sollten darüber hinaus garantieren, dass jeder Bewohner genügend Tageslicht erhält. Die spezielle Anordnung der je sechs Stockwerke hohen Blöcke machte solche Test nicht unerheblich: Ein ‚Interlace‘ bezeichnet etwas Verwobenes oder Verknotetes und genau dieser Effekt springt beim Näherkommen sofort ins Auge. An drei zentralen Punkten des Gebäudes bilden vier versetzt übereinander gestapelte Blöcke die höchsten Erhebungen.

Unzählige Winkel und Durchbrüche lassen genügend Licht einfallen, bieten aber auch Schutz vor neugierigen Blicken.
Unzählige Winkel und Durchbrüche lassen genügend Licht einfallen, bieten aber auch Schutz vor neugierigen Blicken.

Darüber hinaus sorgen die locker verwobenen Aufbauten für reichlich Lichtdurchbrüche aus verschiedenen Richtungen. In Kombination mit diversen Teichanlagen befördert diese Architektur eine passive Kühlung. Die einkesselnden Häuserwände gewähren zusätzlich Schutz gegen die dauerhaft tropischen Temperaturen des Stadtstaates. Eingangs- und allgemeine Aufenthaltsbereiche sowie das unterirdische Parkdeck kommen ohne künstliche Belüftung aus.

Über zentrale "Verteilerknoten" sollen die Wohnungen schnell erreichbar sein.
Über zentrale „Verteilerknoten“ sollen die Wohnungen schnell erreichbar sein.

 

Teich- und Gartenanlagen bieten Rückzugsorte vom hektischen Großstadtleben-
Teich- und Gartenanlagen bieten Rückzugsorte vom hektischen Großstadtleben-

Neben der Nutzung von Licht und Luftkanälen soll die ‚Interlace‘-Struktur aber ebenso ein natürlicheres Landschaftsbild befördern, welches sich in die Umgebung einpasst. Auch wenn die Blöcke bisher noch klobig-kahl daher kommen, werden Zeit und Natur diesen Makel beheben. Denn in fast jedem Winkel – auf jeder der maximal vier Hauptebenen – erobern Gärten und Dachterrassen Schritt um Schritt den Beton für sich. Wenn dank der großen Oberfläche jetzt bereits 112% mehr Grünfläche als vor dem Bau existieren, soll langfristig der gesamte Bau mit seiner Umgebung verschmelzen. Pflanzenbewuchs also als einkalkulierter ‚Baustoff‘.

Die Luftaufnahme zeigt, wie gut sich die Anlage in die Umgebung einfügt.
Die Luftaufnahme zeigt, wie gut sich die Anlage in die Umgebung einfügt.

Das Bedürfnis nach Intimität floss ebenfalls ein in die Konzeption und zeigt sich vor allem an den unterschiedlich gestalteten Innenhöfen. Die Gebäudeanordnung verleiht diesen einerseits Raum und Licht, andererseits verhindern die vielen Winkel allzu große Übersicht. Der Gedanke dahinter versucht eine Übereinkunft aus öffentlichen Plätzen und privaten Rückzugsorten zu finden. Wasseranlagen, Spiel- oder Fitnessräume, Grillflächen und ein Platz für Veranstaltungen sind dazu gedacht, inmitten der anonymen Metropolen-Atmosphäre einen Raum für lokale Gemeinschaft zu errichten. Weiterhin sollen Spa-Bereiche, Leseräume oder private Gärten Bedürfnisse nach Ruhe und Abgeschiedenheit bedienen. Bei den Bewohnern scheint auf eine gewisse Vielfalt gesetzt zu werden, denn der Wohnraum reicht von 17 m² großen Zimmern bis zu 550 m² riesigen Eigentumswohnungen, mal mit oder ohne Balkon, mal mit privater Dachterrasse. Monatliche Mietpreise beginnen derzeit bei 1 700 Singapur-Dollar, was umgerechnet etwa 1 000 € entspricht. Für dortige Verhältnisse ist dies nicht ungewöhnlich, verglichen mit dem örtlichen Durchschnitt sogar recht annehmbar. Immerhin liegt die Stadt weltweit auf Rang sechs der durchschnittlich höchsten Mietkosten.

Als "vertical village" - senkrechtes Dorf bezeichnen die Entwickler ihre Idee.
Als „vertical village“ – senkrechtes Dorf bezeichnen die Entwickler ihre Idee.

Als ‚vertical village‘ – senkrechtes Dorf – bezeichnen die Entwickler ihre Idee: Menschen verschiedener Lebenssituationen, im Inneren durch eine Hommage an den Dorfplatz und ein umfangreiches Repertoire von Aktivitäten verbunden. Die nach außen abwehrende Architektur wirkt dabei wie ein Schutzwall, der die urbane Umgebung zwar nicht gänzlich aussperrt, ihr indes einiges entgegensetzt. Je mehr das Dorf ohnedies im Grün versinkt, desto leichter dürfte solch eine Assoziation von der Hand gehen. Ob das preisgekrönte ‚Interlace‘ den praktischen Test aber auch langfristig übersteht, hängt wohl nicht zuletzt davon ab, wie die Bewohner dieses Angebot annehmen und über die erste Generation hinaus weiter tragen.